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Gesundheit – was bedeutet das?

Über Medizin kann man auch philosophieren. Mit Fragen wie: Was ist Gesundheit? Wo fängt Krankheit an? Die Antworten können uns mehr Wohlbefinden bringen. Genauso, wie unsere neue Rubrik «Gesundheit».

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Illustrationen Corina Vögele
20. August 2021
Möglichst viel frische  Kost: Eine ausgewogene Ernährung trägt dazu bei, dass es uns gut geht.

Möglichst viel frische Kost: Eine ausgewogene Ernährung trägt dazu bei, dass es uns gut geht.

Auf den ersten Blick scheint alles klar: Gesundheit ist die Abwesenheit von Krankheit. Doch so einfach ist es trotzdem nicht. Denn wo hört die Krankheit auf und wo fängt die Gesundheit an? Das sind nicht nur philosophische, theoretische Fragen. Die Definition von Gesundheit hat auch einen ganz praktischen Einfluss auf die Art, wie wir Menschen heilen, auch auf die Kosten der Heilung und nicht zuletzt darauf, wie wir uns fühlen. Denn je nach Definition gelten wir als krank – oder als gesund.

Nicht zu viel, nicht zu wenig

Der Luzerner Arzt und studierte Philosoph Piet van Spijk (65) beschäftigt sich schon seit seiner Zeit als Assistenzarzt mit dieser Frage. «Damals habe ich in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet, eine Patientin kam mit Depressionen zu uns.» Als es ihr besser ging, dachte van Spijk lange darüber nach, wie sehr es einem Menschen besser gehen muss, bis er als geheilt gilt. Weil er wissen wollte, was «gesund sein» im medizinischen Sinn bedeutet, ging er in die Bibliothek der Universität und suchte nach dem Stichwort Gesundheit. «Doch es gab dort kein einziges Buch zu diesem Thema.»

Beschwerden abklären: Der rechtzeitige Rat einer Fachperson ist schon die halbe Gesundheit.

Das war in den 1980er-Jahren. Offensichtlich schien damals ganz klar zu sein, was Gesundheit bedeutet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte es 1946 definiert: «Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.» Das galt damals als visionär.

Für Piet van Spijk ist die Definition der WHO zu extrem: «Stellen Sie sich beispielsweise vor, dass nur gesund ist, wer sich in sozialen Belangen vollständig wohlfühlt – keine Geldsorgen, keine Mitmenschen, die einen ärgern, keine Streitigkeiten und Ähnliches. Wer erlebt das schon?» So gesehen wäre kaum jemand gesund.

Eine neue Definition

Bewegung fördert die Widerstandskraft: Auch ein ausgedehnter Spaziergang trägt dazu bei.

Schon seit einiger Zeit ist man sich darin einig, dass ein neuer, besserer Gesundheitsbegriff vonnöten ist. «Nur welcher? Es ist gar nicht so einfach, fündig zu werden», sagt van Spijk. Die WHO tüftelt jedenfalls seit Längerem an einer überarbeiteten Formulierung: «Sie definiert Gesundheit in einem neueren Positionspapier frei übersetzt wie folgt: ‹In Gesundheit zu leben, ist als ein Prozess zu verstehen, in welchem eine Person Fähigkeiten entwickelt und unterhält, die es ihr erlauben, so zu leben, wie sie es mit gutem Grund als wertvoll empfindet.›» Das entspricht schon eher der Sichtweise von Piet van Spijk, der sich mit der Frage auch in seinen Büchern «Was ist Gesundheit?» und «Was ist Leben?» beschäftigt hat. Die Gesundheit kann nach dieser Definition als Prozess verstanden werden.

Und wie beginnt man diesen Prozess? Piet van Spijk: «Die Wege hin zu mehr Gesundheit klingen fast alle einfach und banal. Das Schwierige ist bei allen nicht so sehr, sie zu verstehen, sondern sie im Alltag zu befolgen.» Wie wahr! Die Ernährung kann zum Beispiel viel zu einem guten Leben beitragen. Aber mit dem guten Leben sind nicht die grossen Tortenstücke und kalorienreiche Snacks gemeint. Mässigung tut gut. Piet van Spijk empfiehlt, frische Kost und nicht zu grosse Mengen.

«Die Wege hin zu mehr Gesundheit klingen fast alle einfach und banal.»

Piet van Spijk

Mehr Bewegung führt uns ebenfalls auf den Weg zur Gesundheit. «Möglichst an der frischen Luft», sagt Piet van Spijk. Ein guter Coach im Fitnesscenter steigert die Motivation genauso wie Sport in Gruppen. Doch auch ein ausgedehnter Spaziergang kann ein guter Anfang sein. Studien haben gezeigt, dass mehr Bewegung die Widerstandskraft auf allen Ebenen fördert. Dabei ist es ebenso wichtig, auf sich zu hören. Denn Überforderung, auch beim Sport, hilft der Gesundheit nicht. Und die rechtzeitige Abklärung von Schmerzen oder anderen Beschwerden gehört ebenfalls dazu.

