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Winterspass

Kopf voran ins Glück

Eigentlich ist das Airboard für die Skipiste gedacht. Doch selbst Erfinder Joe Steiner hat am meisten Spass, wenn er durch den Tiefschnee powdern kann.

FOTOS
Mischa Christen
18. Januar 2021
Mit dem Airboard kann man auf Pisten und im Tiefschnee fahren.

Mit dem Airboard kann man auf Pisten und im Tiefschnee fahren.

ie leicht geriffelte Spur, die Joe Steiner (62) in den Tiefschnee zieht, dürfte so manchen Spurenleser in der Region Unterägeri ZG herausfordern: zu breit für einen Ski, zu wenig tief für einen Schlitten, zu eben für ein Snowboard – und was macht überhaupt ein Snowboard hier, weit entfernt von einem Lift?

Diese Spuren stammen vom Snow-Bodyboard, wie das Gerät heisst, mit dem Steiner in eleganten Schwüngen durch den Tiefschnee kurvt (Airboard ist der Markenname). Die Fahrt ist der lustvolle Abschluss eines rund zweistündigen Aufstiegs mit Schneeschuhen im Wildspitz-Gebiet. Im Rucksack trägt man das etwa vier Kilogramm schwere Board hinauf sowie eine kleine Pumpe, mit deren Hilfe das Brett in weniger als 10 Minuten aufgepumpt ist. Noch die Knieschützer und den Helm angelegt, dann geht es los.

«Mit dem Board kann auch der Schneeschuhläufer den Berg hinuntergleiten», erklärt Steiner. Das hatte ihn bisher vom Skitourengeher unterschieden. «Die Abfahrt mit dem Snow-Bodyboard ist pures Vergnügen.» Steiner demonstriert die Fahrtechnik: Der Fahrer legt sich bäuchlings auf das Airboard und hält sich an den Griffen fest. Legt er sich nach links, zwingt er das Brett damit zu einer Linkskurve. Legt er sich auf die andere Seite, kurvt auch das Brett in die andere Richtung. Zum Bremsen stellt der Fahrer das Board quer.

«Natürlich muss man das Fahren mit dem Snow-Bodyboard üben», erklärt Steiner, das ist nicht anders als beim Skifahren. Aber die Lernkurve sei dabei wesentlich steiler. «Man beherrscht es sehr schnell.»

Schnell kommt Spass auf

So etwas will man als Reporter natürlich ausprobieren. Auf der ersten Fahrt merke ich schnell: Geradeaus geht schon mal sehr gut! Das mit der Kurve benötigt dann doch etwas Übung, auch wenn es bei Steiner sehr leicht aussieht. Kein Wunder: Der Mann hat das Airboard vor 20 Jahren erfunden und fährt es seither. 2011 gewann der damals 52-Jährige so nebenbei auch noch die Speed-Schweizer-Meisterschaft und erreichte dabei ein Tempo von 108 km/h. Wir bleiben bei unseren ersten Fahrversuchen zwar deutlich unter dieser Marke, doch Steiner sollte Recht behalten: Die Lernkurve steigt ebenso steil an wie der Spass am Fahren.

Steuern lässt sich das Airboard ganz einfach durch Verlagerung des Körpergewichts.

Zu einer Erfolgsstory, wie sie das Snowboard erlebt hat, hat es dem Airboard in den 20 Jahren seit seiner Erfindung allerdings nicht

gereicht. Dabei hatte es um das Jahr 2000 noch vielversprechend angefangen: Snowboarden war da schon so etabliert, dass die jungen Wilden einen neuen Kitzel suchten. Steiners Airboard, an dem er in der Freizeit während vieler Jahre getüftelt hatte, kam da gerade recht. Es war patentiert, robust und marktreif. «Damals wollte ich meine Idee verkaufen und sah mich schon als Millionär», lacht der Erfinder. Doch das Echo der Outdoor-Anbieter war bescheiden. Steiner begann deshalb, die Boards selbst zu vertreiben – anfänglich sehr erfolgreich.

Von den Pisten verbannt

«Es waren goldene Jahre», erinnert er sich, «die Geräte gingen weg wie warme Weggli.» Drei Jahre später kam der Einbruch. Die Schweizerische Kommission für Unfallverhütung auf Schneesport­abfahrten taxierte Steiners Gefährt als zu gefährlich für die Piste. In der Folge mussten die Skiorte die Airboarder von den anderen Pistenbenutzern trennen. Und damit wurde der Boom beendet. «Zu den besten Zeiten waren es sicher 20 Wintersportorte, in denen man Airboard fahren konnte, heute sind es noch elf», resümiert Steiner. Dabei seien Airboards nicht gefährlicher als Skis oder Snowboards: «Wer das Gerät beherrscht, ist weder für sich noch für andere eine Gefahr.»

