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Immer der Nase nach

Es gibt Menschen, die kann man besonders gut riechen. Das jedoch beruht nicht nur auf persönlicher Sympathie, sondern tatsächlich auf deren Geruch.

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getty images, shutterstock, stocksy, Heiner H. Schmitt
22. März 2021

Keine Sinneswahrnehmung nimmt so direkt Einfluss auf unsere Gefühlswelt wie das Riechen. Verschwitzte Socken – igitt! Ein Strauss bunter Sommer­blumen – wunderbar. Ein betörendes Parfum – himmlisch.

Doch es sind nicht nur die unüberriechbaren Gerüche, die uns an- oder abturnen. Unsere Nase nimmt viel mehr wahr, als uns bewusst ist. Und die Düfte steuern unsere Emotionen in beträchtlichem Mass. Das menschliche Gehirn speichert nämlich auch die olfaktorischen Sinneseindrücke – der Begriff Olfaktorik steht für die Wissenschaft der Gerüche beziehungsweise die Riechforschung. Diese «Duftbibliothek» macht es möglich, dass ein bestimmter Geruch auch nach Jahrzehnten längst vergessen geglaubte Erinnerungen hervorruft. Beispielsweise wie es im Haus der geliebten Grossmutter gerochen hat. Gerüche können aber auch unangenehme, vielleicht sogar verdrängte Erlebnisse wieder ins Bewusstsein spülen. Das bestätigt Claus Noppeney (53), Dozent an der Berner Fachhochschule (BFH): «Gerüche und Düfte beeinflussen das menschliche Erleben oft unmerklich. Und sie lösen bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Emotionen aus. Oft ist es von grosser Bedeutung, welche Erfahrungen oder Erinnerungen jemand mit einem Duft verbindet.»

«Gerüche und Düfte beeinflussen das menschliche Erleben oft unmerklich.»

Claus Noppeney

Die Riechwahrnehmung beginnt schon Monate vor der Geburt: Bereits ab der 28. Schwangerschaftswoche funktioniert die Nase des Babys und es kann Duftvorlieben der Mutter als positiv abspeichern. Jede der ungefähr 30 Millionen Riechzellen verfügt über ein «Spezial­gebiet» und reagiert nur auf bestimmte Düfte. Aber jede Zelle registriert bis zu 20 verschiedene Duftmoleküle. Laut einer Studie der Rockefeller University in New York (USA) können wir theoretisch eine Billion Düfte wahrnehmen. In der Praxis schaffen das aber auch die besten Supernasen – sprich: Parfumeure – nicht. Mit jahrelangem Training bringen sie es vielleicht auf 10 ​000, möglicherweise auch auf mehr.

Männer lassen sich besonders vom Duft jener Frauen betören, die ihren Eisprung haben.

Natürliche Gerüche

In früheren Jahrhunderten, als Körper­hygiene noch ein Fremdwort war, wurden Parfums kreiert, um Körper­gerüche zu überdecken. Heute jedoch sind sie ein Statement. Claus Noppeney leitete an der BFH das Projekt «Smelling More, Smelling Differently: Scent as Cultural Practice» (Mehr riechen, unterschiedlich riechen: Duft als kulturelle Praxis; www.bfh.ch, Suchbegriff «Smelling More»), bei dem es um die Entwicklung und Wirkung von Par- fum ging. «Wir sind alle Geruchsdesigner, denn Menschen nutzen Parfum, um sich zu inszenieren oder zu positionieren», sagt er. 

«Für bestimmte Anlässe gibt es nicht nur Dresscodes, sondern auch Duftcodes.»

