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Ein Heim für Kaninchen

Als Haustiere werden sie immer beliebter. Doch Hunderte Kaninchen landen jedes Jahr im Heim. Diese Langohren suchen ein neues Zuhause. «Wir müssen uns verantwortungsvoll um sie kümmern», sagt «Tierisch»-Moderatorin Silvi Herzog.

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Heiner H. Schmitt
26. März 2021
Moderatorin Silvi Herzog mit Kaninchen Tom: In einem Korb lässt er sich hochheben, sonst mag er das nicht.

Moderatorin Silvi Herzog mit Kaninchen Tom: In einem Korb lässt er sich hochheben, sonst mag er das nicht.

Kurz und bündig

  • Kaninchen können bis zu 60 Kilo­meter pro Stunde schnell rennen.
  • Hasen und Kaninchen sind zwar miteinander verwandt, gehören aber zu verschiedenen Gattungen. Es handelt sich also um verschiedene Tierarten.
  • In der Schweiz leben rund 390 000 Kaninchen und Hasen als Haustiere.
  • Die Verdauung von Kaninchen funk- tioniert nur, wenn sie häufig fressen.

Vorsichtig schnuppert Tom an Silvi Herzog (48). Kaninchen sind nicht so menschenbezogen wie Hunde oder Katzen. Doch die Langohren zeigen durchaus Interesse an den grossen Zweibeinern, die ihnen das frische Heu bringen. Tom ist ein Löwenkopfkaninchen und wohnt im Tierheim an der Ron im luzernischen Root. Kommen Fremde an sein Gehege, versteckt er sich zunächst hinter seinem Haus. Doch schon nach kurzer Zeit hoppelt er zum Zaun und betrachtet die Besucher neugierig und, ja, auch irgendwie freundlich.

Der Jööö-Reflex ist sofort da: Tom sieht so herzig aus, man möchte das Fellknäuel streicheln und auf den Schoss nehmen. Aber auch Tom hat Reflexe: Er zeigt deutlich, dass er dies nicht mag. Wird er hochgehoben, zappelt er heftig. Festgehalten auf dem Schoss fühlt er sich als Fluchttier in der Falle und nicht wohl. Dann zappelt er noch mehr. Kaninchen klopfen dazu mit ihren Läufen auf den Boden, wenn sie gestresst sind oder Angst haben. Damit warnen sie auch ihre Artgenossen. Oder sie verfallen in eine Angststarre und stellen sich tot. Doch den Platz in einem Körbchen mit Heu und Stroh findet Kaninchen Tom sehr interessant.

Darin lässt er sich gerne nieder und sogar hochheben. Silvi Herzog scheint er ebenfalls zu mögen. Und die Moderatorin mag nicht nur Kaninchen, sondern alle Tiere. Dank ihrer Sendung «Tierisch» haben schon unzählige Fell- und Federträger ein neues Zuhause gefunden. In den wöchentlichen Beiträgen stellt sie auch heimatlose Tiere vor. Ihre Sendung ist auf verschiedenen lokalen TV-Kanälen zu sehen.

Name: Neo,  Alter: 2 Jahre,  Geschlecht: Männchen,  Rasse: Widderkaninchen,  Charakter: Neo ist zwar alleine auf dem Foto, doch er hat noch eine schwarz-weis­se und gleichaltrige Partnerin namens Nera. Die beiden Kaninchen werden nur zusammen vermittelt. Neo und Nera sind mittelgross und graben sehr gerne. Sie können deshalb nur draussen gehalten werden. Kontakt: Tierdörfli Olten in Wangen b. Olten SO.

Die Langohren brauchen viel Zeit

Diesmal besucht Silvi Herzog das Tierheim an der Ron. In den Kaninchengehegen wohnt momentan neben Tom noch ein Kaninchenpärchen. Doch schon bald könnten es mehr sein. «Nach Ostern werden bei uns häufiger Kaninchen abgegeben als sonst», stellt Yanick Ennen (22) fest. Er kümmert sich als stellvertretender Leiter um die Tierpflege im Heim. «Viele verschenken echte Kaninchen zu Ostern, das ist generell keine gute Idee.»

«Viele verschenken echte Kaninchen zu Ostern, das ist generell keine gute Idee.»

Yanick Ennen

Kaninchen als Haustiere sind beliebt. Der Verband für Heimtierhaltung hat im Jahr 2018 noch rund 240 ​000 Kaninchen und Hasen in privaten Haushalten gezählt. Im Jahr 2020 waren es schon fast 390 ​000. Auch Corona hat dazu beigetragen, dass mehr Tiere gehalten werden. Doch dadurch landen schliesslich auch mehr Kaninchen in den Heimen. Yanick Ennen: «Die Leute unterschätzen den Aufwand der Kaninchenhaltung.»

Mit einem kleinen Käfig ist es bei Weitem nicht getan. Wer die Hoppler wirklich glücklich machen möchte, baut ihnen ein festes und grosses Gehege im Garten. Susanne Klein (81), die Leiterin des Tierdörfli Olten, steht der Wohnungshaltung eher kritisch gegenüber. «Natürlich kann man Kaninchen mal ins Haus nehmen, wenn die Wetterverhältnisse extrem werden zum Beispiel oder wenn sie verletzt sind. Aber sie haben einen starken Bewegungsdrang und graben auch gerne. Das kann in der Wohnung schwierig sein», gibt sie zu bedenken. «Falls man die Tiere in der Wohnung hält, empfehlen wir die Einrichtung eines Kaninchenzimmers.» Dabei sollte man ebenfalls daran denken, dass Kaninchen auf glatten Böden ausrutschen können. Kaninchen sollten ausserdem mit mindestens einem Artgenossen gehalten werden, sonst fühlen sie sich einsam.

