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Kampf um die Mattscheibe

Das Streaming hat das Fernsehen abwechslungsreicher, aber auch komplizierter gemacht. Haben Sie die Übersicht über die verschiedenen Plattformen verloren? Keine Angst: Der Markt wird sich in den nächsten Jahren selbst regulieren.

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14. Oktober 2021
Ödes TV-Programm war gestern: Heute kann sich jede Familie ihr Paket selbst wählen.

Ödes TV-Programm war gestern: Heute kann sich jede Familie ihr Paket selbst wählen.

An den Emmy Awards 2021 wurde ge-jubelt. Das an sich ist noch nicht bemerkenswert, denn schliesslich ist der Emmy das Serienpendant zum Oscar. Bemerkenswert war, wer an diesem 19. September im Microsoft-Theater in Los Angeles (USA) jubelte. Neben Branchenleader Netflix war es nämlich nicht Sky und auch nicht Disney, sondern Aufsteiger Apple, der mit seiner Comedy-Serie «Ted Lasso» sieben Trophäen in den wichtigsten Kategorien einheimste. Der Verdrängungskampf auf dem Streamingmarkt ist in vollem Gang.

Dass mit dem Video-on-Demand-Modell Geld zu verdienen ist, bewies Netflix. Das amerikanischeMedienunternehmen setzte seit seinem Einstieg ins TV-Streaming 2007 über 209 Millionen bezahlte Abos ab. Allein 2020 erwirtschaftete Netflix sagenhafte 25 Milliarden US-Dollar. Kein Wunder, wollten andere Mediengiganten auch ein Stück vom Kuchen. Amazon zog nach, während sich in Europa Sky zum grössten Pay-TV-Anbieter mauserte. Durch die Pandemie erfuhr das Streaming nochmals einen gewaltigen Schub, was Disney+ und eben Apple bei ihrem Einstieg im November 2019 half.

Keine Chance für die TV-Sender

Da gerät das lineare Fernsehen und mit ihm die öffentlich-rechtlichen TV-Sender natürlich unter Druck – besonders hinsichtlich der werberelevanten Gruppe der 15- bis 49-Jährigen. «Die Streamingplattformen haben den Markt für Serien und Filme in jeder Hinsicht revolutioniert», sagt Bakel Walden, Direktor Entwicklung und Angebot SRG. «Die Nutzung hat sich allein in Europa auf mehr als 300 Streamingplattformen verlagert.» Das erschwert den Einkauf von Serien. Auch wenn das Angebot an guten internationalen Serien grösser werde, treibe die ständig wachsende Streamingkonkurrenz die Preise nach oben, sagt Walden: «Mit den Budgets von Netflix und Co. können lokale Anbieter in der Regel nicht mithalten.»

«Mit den Budgets von Netflix und Co. können lokale Anbieter in der Regel nicht mithalten.»

 

Während sich die SRG deshalb auf ihre Stärken wie Livesendungen, Schweizer Produktionen und Unterhaltungsshows konzentriert (vgl. Interview Seite 23), tobt am Tisch der Grossen ein unerbittlicher Kampf. Mit Apple hat sich ein weiterer Gigant ins Rennen eingeschaltet. Ist das Technologie-Unternehmen in der IT-Branche ein Riese, wurde seine Streamingplattform Apple TV+ bei der Lancierung im November 2019 mit nur einer Handvoll Serien belächelt. Doch Apple investierte munter weiter und zeigt damit, wie ernst man im kalifornischen Hauptsitz diesen Wirtschaftszweig nimmt.

Die Entwicklung von Apple TV+ dürfte der namhaften Konkurrenz noch nicht gleich den Angstschweiss, aber zunehmend Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Monat für Monat bietet die Plattform, die allerdings noch auf Apple-Geräte beschränkt ist, neue, hochwertige Eigenproduktionen an. Und wie man am Beispiel von «Ted Lasso» sieht, werden die Serien und Filme nicht nur vom Publikum, sondern auch von der Filmbranche akzeptiert.

Geheime Apple-Strategie

Wo der IT-Riese mit dem Streaming hin will, verrät er nicht. Während Disney beispielsweise einen ambitionierten Vierjahresplan mit dem Ziel von 300 bis 350 Millionen Disney+-Abonnenten bis 2024 kommunizierte, konnte Apple auf Anfrage «leider keine Stellungnahme abgeben». Allein die gegenwärtig 58 offiziell bestätigten neuen Projekte lassen aber darauf schliessen, dass das Mutterhaus von Mac, iPhone und Co. sein Angebot unverdrossen ausbauen wird. Eine Einschätzung, die auch Bakel Walden teilt: «In Anbetracht der technologischen, aber auch der finanziellen Möglichkeiten von Apple kann Apple TV+ noch für die eine oder andere inhaltliche Überraschung sorgen.»

Für uns Konsumenten ist das Buhlen der Anbieter generell eine gute Sache, denn wir haben die Wahl. Aber auch die Qual der Wahl, sodass man droht, sich im Streaming-Dschungel zu verlieren. Viele ältere Menschen strecken aufgrund der technischen Hürde von vornherein die Waffen und bleiben dem altbekannten linearen Fernsehen treu. 

