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Heilige Mutter Gottes!

Maria wird in höchster Not um Hilfe angefleht. Offenbar hat sie auch für die Sorgen der Menschen in der Schweiz ein offenes Ohr. Davon zeugen die vielen Besucher im Wallfahrtsort Mariastein. Und nicht nur sie.

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Heiner H. Schmitt
22. März 2021
Das grosse Dankeschön: An den Wänden des Ganges, der zur Gnadenkapelle der Klosterkirche Mariastein führt, reihen sich die      Votiv-Tafeln dicht an dicht.

Das grosse Dankeschön: An den Wänden des Ganges, der zur Gnadenkapelle der Klosterkirche Mariastein führt, reihen sich die Votiv-Tafeln dicht an dicht.

«Maria hat geholfen», steht auf zahllosen Votiv-Tafeln. An den Wänden des Ganges, der zur Gnadenkapelle der Klosterkirche Mariastein bei Metzerlen SO führt, hängen Tausende Danksagungen. Andere sind persönlich: «Beim Flug­zeugabsturz wunderbar gerettet», «Grosses Glück beim Treppensturz. Dank an Maria zu Jesus. Dank dem Schutzengel», «Maria hat mir bei meiner schweren Krankheit ge­holfen», «Maria in Stein hat unser Kind geheilt, wundersam dem Tod entrissen, uns allen Trost erwiesen. Ewigen Dank der Himmels­königin», «Danke für gute Arbeitsstelle», «Dank an Maria für Hilfe beim Examen».

Ein wenig abseits hängt ein besonders auffälliges Exemplar. «Danke für die wunder­bare Rettung beim Motorrad­unfall 2012», steht auf dem liebevoll gestalteten Bild. Darin eingearbeitet hat die Frau, die es erschaffen hat, einen Teil ihrer Motorradjacke, den verbogenen Zündschlüssel, Stücke von Licht und Karosserie sowie eine Christophorus-­Medaille. Das Werk zeugt nicht nur von einem Unglück, sondern ebenfalls von grosser Dankbarkeit. Darum hängt es auch in keiner Galerie, sondern hier.

Pater Ludwig Ziegerer kennt die Frau persönlich, der 65-Jährige weiss, was genau sich zugetragen hat. Doch das ist eher selten. «Ich fordere die Leute auf, uns zu erzählen, wofür sie sich bedanken. Manchmal erfahren wir die Geschichte ausführlich, häufig aber gar nichts», so der Gottesmann, der im Kloster Mariastein gemeinsam mit der promovierten Chemikerin und Theologin Olivia Forrer (52) die Abteilung Wallfahrt leitet. Meist geben die Gläubigen ihre Tafel, die sie bei einem Steinmetz haben anfertigen lassen, einfach an der Kloster-Pforte ab. Einmal im Jahr ist dann «Aufhängtag», an dem alle ein­gegangenen Danksagungen ihren Platz im Gang zur Gnadenkapelle finden. So kann man sie in einem Block und vor allem platzsparend anbringen. Die Wände sind nämlich bereits sehr voll.

«Manchmal fehlen einem die richtigen Worte für ein Gebet.»

Pater Ludwig Ziegerer

Manche Geschichten werden in der Zeitschrift «Mariastein» veröffentlicht. Sehr zu Herzen gegangen ist Pater Ludwig jene eines jungen Mannes aus der Region. «Ich kann mich genau erinnern, wie seine Familie, die schon immer eine Beziehung zu Mariastein gehabt hatte, in grösster Not zu uns kam und um Hilfe bat.» Der Sohn hatte mit Drogen gedealt und sass nun in Unter­suchungshaft. «Ich besuchte ihn daraufhin regel­mässig im Gefängnis, hörte mir seine Sorgen an und betete mit ihm. Inzwischen hat er mithilfe des Glaubens aus all dem herausgefunden.» Dankbar spendete die Familie eine Votiv-Tafel.

Das Ziel aller Pilger: Die in eine Felsengrotte gebaute Gnadenkapelle mit dem Gnadenbild «Maria zum Trost».

Jahrhunderte lange Geschichte

Die Gnadenkapelle, Herzstück des Wallfahrtsortes Mariastein, wurde im Jahre des Herrn 1434 erstmals urkundlich bezeugt. Seit 1442 weiss man auch, warum sie gebaut wurde: Ein Knabe soll an dieser Stelle über die Felskante ins Tal hinuntergefallen sein und dies auf wundersame Weise unversehrt überstanden haben. Er berichtete nach seinem Sturz, Engel hätten ihn aufgefangen. Zudem sei ihm die Mutter Gottes erschienen und hätte darum gebeten, hier verehrt zu werden. Ziel aller Pilger ist die Marienfigur in der in eine Felsenhöhle gebauten Gnadenkapelle. Der offizielle Titel des Gnadenbildes lautet «Maria zum Trost», die Pilger sprechen aber meist von der «lächelnden Madonna».

