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Exoten auf Strassen und Wegen

Wer Tandem fährt, merkt schnell: Man zieht die Blicke der Passanten auf sich wie mit einem getunten Sportwagen. Irgendwie logisch: Tandems sind ja auch schnelle Velos.

FOTOS
Mischa Christen
19. April 2021
Bei kurzen Stopps, zum Beispiel für den Fotografen oder beim Rotlicht, bleibt der hintere Fahrer mit beiden Füssen auf den Pedalen.

Bei kurzen Stopps, zum Beispiel für den Fotografen oder beim Rotlicht, bleibt der hintere Fahrer mit beiden Füssen auf den Pedalen.

Testen Sie sich selber: Haben Sie hier zu lesen begonnen, weil Ihnen das Tandem auf dieser Seite ins Auge gestochen ist? Wahrscheinlich. «Auf der Strasse passiert uns das immer wieder», sagt Christine Schneider (55). «Ein Tandem zieht Blicke auf sich.» Wenn sie und ihr Mann Marc (50) mit dem exotischen, von zwei Menschenstärken angetriebenen Fahrzeug unterwegs sind, lassen Reaktionen der Passanten nicht lange auf sich warten. «Sie sind oft von Land zu Land verschieden», schmunzelt die Luzernerin. In Frankreich etwa empfangen viele Leute ein Tandem mit Applaus, die Amerikaner hingegen finden es vor allem lustig, ihnen zuzurufen, dass die hintere nicht trete – was bei den meisten Tandems gar nicht funktionieren würde, da die Pedale von Pilot und Stoker (so nennt man den hinteren Fahrer oder die hintere Fahrerin) fest miteinander verbunden sind. Schweizer sind diskreter, hier sind es meist die Kinder, die ihre Begeisterung über das «komische Doppelvelo» kundtun.

«Auf dem Tandem ist man zur Kommunikation gezwungen.»

Marc Schneider

Zwei Bedürfnisse, eine Lösung

Christine und Marc Schneider fahren seit 25 Jahren Tandem. Sie suchten damals eine Lösung, wie sie den sportlichen Ehrgeiz von Marc und das Genussfahren von Christine unter einen Hut bringen können für ihr Ziel: Australien mit dem Velo zu erleben. Da Mitte der 90er-Jahre noch kaum jemand von E-Bikes sprach, fanden Schneiders die Lösung im Tandem. Inzwischen sagen sie mit 25 Jahren Erfahrung: «Ein Tandem hat mehr Vorteile als nur den Ausgleich von Kraft und Kondition zwischen zwei unterschiedlich starken Velofahrern.»

Was also macht den Reiz des Tandemfahrens aus? «Man reist wirklich zusammen», sagt Marc Schneider. Mit normalen Velos sei man zwar gemeinsam unterwegs, aber man fahre dann doch meist so weit voneinander entfernt, dass nur wenig Kommunikation möglich sei. «Auf dem Tandem kann man plaudern, der Stoker kann auch mal den Lenker loslassen und fotografieren, beide erleben wirklich das Gleiche.» Umgekehrt, schmunzelt Marc Schneider, könne man natürlich auch nicht Distanz schaffen, wenn mal etwas dicke Luft herrsche. «Auf dem Tandem ist man zur Kommunikation gezwungen.»

Ein genaues Absprechen ist beim Tandemfahren ohnehin das A und O, denn der Stoker kann auf dem hinteren Sitz wohl die Landschaft geniessen, aber die Sicht auf die Strasse ist versperrt; erst recht, weil meist der grössere und kräftigere Fahrer vorne sitzt. «Deshalb muss der Pilot vor Hindernissen, zum Beispiel vor Schlaglöchern, warnen und das Abbiegen ankündigen», sagt Marc Schneider. Dafür kann er beim Abbiegen beide Hände am Lenker lassen, da es reicht, wenn der Stoker ein Handzeichen gibt. «Das gibt mehr Sicherheit in der Kurve.» Auch beim Anfahren fragt Marc jedes Mal «ready?» – erst wenn Christine mit «ready!» bestätigt, fährt er los.

Auf Mississippi-Tour mit dem Tandem

Tandemfahrer sind – wen wunderts? – auch eine Community. Vor allem in den USA werden viele Events und gemeinsame Reisen organisiert. «Schiffsreisen bieten sich für Velos und Tandems besonders an», schwärmt Christine noch heute von ihrer Mississippi-Tour. Schon zweimal hat es die Schneiders dorthin gelockt. «Auf dem Dampfer hat man den Hotelkomfort, dazwischen macht man Tages- oder Halbtagesausflüge mit dem Tandem und kehrt wieder zum Schiff zurück.» In Europa waren sie schon von Athen nach Istanbul, von Paris nach Amsterdam und von Dubrovnik nach Venedig unterwegs – immer mit dem Schiff. Und noch etwas gefällt Christine: In Tandemgruppen gebe es eine andere Dynamik als in sportlich motivierten Radgruppen, «denn die meisten sind Paare. Da ist immer jemand, der auch findet, eine kürzere Tour reiche heute.»

Moderne Tandems sind nicht einfach längere Velos mit zwei Sätteln. «Durch die grössere Belastung müssen sie viel stabiler gebaut sein», erklärt Marc Schneider. Sein Wissen kommt nicht nur von 25 Jahren Tandemerfahrung, Marc ist auch Velomechaniker. Zu den grössten Unterschieden zwischen Tandem- und Velo- bau gehören alle Teile, die Stabilität geben: angefangen bei der Querstange zwischen beiden Tretlagern über die Konstruktion des Hinterrads mit stärkeren Speichen und der Vordergabel bis zu den Bremsen. «Früher gab es Tandems mit vier Bremsen, aber keine hat richtig gut funktioniert», sagt Marc Schneider. Heute seien Scheibenbremsen Standard. Manche Hersteller verwenden dafür sogar extra grosse Scheiben.

Tandemfahren ist anspruchsvoll

Wer sich nun mit dem Gedanken beschäftigt, auch Tandem zu fahren, dem empfiehlt Marc Schneider, zuerst ein Tandem zu mieten und auszuprobieren. Das Fahren ist anspruchsvoller, vor allem für den Stoker. Er hat auf dem Tandem keine Möglichkeit zu lenken, zu bremsen oder das Gleichgewicht zu halten, aber vorne eventuell einen Piloten, der ebenso unerfahren ist und möglicherweise unsicher fährt. «Das ist eine schwierige Konstellation.»

Die Preise für neue Tandems beginnen bei rund 1600 Franken. Teurere Modelle aus Karbon, die sich auch noch zerlegen und verpacken lassen, kosten bis zu 14 000 Franken. Wie bei den normalen Velos auch, hält bei den Tandems der Elektromotor Einzug und sorgt für neue Kunden. «Gerade in Steigungen ist der Motor beim Tandem schon eine Hilfe», erklärt Marc. In ebenem Gelände sei das Tandem sonst einem normalen Velo überlegen: «Man hat weniger Luftwiderstand, aber zwei, die in die Pedale treten. Damit sind Tandems schneller.» Da spricht natürlich wieder der sportliche Ehrgeiz von Marc. Und die Genussfahrerin auf dem hinteren Sattel muss einfach mit.