Reich an Erfahrung

Steiners Firma kriselte. Dass es sie noch gibt und heute fünf Angestellte beschäftigt, verdankt Steiner einem anderen Boom, der vor rund zehn Jahren einsetzte: das Stand-up-Paddling, abgekürzt SUP. Aufblasbare stabile Bretter konstruieren, das kann Steiner. Seine Firma gehört zu den führenden Herstellern von aufblasbaren SUP-Boards.

Aus diesem Grund gibt es auch heute noch Snow-Bodyboards von Airboard zu kaufen. Die Absätze haben sich zwar auf tiefem Niveau stabilisiert. Eine steigende Tendenz zeige jedoch die Kombination von Schnee­schuhen und Airboards, sagt Steiner, der mit Partnern zusammen auch geführte Einsteigertouren anbietet. «Wenn ich das alles heute betrachte, muss ich sagen, dass es das Schicksal mit mir gut gemeint hat», resümiert er. Und ist er dann also doch noch Millionär geworden? Steiner lacht: «An Erfahrungen auf jeden Fall.» 


Schneesport ohne Bretter

Der Winter zieht die Menschen ins Freie. Doch nicht alle sind geübt im Umgang mit Skiern oder Snowboard. Hier einige Alternativen für das Vergnügen im Schnee.

Snowtube

Sie sehen aus wie überdimensionale Schwimmringe. Man setzt oder legt sich hinein, hält sich an den Griffen fest, und los geht die Fahrt den Schneehang hinunter. Steuerbar sind die Snowtubes nicht, sie gleiten in vorbereiteten Bahnen. Die grössten in der Schweiz findet man in Leysin VD, Snowtubing bieten aber auch Adelboden BE, Engelberg OW, Brigels GR, Maloja GR, Charmey FR und Crans-Montana VS.


Airboard

Bäuchlings geht es auf dem Board den Hang hinunter. Die aufblas- und lenkbaren «Schlitten» dürfen nicht auf normalen Skipisten benutzt werden, eignen sich aber sehr gut für Tiefschnee im freien Gelände. Es gibt elf Skiorte mit eigenen Airboard-Pisten in der Schweiz und auch auf den meisten Schlittelbahnen sind Airboards zugelassen. Angeboten werden auch Schneeschuhtouren mit Airboard-Abfahrten.

Pisten für Airboards

Zentralschweiz

Berner Oberland

Wallis / Jura / Waadt

Ostschweiz / Graubünden


Airboardtouren-Anbieter

Zentralschweiz

Berner Oberland

Region Solothurn

Region Ostschweiz


 

Snowbike

Eigentlich ein Velo mit Skiern statt mit Rädern. Früher hiess es Skibob, noch früher Gemel. Das Fahren mit dem Snowbike setzt allerdings ein wenig skifahrerische Vorbildung voraus.


Schlitten

Der Klassiker des Wintersports ohne Skier. Über 100 Schlittelbahnen kann man in der Schweiz finden, darunter die längste beleuchtete Schlittelbahn Europas zwischen Preda GR und Bergün GR sowie mehrere Schlittelabfahrten, die zehn und mehr Kilometer lang sind.


Schneeschuhlaufen

Der beste Weg, den Tiefschnee zu Fuss zu erleben. Das Gehen mit den Schneeschuhen ist einfach. Damit die Natur die dringend benötigte Ruhe im Winter bekommt, sollten Schneeschuhgeher aber unbedingt auf den ausgeschilderten Pfaden bleiben. In Wildschutzgebieten muss man gemäss Jagdgesetz zwingend auf den markierten Routen bleiben. Webseiten mit Tourenvorschlägen finden Sie auf unserer Webseite.


Winterwandern

Der einfachste Weg, in die verschneite (Berg-)Welt einzutauchen. Hunderte Kilometer präparierte Winterwanderwege stehen heute schweizweit zur Verfügung.

Erfindergeist

Joe Steiner war schon in jungen Jahren ein Sportfreak. Er fuhr Skirennen und stand oft auf dem Snowboard, bis er sich mit 30 bei einem Sturz die Bänder des Fussgelenks ruinierte. Weil er mehrere Winter nicht Ski fahren oder snowboarden konnte, begann er, Alternativen zu suchen. Er entdeckte den aufblasbaren Schlitten, mit dem er liegend über die Piste flitzen konnte. Es brauchte aber nochmals zehn Jahre Entwicklungsarbeit im Nebenjob, bis Steiner ein Produkt hatte, mit dem er sich auf den Markt wagte. Im Hauptberuf war der gelernte Messerschmied beim Paketdienst DHL tätig als Qualitätsmanager. 2001 gründete Steiner seine Firma Fun-Care AG, und dieses Jahr kann er das 20-jährige Bestehen feiern. Je nach Grösse kostet ein Snow-Bodyboard 298, 369 oder 469 Franken.