Doch Piet van Spijk hat zum Glück auch weniger anstrengende Empfehlungen auf Lager. «Sie sind schon im 13. Jahrhundert im sogenannten ‹Regimen Sanitatis Salernitanum› vorhanden.» Das ist ein lateinischer Text in Versform über Lebens- und Gesundheitsregeln. Schon damals wusste man: Genügend Schlaf ist zur Erholung wichtig. Dabei hilft es, wenn man regelmässige Schlafenszeiten festlegt. Und die Pflege von sozialen Kontakten ist genauso entscheidend. Dann kann man auch – wieder mit Mass – in der geselligen Runde Alkohol trinken. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass uns Masshalten ganz allgemein guttut. Dies als Prozess zu definieren, hilft uns bei der Umsetzung dieser Tipps: Es muss nicht alles sofort klappen.

Die Geschichte der Gesundheit

Prävention ist ein Prozess, ein Weg: Auch kleine Schritte bringen uns mehr Wohlbefinden.

Heute können wir uns auf Studien verlassen. Das war nicht immer so. «Was wir unter Gesundheit verstehen, ist einem ständigen Wandel unterworfen», sagt die Berner Historikerin und Gesundheitswissenschaftlerin Brigitte Ruckstuhl (68). Sie hat viel zu den Themen Gesundheit, Gesundheitsförderung und öffentliche Gesundheit publiziert. Unter anderem «Von der Seuchenpolizei zu Public Health. Öffentliche Gesundheit in der Schweiz seit 1750» zusammen mit Elisabeth Ryter (67). «Gesundheit in unserem Kulturkreis ist beispielsweise eng verknüpft mit Leistungs- und Arbeitsfähigkeit», sagt die Expertin. Damit sind Erwartungen verbunden: «Von der Erfüllung bestimmter Verhaltensweisen über Optimierung bis hin zu Gesundheitszwang.»

«Gesundheit in unserem Kulturkreis ist beispielsweise eng verknüpft mit Leistungs- und Arbeitsfähigkeit»

Elisabeth Ryter

Unsere heutigen Gesundheitsvorstellungen haben ihren Ursprung im 18. Jahrhundert, so Brigitte Ruckstuhl: «Die Aufklärung hat die reli- giösen Überzeugungen zurückgedrängt. An ihre Stelle trat die menschliche Vernunft. Auch Gesundheit sollte nun den Regeln der Vernunft gehorchen. Sie war nicht mehr gottgegeben und wurde zu einer beeinflussbaren Grösse.» Während dieser Zeit entstand auch die Idee, dass der Staat einen Beitrag leisten müsse, die Gesundheit seiner Bürgerinnen und Bürger zu unterstützen, wie Brigitte Ruckstuhl erklärt. Die Expertin weist auch darauf hin, dass ein enger Zusammenhang zwischen finanziellen Ressourcen und dem Gesundheitszustand einer Person besteht. «Es gibt keinen magischen Zauberstab für den Abbau von gesundheitlichen Ungleichheiten. Wir sollen uns aber ernsthaft damit beschäftigen.»

Das Thema ist mit der Pandemie wieder sehr aktuell. Dabei gilt es nicht nur, Ungleichheiten auszugleichen, sondern auch die Gesundheit zu stärken. Doch wir wollen ja nicht um der Gesundheit willen gesund bleiben, sondern um ein möglichst erfülltes Leben zu führen.

Piet van Spijk ist überzeugt, dass Gesundheit mehr ist als gute Blutwerte: «Man sollte so leben können, dass man das Leben als lebenswert erachtet. Das heisst nicht unbedingt, dass die Gesundheit perfekt sein muss», erklärt er. «Es kommt darauf an, was man daraus macht. Wer das Leben als sinnvoll empfinden kann, der ist bereits auf dem Weg der Gesundheit unterwegs.» 

Lesen Sie alles zur Rubrik «Gesundheit», die ab sofort jede Woche in der Coopzeitung und im ePaper erscheint.

KURZ UND BÜNDIG

  • Unsere heutigen Gesundheitsvorstellungen haben ihren Ursprung im 18. Jahrhundert.
  • Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat den Begriff Gesundheit 1946 definiert. Inzwischen sucht man nach einer neuen Umschreibung.
  • Im 13. Jahrhundert entstand ein lateinischer Text in Versform, der Lebens- und Gesundheitsregeln enthielt, das «Regimen Sanitatis Salernitanum». Diese Empfehlungen waren in der damaligen Zeit sehr beliebt und den heutigen schon recht ähnlich.
  • Studien haben gezeigt, dass mehr Bewegung die Widerstandskraft auf allen Ebenen fördert.