In den Töpfen der Riesen | Coopzeitung
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Reportage

In den Töpfen der Riesen

Inmitten einer grandiosen Landschaft Südbündens haben Freiwillige wortwörtlich Schätze ausgegraben – Naturschätze. Bei Cavaglia im Puschlav sind riesige Gletschertöpfe Zeugen längst vergangener Eiszeiten.

FOTOS
Yannick Andrea
31. Mai 2021

Am Anfang wars nur die Vermutung des Dorfpfarrers von Brusio GR. Der Geistliche blieb den Puschlavern in Erinnerung: «Er konnte zwar nicht gut predigen, aber er war wohl ein guter Naturbeobachter», gräbt der Einheimische Romeo Lardi (71) in der Vergangenheit. Der Pfarrer hatte beobachtet, dass bei Cavaglia das Erdreich seltsam weich war und dass dort halbrund geformte Felsen, etwa wie der Rand einer Tasse, aus dieser Erde lugten. Der Prediger brachte zu Papier, dass er dortselbst Gletschermühlen vermute. Das war 1859. Danach passierte lange Zeit: nichts.

Die Entstehung

Und doch steht Lardi heute inmitten eines ganzen Gletschergartens mit 28 freigelegten und mindestens 70 noch auszugrabenden Gletschermühlen. «Die kleinste misst 60 Zentimeter, die grösste ist ein 15 Meter tiefes Loch», sagt der Präsident des Gletschermühlenvereins. Löcher wie Töpfe, in denen Riesen einst ihr Süppchen – oder was auch immer – gekocht haben könnten.

Ein begehbarer Schluchtwegführt Besucher tief in die wundersame Welt derGletschertöpfe von Cavagliaim bündnerischen Puschlav.

Wasser, Sand und Geröll haben über Jahrtausende solche Naturwunder geschliffen.

Vor 27 Jahren begannen ein paar Idealisten, die Erde abzutragen, sich tiefer und tiefer in den Boden zu graben und die ersten Mühlen mit Schaufel und Pickel von Wasser, Sand und Geröll zu befreien. Also exakt von den Materialien, die es brauchte, um unter dem Druck einer 1000 Meter dicken Gletscherschicht die Töpfe aus dem weicheren Gestein auszuwaschen und abzuschmirgeln. «Als wir mit der Arbeit begannen, kamen bereits die ersten Besucher», erzählt Lardi. «Aber die kamen nur um zu sehen, welche Verrückten da wohl im Dreck wühlten.»

«Aber die kamen nur um zu sehen, welche Verrückten da wohl im Dreck wühlten.»

Romeo Lardi

Und Verrückte mussten das ja sein. Schliesslich war schon jeder Puschlaver Schüler auf einer Schulreise im Gletschergarten gewesen. Nicht vor der eigenen Haustüre, sondern in Luzern! Und der dortige Direktor, seines Zeichens Glaziologe, hatte den Puschlavern zwar prognostiziert, dass es da bei Cavaglia «wohl etwas gebe», aber dass es sich sicher nicht lohne, danach zu graben, erinnert sich Lardi.

Ihr Verfluchten!

«Aber wir liessen uns nicht aufhalten und investierten bis heute 160 000 Arbeitsstunden. Freiwillig und unentgeltlich.» Unentgeltlich ist auch der Eintritt zur Besichtigung dieses Naturphänomens, das sich über einen Quadratkilometer erstreckt. Dabei erhalten die Besucherinnen und Besucher nicht nur einen Einblick in die Eiszeit, sondern auch einen Ausblick über das ganze Tal, vom Piz Palü über den Puschlaversee bis zu den Bergamasker Alpen. Der Gletschergarten ist der vielleicht schönste Aussichtspunkt des Tals. Ausserdem blühen hier seltene Blumen: etwa der Siebenstern, der in der Schweiz nur an zwei weiteren Orten vorkommt.

Romeo Lardi, Präsident des Gletschermühlen­vereins, erklärt die Entstehung der Gletschertöpfe.

Gerade als Lardi eine weitere Mühle zeigt, ertönen plötzlich ​… Schreie? Die kommen aus der Cavagliasco-Schlucht, die ebenfalls zum Gletschergarten gehört. «Maledetti!», ruft eine Frauenstimme immer und immer wieder: «Maledetti! – Ihr Verfluchten!» Doch Lardi bleibt ruhig: «Ach, das ist nur die Alte aus der Sage.» Sie wurde vor langer Zeit von ihren Söhnen in die Tiefe gestossen, weil sie gebrechlich war. Lardi meint, die Sage entbehre jeder Grundlage. Doch dann läuft man weiter durch die bizarre Schlucht, hört den Wind, der sich an den Felsen bricht und das Wasser, das seltsame Formen in den Stein gefressen hat. Eine dieser Formen gleicht exakt dem Kopf einer alten Frau. Und auf einmal hört man es wieder: «Maledetti!» 

Gletschermühlen von Cavaglia

Informationen

Der Gletschergarten, erreichbar zu Fuss in 10 Minuten ab Bahnstation Cavaglia, ist immer geöffnet. Bis zum 31. Oktober finden jeden Dienstag, Donnerstag, Samstag und Sonntag um 14 Uhr Führungen statt. Weitere Führungen, allenfalls mit Imbiss und Apéro, auf Anfrage. Informationen unter: www.ghiacciai.info & www.orrido-cavaglia.ch