Wer hat den längsten Schnauf?

Nicht zuletzt ist es ein finanzieller Aspekt. Noch sind die Abopreise zwar moderat, aber der stetige Ausbau des Angebots wird die monatlichen Kosten über kurz oder lang steigen lassen. Wie es Anfang dieses Jahres bei Disney+ geschah: Durch die Ergänzung der Welt «Star» mit Serien für Erwachsene stieg der Preis von Fr. 9.90 auf Fr. 12.90. Da überlegt man es sich gut, ob man sich nun wirklich zwei Streamingdienste leisten möchte. «Die Streaming-Fans warten nicht unbedingt auf die zehnte Aboplattform mit austauschbaren Unterhaltungsangeboten», sagt Walden und ist überzeugt: «Es wird zunehmend zu Zusammenschlüssen kommen.»

Die ideale Lösung für die Nutzer wäre eine übergreifende Plattform, auf der man sich seine Lieblingsserien unabhängig vom Anbieter zusammenstellen kann. Und so nur dafür bezahlt, was man auch wirklich schaut. «Vor allem in den USA arbeiten einige Start-ups an einer solchen Aggregator-Lösung», erzählt Walden, der eine derartige Neuerung ebenfalls als «grossen Gewinn» sehen würde. Doch weil das noch Zukunftsmusik ist: Geniessen wir bis dahin die Vielfalt an Angeboten.

So positioniert sich die SRG

Welchen Einfluss haben Netflix und Co. aufs lineare Fernsehen?

Lineares Fernsehen ist weiterhin eine relevante Grösse, doch die Nutzung nimmt ab. Rund ein Viertel der TV-Nutzung findet bereits zeitversetzt statt. Parallel dazu steigen die Nutzungszahlen der zahlreichen Streaming-Plattformen. Für das Fernsehen werden dadurch Live-momente, zum Beispiel durch Informationssendungen oder auch Sport- und Unterhaltungs-Highlights immer relevanter. Diese sind dann echte Alleinstellungsmerkmale und strategisch wichtig für die SRG.

Wie sieht die SRG-Strategie hinsichtlich Serien aus?

Mit Investitionen à la Netflix – jährlich rund 17 Milliarden Dollar allein in Inhalte – kann kein europäischer Sender mithalten. Neben den Live-sendungen investieren wir verstärkt in Schweizer Serien. Mit Produk-tionen wie «Neumatt», «Helvetica» oder auch «Quartier des Banques» konnte die SRG in den letzten vier Jahren die Serienproduktion verdoppeln. Dazu kommen zahlreiche neue Schweizer Webserien, publiziert auch auf externen Plattformen, die für jüngere Zielgruppen relevant sind.

«Das Interesse an Zahl-Abos ist begrenzt, auch aus finanziellen Gründen.»

Bakel Walden

Was versprechen Sie sich von der SRG-Streaming-Plattform «Play Suisse»?

Mit «Play Suisse» kann die SRG zum ersten Mal hochwertige Schweizer Dokumentationen, Filme und Serien aus allen Sprachregionen an einem Ort bündeln. Dies jeweils in verschiedenen Landessprachen synchronisiert und/oder untertitelt. Personalisierte Empfehlungen helfen Inhalte anderer Regionen zu entdecken. Mittlerweile sind über 2700 Titel online. Und rund 30 Prozent der Nutzung erfolgt interregional. Offensichtlich gelingt also der Sprung über den Röstigraben, was uns sehr freut.

Was erhofft man sich von aufwendigen Eigenproduktionen wie «Wilder» oder «Frieden»?

Wir möchten unsere Zuschauerinnen und Zuschauer mit relevanten und emotionalen Schweizer Geschichten begeistern. Es geht um echten Mehrwert im Angebot, um Inhalte, die auf diese Art und Weise sonst niemand erzählt – grosse ­internationale Streaming-Plattformen schon gar nicht. Serien wie «Wilder» und «Frieden» sind Leuchttürme im mittlerweile unüberschaubar wirkenden Medienangebot. Ob im Fernsehen oder auf «Play Suisse» – diese Serien begeistern Jung und Alt. Die Investition ist nicht nur sinnvoll, sondern auch ein Auftrag der SRG, um die Schweizer Filmbranche zu stärken.

Wie, denken Sie, wird sich der Streaming-Markt entwickeln?

Obwohl die Nutzungszahlen noch wachsen, droht sicherlich mittelfristig eine Übersättigung des Marktes. Das Interesse an Zahl-Abos ist begrenzt, auch aus finanziellen Gründen. Wir merken, wie wichtig es unseren Nutzerinnen und Nutzern ist, dass «Play Suisse» schon in der Radio- und Fernsehabgabe enthalten ist, also nichts zusätzlich kostet. Nicht jeder Player am Markt wird sich langfristig durchsetzen können.

«Wir investieren in Schweizer Serien»

Bakel Walden (46), Direktor Entwicklung und Angebot SRG