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Eine alte Dame wird fit gemacht

Dieses Jahr feiern die Rigi-Bahnen ihren 150. Geburtstag. Dafür macht Mechaniker Martin Horath die 148 Jahre alte Dampflok Nummer 7 wieder betriebsfit.

FOTOS
Mischa Christen
08. März 2021
Dampflok-Mechaniker Martin Horath auf der Lok 7. Das Baujahr der historischen Dampflokomotive: 1873.

Dampflok-Mechaniker Martin Horath auf der Lok 7. Das Baujahr der historischen Dampflokomotive: 1873.

Sie trägt den unspektakulären Namen «7», aber ihr Alter ist spektakulär hoch: «s’Sibni», wie die Lok bei den Rigi-Bahnen genannt wird, hat nämlich Jahrgang 1873 und gehört zu den ersten Lokomotiven, die die Rigi-Bahnen in Betrieb genommen haben. Ab da fuhr sie über 60 Jahre lang auf die Rigi, ehe sie 1937 in Rente gehen musste. Damals hatte man die Strecke Vitznau–Rigi Kulm elektrifiziert und die alten Dampflokomotiven ausgemustert. Im Jubiläumsjahr 2021 wird die Lok 7 als einzige Überlebende ihrer Generation wieder den Berg hinaufdampfen wie anno dazumal. 

Nostalgiefahrten sind beliebt beim Publikum, nicht nur im Jubiläumsjahr. Aber jetzt ganz besonders. «Irgendwie hängen wir Menschen an den alten Zeiten», sagt Dampflok-Mechaniker und Lokomotivführer Martin Horath (56). Er selber gehöre zu jenen, die sich diese alten Zeiten gerne zurückwünschen, sagt er mit einem schelmischen Lächeln. An der Wand in der Werkstatt, in der ­Horath und sein Team gerade die alte Lok 7 zerlegen und reinigen, hängt eine historische Aufnahme der Rigi-Bahnen, die um das Jahr 1880 entstand. Im Führerstand steht mit demonstrativ geschwellter Brust der Lokomotivführer. Horath erklärt: «Damals waren die Lokführer heimliche Könige. Sie verdienten etwa gleich viel wie der Direktor der Bahn», und ergänzt schmunzelnd: «Das ist heute nicht mehr so.» 

Nur durch Zufall überlebt

Dass die Lok 7 mit stehendem Dampfkessel nach ihrer Ausmusterung 1937 überhaupt überlebt hat, hat viel mit Zufall zu tun. Aber auch mit dem Engagement und dem Vorausblick von Sammlern, denn nicht mehr gebrauchte Maschinen hat man damals verschrottet. Da war zuerst Ernst Dübi (1884–1947), der Generaldirektor der Firma Von Roll. Er wollte die Lok der Nachwelt erhalten und hat für sie ein kleines Museum hergerichtet. 

Über Umwege ist die Lok 7 schliesslich ins Verkehrshaus der Schweiz nach Luzern gekommen. Dann brauchte es aber auch den Maschineningenieur ­Roger Waller (70), den Firmengründer der Dampflokomotiv- und Maschinenfabrik DLM AG in Winter­thur ZH, dem es gelang, das Getriebe der Lok 7 so umzubauen, dass es auf die neuen Zahnstangen passt. Damit ist sie überhaupt erst in der Lage, auf die Rigi zu fahren.

Und nun also die Revision. Dafür ist vor allem etwas Geld nötig – rund 100 000 Franken sind für die Instandstellung budgetiert – und Know-how, das Martin Horath mitbringt. Das Teuerste an der Revision seien die Kontrollen und die Arbeitsstunden, sagt Horath, denn auch eine 148 Jahre alte Dampflokomotive muss die technischen und die Sicherheitsanforderungen von 2021 erfüllen. Auf der Materialseite ist wenig zu ersetzen. Es sind so gut wie keine Standschäden entstanden, weil die Lok seit ihrem letzten Einsatz 2009, als das Verkehrshaus seinen 50. Geburtstag gefeiert hatte, in selbigem gut und trocken untergebracht war.

Bausatz für Kenner: Teile der Dampfmaschine (rechts), geteiltes Bremsband.

Zur Hälfte noch Originalteile 

In diesen Tagen absolviert die etwa 200 PS starke Lok 7 ihre ersten Testfahrten. Horath ist überzeugt, dass sie zuverlässig funktioniert. «Sie ist gut im Schuss für ihr Alter», meint Horath, «obwohl rund die Hälfte noch Originalteile aus dem Jahr 1873 sind, unter anderem der Rahmen, die Dampfmaschine, der Tender und eine der Achsen. Neu sind das Getriebe und der Kessel.» Gebaut wurde die Lokomotive übrigens in der nicht mehr existierenden Lokomotivfabrik Winterthur, deren erste vier Loks für die Rigi-Bahnen waren. 

Bleibt als letzte Frage, was Horath lieber macht: an der Lok arbeiten oder sie fahren? Die diplomatische Antwort: «Beides.» Was man selbst repariere, fahre man auch gerne selbst und trage ihm entsprechend Sorge, ist Horath überzeugt. «Das ist wie mit dem Privat-auto und dem Geschäftswagen. Auch wenns keiner zugibt.»

Das Jubiläumsjah

150 JAHRE RIGI-BAHNEN

Die wichtigsten Höhepunkte des Jubiläumsjahres 2021:

  • Mai bis Oktober: Erlebnisfahrten auf die Rigi mit der Lok 7
  • Juli bis Oktober: Körblifahrten. Wer die Dampfluft noch unmittelbarer schnuppern möchte, kann im Körbli der Lok 7 mitfahren.
  • 22. bis 24. Mai: Jubiläums-Wochenende mit historischer Fahrzeugparade
  • 28. Juli bis 1. August: Festspiel Rigi - Königin der Berge
  • Herbst: Präsentation des neuen Rollmaterials 

Weitere Infos: www.rigi.ch/150