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Kein Geld mehr für Süssigkeiten oder das Handy-Abo? Den verantwortungsvollen Umgang mit Geld lernen Kinder durch ein regelmässig ausbezahltes Taschengeld. Eine Expertin gibt Eltern Tipps.

11. Januar 2021

Geballte Finanzkompetenz

Sabrina Wachter (37), Projektverantwortliche für Finanzkompetenz bei Pro Juventute

Eine gesetzliche Verpflichtung ist es nicht, dennoch gehört es in den meisten Familien dazu: Rund die Hälfte aller 5- bis 7-jährigen Kinder in der Deutschschweiz erhalten von ihren Eltern Sackgeld, wie eine Studie aus dem Jahr 2017 zeigt. Bei den 8- bis 11-Jährigen sind es fast 90 Prozent, die Woche für Woche einen Batzen bekommen. Viele Eltern sind jedoch immer wieder unsicher, ob sie das Thema Taschengeld richtig handhaben, insbesondere, wenn sich der Nachwuchs über die Höhe des Betrags beschwert. Sabrina Wachter (37), Projektverantwortliche für Finanzkompetenz bei der Stiftung Pro Juventute, gibt im Interview Tipps zum richtigen und bewussten Umgang.

Warum sollten Kinder überhaupt Taschengeld bekommen?

Das Taschengeld ist ein Übungsfeld für Kinder, um erste Erfahrungen im Umgang mit Geld und Konsum zu sammeln. Sie dürfen Verantwortung übernehmen und entscheiden, ob sie es ausgeben oder sparen möchten. Zudem lernen sie den Wert von Dingen kennen und erleben selbst, dass Geld ein Tauschmittel ist, zum Beispiel, wenn sie sich am Kiosk etwas kaufen.

Wie viel Taschengeld sollten Kinder in welchem Alter bekommen?

Die Eltern bestimmen die Höhe des Taschengeldes. Es soll sich immer nach dem Familienbudget richten. Als Orientierung dient die Empfehlung des Dachverbandes für Budgetberatung Schweiz: Im ersten Schuljahr sollte ein Kind einen Franken pro Woche bekommen, im zweiten Schuljahr zwei und so weiter. Ab dem 5. Schuljahr nehmen die Beträge etwas zu. Das Sackgeld kann dann auch monatlich ausbezahlt werden. Eine Tabelle findet sich online unter www.budgetberatung.ch.

Was machen Kinder und Jugendliche denn mit ihrem Taschengeld?

Das ist unterschiedlich. Manche Kinder sparen, andere geben alles sofort aus: Sie kaufen sich Süssigkeiten und Heftchen, laden ihre Prepaid-Karte fürs Smartphone auf oder sparen auf etwas Grösseres, wie einen Computer oder ein Töffli.

Wie stark sollten Eltern Einfluss darauf nehmen, was die Kinder kaufen?

Es ist wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern vor der Einführung des Taschen­geldes klären, wofür das Sackgeld vorgesehen ist. Im Rahmen dieser Regeln und natürlich auch der Gesetze sollen die Kinder danach aber selbstständig über ihr Taschengeld verfügen dürfen. Die Eltern haben dabei eine beratende Funktion.

«Es ist wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern vor der Einführung des Taschen­geldes klären, wofür das Sackgeld vorgesehen ist.»

Sabrina Wachter

Was raten Sie, wenn das Familienbudget für Taschengeld zu klein ist?

Taschengeld ist nicht die einzige Möglichkeit, um den Umgang mit Geld zu erlernen. Egal ob mit oder ohne Taschengeld, wichtig ist, dass sich Eltern für die (Konsum-)Wünsche ihrer Kinder interessieren und sich mit ihnen über erfüllbare und unerfüllbare Wünsche unterhalten. Das Familienbudget steht dabei über dem Taschengeld.

Sie raten davon ab, das Taschengeld als Strafe zu streichen. Weshalb?

Meist ist das nicht wirkungsvoll, da kein Bezug zum Verhalten besteht und zwischen Vorfall und Sanktion viel Zeit vergeht. Oft ist es den Kindern auch egal, weil das Taschengeld nicht hoch ist und sie es nicht unbedingt brauchen. Oder sie ändern ihr Verhalten nur aus Angst, was bloss die Machtverhältnisse zwischen Eltern und Kindern verstärkt. Taschengeld sollte regelmässig und unaufgefordert ausbezahlt werden und nicht als Druckmittel missbraucht werden.

Für viele Kinder und Jugendliche ist das Smartphone Kostenfalle Nummer Eins. Sollen Kinder ihre Handykosten selber übernehmen?