Dass Maria viele Gebete erhört, davon zeugt die grosse Zahl der in Stein gefrästen Danksagungen. Im Laufe der Zeit hat sich so einiges angesammelt. «Wie viele es genau sind, weiss niemand, denn sie werden nirgends registriert. Es gibt aber Tausende», sagt Olivia Forrer. «Die ältesten sichtbaren Votiv-Tafeln stammen aus dem 19. Jahrhundert», erklärt Pater Ludwig. «Im Archiv lagern jedoch bedeutend ältere Votivgaben.»

Die Zeugnisse sind inter­national – und multikulturell. Es gibt solche auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Tamilisch, Arabisch und in ein paar weiteren fremdländischen Schriften. Das kommt daher, dass Maria nicht nur im Christentum eine wichtige Rolle spielt. «Im Judentum ist Maria die grösste Tochter des Volkes und im Koran wird sie als auserwählte Frau gesehen. Zudem gilt ihr Sohn Jesus im Islam als Prophet», führt Olivia Forrer aus. «Auch die hinduistischen Tamilen beten zu Maria, manche sehen in ihr sogar eine Hindu-­Göttin.»

Es gibt viel zu besprechen: Oliva Forrer und Pater Ludwig diskutieren auf dem Platz vor der Klosterkirche.

Die Corona-Pandemie hatte und hat auch für einen Wallfahrtsort einige Tücken. So wurde während des ersten Lockdowns im Frühling 2020 die Gnadenkapelle geschlossen. Doch Pater Ludwig und Olivia Forrer wussten sich zu helfen. «Uns war klar, dass wir etwas für die Pilger tun müssen», erinnert sich der Gottesmann. «Da kam uns die Idee, eine Kopie der Marienfigur der Gnaden­kapelle in der Klosterkirche aufzu­stellen.» Man begab sich also ins Archiv – und wurde fündig. Tatsächlich schlummerte dort noch eine Kopie des Gnadenbildes. In der Kirche gesellten sich schon bald drei Kerzenständer zu ihr, damit die Gläubigen ein Licht anzünden können. Seit Beginn der Pandemie hat die Nachfrage nach Kerzen stark zugenommen. «Manchmal fehlen einem die richtigen Worte für ein Gebet, dann ist eine Kerze wichtig», sagt Pater Ludwig.

Inzwischen ist die Gnadenkapelle zwar längst wieder geöffnet, doch der neue Pilgerort in der Kirche ist geblieben und wird rege genutzt. Das Provisorium hat sich zum Definitivum gewandelt. «Das ist ganz praktisch. Zum einen verteilen sich die Pilger so mehr und zum anderen müssen alte Leute nicht mehr mühsam die 59 Stufen zur Gnadenkapelle runtersteigen und danach wieder hinauf», sagt der Benediktiner. Und seine Kollegin ergänzt: «Für Menschen im Rollstuhl ist das auch viel besser. Sie fuhren bislang mit dem Lift zur Gnaden­kapelle hinab, mussten dabei aber von jemandem begleitet werden. Wegen Corona und der Abstandsregeln geht das jedoch nicht mehr, weil der Lift zu klein ist.» Man wird also im Kloster Mariastein mit durchaus weltlichen Problemen konfrontiert. Aber Maria hat geholfen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Viele Pilgerorte

Maria ist bei den Wallfahrten der Katholiken besonders wichtig, weshalb sich in der Schweiz zahlreiche Wallfahrtsorte finden. Die Kirche des Klosters Mariastein zählt zwar zu den wichtigsten Pilgerzielen, besonders berühmt ist allerdings die Klosterkirche Einsiedeln SZ mit ihrer schwarzen Madonna. Nicht sehr bekannt, aber aus einem anderen Grund speziell ist zudem das Marienheiligtum Ziteil auf 2434 Meter über Meer, das in der Surses GR liegt: Es ist der höchst­gelegene Wallfahrtsort Europas.

Doch weshalb bitten so viele Gläubige ausgerechnet Maria um Hilfe, denn schliesslich gibt es ja noch viele andere Heilige? Pater Ludwig hat dafür eine einleuchtende Erklärung: «Die Menschen glauben, dass sie als Mutter Jesu einen besonders guten Draht zu ihrem Sohn hat.» 

Marienverehrung in der Schweiz

Fast in der ganzen Schweiz finden sich Wallfahrtsorte, von denen viele der heiligen Maria gewidmet sind:

  • Über 200 Lourdes-Grotten: z. B. in Domat/Ems GR, Kaisten AG, Plasselb FR, Wahlen BL, Balsthal SO, Grub AR, Escholzmatt/Marbach LU, Klingenzell TG oder Wangs SG.
  • Unzählige Marienkirchen: z. B. in Einsiedeln SZ, Benken SG, Orselina TI, Jonen AG, Weissbad AI, Broc FR, Gurmels FR, Delémont JU, Oberdorf SO, Niederrickenbach NW, Kerns OW oder Blatten/Kühmatt VS.
  • Eine Übersicht über die Schweizer Wallfahrtsorte und viel Wissenswertes vermittelt der «Wallfahrtsführer der Schweiz» von Lothar Emanuel Kaiser.

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