Name: Jenny und Timmy,  Alter: 3 Jahre  ,  Geschlecht: Männchen und Weibchen,  Rasse: Zwergkaninchen,  Charakter: Jenny und Timmy sind zwei sehr liebe und zutrauliche Kaninchen. Die beiden Langohren möchten auch in ihrem neuen Zuhause gerne zusammenbleiben. Sie mögen es, draussen in einem grossen Gehege zu hoppeln. Doch sie schätzen auch die Gemütlichkeit eines grossen Kaninchenhauses, wo sie sich bei schlechtem Wetter zurückziehen können. Kontakt: Tierheim an der Ron.

Ein Kaninchen ist kein Hase

So ein Kaninchenzimmer oder ein artgerechtes Gehege kosten Geld. «Kaninchen sind nicht einfacher, sondern aufwendiger als Haustiere wie Hund und Katze», sagt Susanne Klein. Das kostet auch Zeit. Das Gehege braucht einmal pro Woche eine Reinigung, die Kot-Ecke jeden Tag. Wobei zu beachten ist, dass die Tiere ihren Blinddarmkot wieder verzehren. Kaninchen benötigen täglich frisches Wasser und verschiedenes Futter. Weil sie einen Stopfdarm haben, funktioniert ihre Verdauung nur, wenn sie häufig etwas fressen können, vor allem Heu. Sie nehmen bis zu 80 kleine Mahlzeiten pro Tag zu sich. Rüebli sollte man ihnen übrigens, entgegen der landläufigen Meinung, nicht zu viel geben. Kaninchen ernähren sich hauptsächlich von Grünfutter wie etwa Gräsern und Kräutern.

«Kaninchen sind nicht einfacher, sondern aufwendiger als Haustiere wie Hund und Katze»

Susanne Klein

Und der Tierarzt muss ebenfalls regelmässig impfen, die Krallen kürzen und sie allgemein untersuchen. Da kommt einiges zusammen. Die Tierdörfli-Leiterin weiss, wovon sie spricht, schliesslich versorgt sie durchschnittlich vierzig Kaninchen in ihrem Heim. Unsere Kaninchen sind alle Nachfahren des Europäischen Hauskaninchens. Mit dem Hasen sind sie nicht verwandt. Ursprünglich lebte dieses Hauskaninchen in Spanien, Frankreich und Nordafrika. Doch mit der Zeit brachten es Entdecker und Reisende in viele andere Länder. Denn es wurde schon damals verspeist. In der Wildnis schliessen sich die Kaninchen zu grossen Gruppen zusammen. Sie leben in weit verzweigten Erdhöhlen und sind dämmerungsaktiv.

Name: Dimitri,  Alter: 3 Jahre,  Geschlecht: Männchen,  Rasse: Hauskaninchen,  Charakter: Dimitri ist ein eher grösseres und neugieriges Kaninchen. Woher die Verletzung an seinem Ohr stammt, ist nicht bekannt. Sie ist jedoch gut verheilt. Er ist einer von drei Brüdern, die nur gemeinsam vermittelt werden (siehe auch schwarzes Kaninchen rechts). Kontakt: Tierdörfli Olten.

Kuscheln ist tabu

Bei wilden Kaninchen beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung neun Jahre, Hauskaninchen können bis zu zwölf Jahre alt werden. Das ist eine lange Zeit. Wer eines halten möchte, muss es sich gut überlegen. Und eben, man kann es nicht oft genug sagen, Kaninchen sind keine Kuscheltiere. «Herumtragen und Schmusen mögen sie wirklich nicht», erklärt Yanick Ennen vom Tierheim an der Ron. «Doch man kann sich ins Gehege zu ihnen setzen und sie füttern. Wenn sich Kaninchen freiwillig nähern, ist der Kontakt in Ordnung.»

Auch Silvi Herzog betont: «Eine Adoption muss sorgfältig geplant sein.» Sie selbst geht mit gutem Beispiel voran: «Ich bin sehr tierlieb, deshalb habe ich kein Haustier. Ich arbeite hundert Prozent, da bleibt keine Zeit für eine artgerechte Haltung.» Wenn sie die Zeit hätte, würde sie einen Hund adoptieren. Die Sendung «Tierisch» ist für Herzog eine Möglichkeit, auch ohne eigenes Tier mit Tieren Kontakt zu haben. Und das geht auch ohne eigene TV-Sendung: Viele Tierheime freuen sich über freiwillige Helfer, die zum Beispiel den Hundespazierdienst übernehmen. Aber auch ein Kuchen für den Tag der offenen Tür oder Spenden helfen den Tieren. «Sie sind nicht einfach für uns da», ist Silvi Herzog überzeugt. «Wir müssen uns verantwortungsvoll um sie kümmern.» 

Den Kontakt zu den Tierheimen finden Sie auf deren Webseiten:

Kontakt Tierheim Luzern»

 

Kontakt Tierdörfli Olten»

Mehr zur Sendung von Silvi Herzog gibt es unter:

Tierisch TV»