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Dorfbewohner mit Hotelservice

Wenn da, wo es am schönsten ist, keiner mehr leben will, braucht es neue Ideen: Im Muggiotal im Tessin versucht man genau das mit einem Albergo Diffuso. Quasi ein Hoteldorf.

FOTOS
Claudio Bader; Karte: Anina Noser
29. Oktober 2021

Am Bahnhof von Mendrisio TI wartet Oscar Piffaretti (51) auf den Reporter, der sich ein Bild vom jüngsten Albergo Diffuso in Scudellate TI machen möchte. Das ist komfortabel, wenn man aus der Deutschschweiz anreist: ein Abholservice direkt vom Bahnhof. Oscar Piffaretti ist Besitzer, Hotelier und Initiant des Projekts – und gelegentlich eben auch Chauffeur für Gäste. Und das alles im Nebenjob, denn hauptberuflich arbeitet er in einer kleinen Firma für erneuerbare Energie in Chiasso TI.

Wer so viel Herzblut in eine Idee steckt, tut nicht heikel. Auf dem Weg nach hinten ins Tal stoppt Piffaretti bei der Metzgerei in Castel San Pietro TI, am Eingang zum Muggiotal, und hievt eine grosse Kiste mit Fleisch in den Kofferraum. «Das ist für unsere Osteria», klärt er auf. «Ich fahre jeden Tag von Scudellate hinunter, da kann ich die Lieferungen auf dem Heimweg gleich mitnehmen. Wir wollen nicht, dass die Lieferanten alle einzeln ins Muggiotal fahren müssen.» Damit vermeidet er viel unnötigen Verkehr auf der ohnehin schmalen Strasse. Auf dieser führt der Weg nach hinten ins Muggiotal, das südlichste Tal der Schweiz. Es ist auch das Tal der Doppelkonsonanten. Man fährt durch Ortschaften mit Namen wie Breggia, Caneggio, Bruzella, Cabbio und Muggio, ehe man ganz hinten, nach etwa einer halben Stunde, Scudellate erreicht. Der Bach, der durch das Tal und dann in den Comersee fliesst, ist die Breggia.

Die Idee des Albergo Diffuso, also eines verstreuten Hotels, ist nicht ganz neu. Sie entstand in den 1980er-Jahren in Italien und erlebte dort eine grosse Verbreitung. In entvölkerten Tälern des Piemonts, der Abruzzen oder Kalabriens wurden solche Hoteldörfer eingerichtet. Die zum Teil schon verfallenen Häuser werden dafür renoviert, und mit den Einnahmen aus den Vermietungen können die Hausbesitzer die Baukosten wieder zurückholen. Wenn sich mehrere Parteien aus dem Dorf zusammenschliessen, entsteht ein Albergo, ein Hotelbetrieb.

Die Gäste fühlen sich wie Dorfbewohner und logieren in den einzelnen Häusern. In einer Zentrale befindet sich die Rezeption, Frühstück gibts beim Bäcker, Abendessen in der Osteria. Und trotzdem sind sie Hotelgäste mit allen Annehmlichkeiten, die Hotelgäste erwarten dürfen. Inzwischen findet man in unserem südlichen Nachbarland über 100 Dörfer und historische Ensembles, die als Albergo Diffuso umgenutzt wurden. In Deutschland, Österreich und auch der Schweiz steht die Entwicklung erst am Anfang.

Gäste aus der Deutschschweiz

Die Initianten des Albergo Diffuso im Muggiotal verfolgen die gleichen Absichten wie in Italien: «Wir wollen das Dorf und das ganze Tal durch den Tourismus wiederbeleben.» Aktuell gehören die Osteria, die Jugendherberge im alten Schulhaus, ein gehobenes B & B sowie ein Ferienhaus zum Albergo Diffuso. Weitere Unterkünfte sollen folgen, denn viele der Häuser in Scudellate werden nur als Zweitwohnungen genutzt und stehen die meiste Zeit leer. Das Interesse der privaten Vermieter sei gross, sagt Oscar Piffaretti, «aber zuerst müssen wir uns konsolidieren». Das Albergo will im Endausbau 60 Betten anbieten, derzeit sind es rund 30. Am Projekt haben sich der Kanton Tessin, die Berghilfe und diverse Stiftungen beteiligt. Eine Studie hat gezeigt, dass diese Form von Tourismus Potenzial hat.