Claus Noppeney

Man ist, wie man riecht. Ein Duft, der nicht ankommt, kann bleibende Ablehnung hervorrufen. Allerdings bringt ein noch so betörendes Parfum niemanden dazu, sich zu verlieben. Dazu muss die Chemie stimmen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. 1995 wies der Evolutionsbiologe Claus Wedekind (55), der heute an der Universität Lausanne VD tätig ist, erstmals nach, dass gewisse Gene mitbestimmen, ob sich zwei Menschen riechen können. Diese Gene sind verantwortlich für die Bildung der für die Immunabwehr wichtigen humanen Leukozyten-Antigene (HLA). In Unter­suchungen zeigte sich, dass Frauen den Geruch von Männern attraktiv fanden, die einen anderen HLA-Typ haben als sie selbst. Der Geruch eines ähnlichen HLA-Typs dagegen konnte sie wenig begeistern. Evolutionsbiologen erklären dieses Phänomen so: Je verschiedener die Gene eines Mannes und einer Frau sind, desto vielfältiger wird die Erb­substanz ihrer Kinder ausfallen – und umso grösser deren Überlebenschance. Männer dagegen finden Frauen besonders anziehend, wenn diese ihren Eisprung haben. Dann nämlich signalisieren deren Duftstoffe ihre Fruchtbarkeit. Mit diesem Kniff will die Natur für mehr Nachwuchs sorgen.

Natürlich läuft das alles unbewusst ab. Ganz bewusst zusammengestellt werden aber die Inhaltsstoffe von Parfums. Claus Noppeney: «Affekte und Gefühle sind wichtige Elemente bei der Entwicklung eines Duftes.» Ein Parfumeur braucht für dessen Herstellung Essenzen aus drei verschiedenen Ebenen:

  • Die Kopfnote ist für den ersten Eindruck eines Parfums verantwortlich. Oft besteht sie aus Zitrusölen.
  • Die Herznote bildet die zweite Stufe der Duftwahrnehmung und wird von der menschlichen Nase erst nach 15 Minuten wahrgenommen. Typisch hierfür sind blumige, holzige und würzige Essenzen.
  • Die Basisnote ist noch nach Stunden präsent. Sie enthält animalische Sub- stanzen und Balsame wie etwa Weihrauch.

 

Basis-, Kopf- und Herznote eines Parfums erreichen unsere Nase zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

 

Der kleine Unterschied

Männer und Frauen unterscheiden sich in ihrer Duftpraxis. «Männer versuchen in der Regel zunächst neutral zu riechen, wobei das ja eigentlich gar nicht geht. Sie wollen jedoch eher nicht auf­fallen», erklärt Claus Noppeney. «Am Arbeitsplatz haben wir beobachtet, dass Männer höherer Hierarchiestufen eher Düfte nutzen.» Viel gebräuchlicher dagegen sind Parfums bei Frauen. Und sie wollen damit oft auch ein Zeichen setzen. «In fabrikähnlichen Kontexten ist uns aufgefallen, wie Frauen, die dort manchmal oft nur einfache und uniforme Kleidung tragen dürfen, über ihren Duft versuchen, sich ein bisschen von ihrer Individualität zurückzuholen.»

Parfum verhält sich ähnlich wie Mode. Der Geschmack verändert sich mit den Jahren, selbst wenn es ein paar zeitlose Klassiker wie zum Beispiel Chanel No. 5 gibt. Doch worauf gründet dies? «Bei einem dauerhaften Markt­erfolg treffen verschiedene Faktoren zusammen: ein Duft, der anschlussfähig an Gewohntes und zugleich neu ist. Dazu kommen die Geschichte des Parfums und etwas Glamour sowie diverse Neuerfindungen des Produkts auf Kommunikationsebene», erzählt der Forscher. «Das ist jedoch die absolute Ausnahme. Im Allgemeinen durchlaufen Parfums einen Lebenszyklus, wie wir es von anderen Produkten her kennen.» Die Düfte kommen also auf den Markt, halten sich dort für eine bestimmte Zeit und verschwinden dann wieder.

Manche Menschen bleiben ihrem Parfum ein Leben lang treu, andere dagegen erfinden sich diesbezüglich immer wieder neu. Ein interessantes Beispiel hierfür ist der legendäre amerikanische Künstler Andy Warhol (1928–1987). Er nutze Düfte als Mnemotechnik, indem er regelmässig sein Parfum wechselte. So verknüpfte er Erlebnisse und Erfahrungen eines Lebensabschnitts mit einem Duft. Er erschuf also sein ganz persönliches Duftalbum.

Was ein gutes Parfum ausmacht, da­rauf gibt es Claus Noppeney zufolge keine allgemein gültige Antwort, denn: «Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten.» Der Zauber eines Duftes liegt also in der Nase des Empfängers.