Das Problem beim Smartphone sind meist nicht die Fixkosten, sondern die In-App-Käufe bei Games, Apps sowie andere versteckte Ausgaben. Eine Möglichkeit ist, dass die Eltern die Gebühren für das Abo oder einen fixen Betrag für die Prepaid-Karte übernehmen und das Kind alle weiteren Handykosten vom Taschengeld bezahlt. Die Eltern können ihr Kind begleiten, indem sie gemeinsam einen Betrag definieren, den es vom Taschengeld für Spiele oder anderes ausgeben möchte.

Wenn die Kinder heranwachsen, empfiehlt Pro Juventute den Jugendlohn. Worin liegt der Unterschied zum Taschengeld?

Der Jugendlohn beinhaltet im Gegensatz zum Taschengeld Beträge für notwendige Anschaffungen. Eltern übergeben ihrem heranwachsenden Kind mehr Selbstständigkeit und Verantwortung für seine Lebenskosten. Beim Jugendlohn verwalten Jugendliche das Geld für Kleider, Handy, ÖV, Coiffeur, Sport usw. selbst. Mit der Einführung des Jugendlohns können auch weitere Bereiche wie das Zimmer aufräumen, für die Schule lernen oder das gemeinsame Familienleben neu geregelt werden.

Wie erkennt man, ob das eigene Kind reif für den Jugendlohn ist?

Man kann dem Kind das Modell des ­Jugendlohns erklären und fragen, ob es sich das vorstellen kann. Die Kinder trauen sich da meist mehr zu, als die Eltern denken. Die Empfehlung ist, den Jugendlohn vor der Pubertät, also mit etwa 12 Jahren, einzuführen, da sich die Kinder in diesem Alter noch gerne durch ihre Eltern begleiten und beraten lassen. Eine Einführung ist jedoch auch zu jedem späteren Zeitpunkt möglich.

Wie setzt sich der Jugendlohn zusammen und wie berechnen ihn Eltern am besten?

Die Höhe des Jugendlohns variiert je nach Familie stark. Der Betrag ist vom Fami- lienbudget abhängig, aber auch vom Alter und von den Vereinbarungen, was damit bezahlt werden muss. Bezahlt ein Teenager nahezu all seine Lebenskosten, ist der Jugendlohn höher als bei Jugendlichen, die nur Kleider und Handy bezahlen müssen. Wir raten Eltern, die den Jugendlohn einführen möchten, während zwei bis drei Monaten alle Ausgaben für ihr Kind aufzuschreiben, diese auf das Jahr hochzurechnen und dann durch zwölf oder 13 Monate zu teilen.

Empfehlen Sie, dass die Eltern ein Jugendkonto anlegen und der Nachwuchs mit eigener Karte shoppen kann?

Das Bezahlen mit einer Karte gehört zu unserem Alltag als Erwachsene, auf den auch die Jugendlichen vorbereitet werden sollten. Mit einem Jugendkonto und einer Debitkarte können Jugendliche Erfahrungen sammeln, ohne ins Minus gehen zu können. Sie lernen die Kontostände online zu kontrollieren und den Überblick trotz bargeldlosem Kaufen und Konsumieren nicht zu verlieren. Es macht Sinn, mit dem Jugendkonto auch ein Sparkonto anzulegen. So lernen Jugendliche die kurz-, mittel- und langfristige Planung mit ihrem Geld.

«Kinder trauen sich meist mehr zu, als die Eltern denken.»

Sabrina Wachter

Was sollten Eltern tun, wenn dem Kind der Umgang mit dem Geld nicht gelingt, es zum Beispiel Schulden macht?

Wichtig ist, dass man dem Kind bei gemachten Fehlern hilft, Lösungen zu suchen, sie jedoch auch die Konsequenzen tragen lässt, damit sie aus der Situation lernen. Dass Jugendliche kleinere Schulden bei Freunden und Familie machen, gehört zu einem gewissen Masse auch zu ihrem Alter, da sie selbst noch kein oder kaum eigenes Geld haben. Problematisch ist, wenn sie die Schulden nicht mehr in absehbarer Zeit zurückbezahlen können. Dann ist professionelle Hilfe von der Budget- oder Schuldenberatung vonnöten.

Transparenz: Sollten Eltern den Kindern Einblick in ihre finanziellen Verpflichtungen geben?

Durchaus. Es macht Sinn, Jugendliche anhand von konkreten Beispielen auf die finanziellen Verpflichtungen vorzubereiten. Zu wissen, wie viel die Miete kostet, ist das eine, aber zu verstehen, in welchem Verhältnis dieser Betrag zum Familienbudget steht, ist noch viel wichtiger. Viele Jugendliche sind sich nicht bewusst, dass neben den Fixkosten auch Rückstellungen für Versicherungen, Steuern etc. gemacht werden müssen. Und dass der Betrag für persönliche Ausgaben nur ein kleines Stück vom Kuchen ist.

Sabrina Wachter, wir danken Ihnen für das Gespräch.