Die Osteria Manciana ist die Zentrale des Albergos. Oscars Mutter und Grossmutter haben das Restaurant einst geführt, jetzt ist Oscars Frau Simona (51) die Chefin. Im Albergo ist die Rezeption für die verstreuten Zimmer. «Wir machen Check-in, Check-out, Reinigung und Unterhalt», sagt Piffaretti. Er wolle nicht, dass die Gäste den Schlüssel aus einem Kasten mit Nummerncode nehmen müssen. «Wir wollen unseren Gästen ‹Grüezi› sagen», betont er in seinem charmanten

italienisch gefärbten Deutsch. Und dieses braucht er sehr oft, denn 95 Prozent der Gäste im Muggiotal sind Deutschschweizer. «Sie lieben das Tessin, aber nicht alle wollen ins Maggia- oder Verzascatal.» Das Valle di Muggio sei ein wenig bekanntes Kleinod.

Tal mit Geschichte und Geschichten

Damit er den Gästen etwas bieten kann, will Piffaretti künftig Aktivitäten für alle Gäste organisieren: Teambildungs-Angebote, Yogakurse oder Wanderungen unter kundiger Führung. Zu erzählen gibt es viel im Muggiotal. Armut, Schmuggel und die Abwanderung haben zahllose Geschichten geschrieben. So auch Oscar Piffarettis Grossvater Ugo (1918–1997), der eine legendäre Figur im Tal war: Bäcker, Coiffeur, Politiker und Schmuggler in einem. «Er hatte etwa 30 Angestellte, die für ihn schmuggelten», erzählt sein Enkel. Das war damals ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Und seine Frau, Oscars Grossmutter, schmiss die Osteria und kochte den besten Ossobucco im ganzen Tessin.

Oscar Piffaretti selber ist in Scudellate aufgewachsen. Er kannte das Dorf schon, als es noch 150 Einwohner, drei Restaurants, zwei Läden und eine Schule mit 30 Kindern hatte. Heute wohnen nur noch 15 Menschen fix in Scudellate, der nächste Laden ist fünfeinhalb Kilometer entfernt, und in die Schule muss von den 15 Einwohnern keiner mehr. Ohne Arbeitsplätze, ohne Leben sterben solche Orte aus. Sanfter Tourismus ist die vielleicht letzte Chance für Scudellate.

Fünf Angestellte arbeiten für das Albergo Diffuso. «Wir hoffen, dass auf diese Weise auch wieder junge Leute ins Tal kommen, damit wir es lebendig halten können.» Junge Leute braucht das Tal – und zwar dringend. Der Bäcker in Cabbio, der einzige im Tal, sucht auch schon länger einen Nachfolger. «Wenn wir keinen finden, gibt es im Tal bald kein Brot mehr.» 

Ein Zimmer in der Osteria Manciana kostet ab 130 Franken pro Nacht mit Frühstück, ein Schlafplatz in der Jugendherberge kostet 40 Franken mit Frühstück.


Albergo Diffuso

Neben Scudellate sind in der Schweiz weitere Alberghi Diffusi geplant oder schon in Betrieb.

Pruntrut JU: In der jurassischen Kleinstadt ist 2017 das erste Albergo Diffuso nach italienischem Vorbild entstanden. Heute zählt es 25 Zimmer über den ganzen Ort verteilt, die Hotelleistungen anbieten.

Lenzerheide GR: Das Hotel Guarda Val ist ein Maiensäss-Hotel. Elf Maiensässe oberhalb von Lenzerheide wurden zu einem Viersternehotel umgebaut. Der Weiler Sporz, wo sich das Hotel befindet, bleibt somit fast das ganze Jahr über belebt.

Corippo TI: Das «jüngste» Albergo Diffuso entsteht in Corippo im Verzascatal. Die Eröffnung ist auf März 2022 geplant. Hier befinden sich die Zimmer in verschiedenen 100-jährigen Rustici.