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Follower gesucht

Immer mehr Menschen träumen von einem Leben als Influencer. Aber ist das überhaupt realistisch? Und wie kann man dieses Ziel erreichen?

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Getty
31. März 2021
Vor der Kamera sieht man Glamour, hinter der Kamera  steckt jede Menge Arbeit.

Vor der Kamera sieht man Glamour, hinter der Kamera steckt jede Menge Arbeit.

Traumreisen, Markenkleider, Sterne- küche – wer durch die Profile von Influencern scrollt, kann ganz schön neidisch werden. Und nicht wenige Menschen wünschen sich ebenfalls so ein Leben. Das merkt auch Lars Hering (44). «In unseren Beratungen begegnen wir diesem Wunsch immer wieder», verrät der Leiter der Fachstelle Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung des Kantons Basel-Stadt. Ein realistischer Wunsch? «Auf jeden Fall realistischer als Astronaut und auch nicht unwahrscheinlicher als eine Karriere als Profi in einer Randsportart», findet Hering.

Der Rat, den angehende Profisportler und Influencer kriegen, lautet denn auch ähnlich: Nicht alles auf eine Karte setzen und auf jeden Fall auch einen klassischen Abschluss oder eine Lehre machen. «Wir freuen uns immer, wenn Jugendliche mit einem klaren Traum zu uns kommen», erzählt Hering. Es sei aber wichtig, dass sie sich im Klaren seien, dass es mit dieser Karriere vielleicht nicht klappen könnte. «Deshalb empfehlen wir, die Influencer-Ambitionen erst einmal als Hobby zu verfolgen, während man eine Ausbildung macht. Idealerweise lässt sich beides kombinieren, zum Beispiel wenn eine Beauty-Bloggerin einen Beruf im kosmetischen Bereich erlernt.»

«In der Schweiz ist es nicht einfach, von dieser Tätigkeit leben zu können»

 

 

Der Schein trügt

Eine, die es schon geschafft hat, ist Olivia Faeh (29). Auf Instagram lassen sich gut 200 ​000 Follower von ihr in Sachen Lifestyle und Mode inspirieren. Die Wahl-Zürcherin versteht, warum sich viele Menschen ein Leben wie das ihre wünschen. «Von aussen sieht es so aus, als würde ich den ganzen Tag nur schöne Sachen machen und teure Dinge kriegen», sagt sie. «Man sieht nicht, dass auch mein Tag vor allem am Schreibtisch stattfindet. So entsteht schnell ein falscher Eindruck.» Das Influencer- Leben habe auch sehr viele trockene Seiten: Verträge aushandeln, Konzepte schreiben, Buchhaltung machen – das sind nur einige davon.

Nicht nur deshalb sieht Faeh es kritisch, dass viele junge Menschen in ihre Fussstapfen treten wollen. «In der Schweiz ist es nicht einfach, von dieser Tätigkeit leben zu können», sagt sie. Sie selber könne das erst seit diesem Jahr, obwohl sie schon 2010 mit ihrem Blog gestartet habe. «Bis vor wenigen Monaten hatte ich eine 100-Prozent-Anstellung. Meine Online-Präsenz habe ich mir in der Freizeit aufgebaut.» Noch würden in der Schweiz eher wenige Unternehmen auf Influencer-Marketing setzen. «Da sind andere Länder weiter. Bei uns ist der Markt einfach noch nicht gross genug, damit sich viele Menschen ein festes Standbein als Influencer aufbauen können.»

«Meine Online-Präsenz habe ich mir in der Freizeit aufgebaut.»

Influencerin Olivia Faeh

Zu Unrecht belächelt

Etwas optimistischer ist da Melanie Balasopulos (36). «Schon jetzt beträgt das Marktvolumen in der Schweiz in diesem Bereich 150 Millionen Franken und jedes Jahr steigt es um 30 Prozent», schwärmt die Zugerin. Ihr Instagram-Account für Interior-Design @myinterior hat über zweieinhalb Millionen Follower. Nicht nur deshalb kennt sie sich in der Branche bestens aus: Balasopulos hat auch eine eigene Social-Media- und Influencer-Agentur, ist Dozentin und Co- Studienleiterin des CAS-Studiengangs Influencer Management an der Hochschule für Wirtschaft Zürich und doziert an der Swiss Digital Influencer Academy, die sie mitgegründet hat.

Das Wort «Influencer» mag Balasopulos trotzdem nicht. «Es wird gerne belächelt», findet sie. «Man verbindet es mit Mädchen, die Fotos aus ihren Ferien posten. Dabei steckt viel mehr dahinter. Deshalb spreche ich lieber von Content Creator oder Digital Entrepeneuer.» Danach würden auch immer mehr Firmen suchen. «Es gibt also nicht nur die Option, selber als Influencer aufzutreten. Man kann sehr ähnliche Tätigkeiten auch inhouse für ein Unternehmen ausüben.»

Wer als Influencer Erfolg haben möchte, muss sich eine Nische suchen.

Eine Nische finden

Nicht jeder kann sich wie Olivia Faeh in der neuesten Mode präsentieren und damit Follower ernten. «Wer durchstarten möchte, muss sich eine Nische suchen», sagt die Influencerin, die mittlerweile auch eine eigene Social-Media-Agentur führt sowie Workshops zum Thema anbietet. Man müsse sich bewusst werden, was man gut kann und was einen von allen anderen abhebt. «Auf den millionsten Fashion-Account wartet niemand. Aber einen Spielzeugauto-Influencer habe ich zum Beispiel noch nie gesehen. Man muss etwas Besonderes machen.»

Auch Melanie Balasopulos rät, sich eine Nische zu suchen. «Und dann posten, posten, posten», empfiehlt sie. «Es ist absolut wichtig, sich theoretische Grundlagen anzueignen. Aber nur, wer ausprobiert, merkt, was funktioniert.» Auch sie habe es mit ihrem erfolgreichen Interior-Design-Account so gemacht, als sie ihn vor gut neun Jahren ins Leben gerufen hat. «Ich habe stur alle drei Stunden gepostet. So habe ich ein Gespür dafür entwickelt, was gefragt ist, und langsam ein Publikum aufgebaut.»

Und wenn die Followerzahlen sich einfach nicht einstellen wollen? Berufsberater Lars Hering ist überzeugt, dass die investierte Zeit auch dann nicht einfach verschwendet ist. «Man erlernt dabei viele Fähigkeiten, die für einen Arbeitnehmer wichtig sind», sagt er. Damit meint er nicht bloss Personen, die im Marketingbereich arbeiten. «Ein Maschinenbauer, der gut schreiben kann und sich fotografieren beigebracht hat, kann zum Beispiel die Mitarbeiterfotos machen oder Texte für die Webseite schreiben.»