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Titelgeschichte

Die Grauzone

Für manche bedeutet das Grau in Grau das nackte Grauen. Doch Nebel kann nicht nur grauenhaft auf die Stimmung schlagen, sondern auch grausam schön sein.

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Heiner H. Schmitt (Expertenbilder)
12. November 2021
Nebel besteht aus feinen Wassertröpfchen - im Gegensatz zu Wolken hat er jedoch Bodenkontakt. Das Grau bildet sich, wenn  die Luft bis zum Taupunkt abkühlt und deshalb 100 Prozent Luftfeuchtigkeit besteht: Der in der Luft enthaltene Wasserdampf kondensiert zu Nebeltröpfchen.

Nebel besteht aus feinen Wassertröpfchen - im Gegensatz zu Wolken hat er jedoch Bodenkontakt. Das Grau bildet sich, wenn die Luft bis zum Taupunkt abkühlt und deshalb 100 Prozent Luftfeuchtigkeit besteht: Der in der Luft enthaltene Wasserdampf kondensiert zu Nebeltröpfchen.

Ob himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt: Schuld daran ist der Nebel. Während die einen ob des Graus in eine Winterdepression verfallen, gehen andere gleichmütig mit dem Phänomen um, die dritten wiederum sind begeistert vom Nebel, seiner Schönheit und seinen Spielarten.

Professor Werner Eugster vom In­stitut für Agrarwissenschaften an der ETH Zürich gehört ganz klar zur letzten Gruppe. Die Liebe zum Grau wurde dem Nebelforscher in die Wiege gelegt. «Ich bin im Seeland aufgewachsen und kenne den ‹ältesten Seeländer›, seit es mich gibt. Es faszinierte mich immer, wenn die Nebelgrenze im Winter so tief lag, dass im nahe gelegenen Wald Raureif die Bäume weiss verzauberte», erinnert sich der 57-Jährige. «Typischer­weise löste sich die Nebeldecke kurz vor Mittag auf und wir konnten im fahlen Sonnenschein an einem Bord, dem ‹Wallisloch›, auf den Skiern runterbrettern.» Dass Nebel und Hochnebel vielen Menschen depressive Verstimmungen bescheren, erfuhr Werner Eugster erst viel später. Schätzungen zufolge gibt es in der Schweiz ungefähr 300 000 Betroffene.

Gefürchtet sind auch andere Folgen des Nebels. Massenkarambolagen wie jene vom 5. November 2003 etwa, als auf der A1 bei Niederbipp BE 73 Fahrzeuge ineinander krachten und 90 Verletzte sowie ein Toter zu beklagen waren. Ebenso gefährlich ist Nebel auf Flug­häfen. Auch für Berggänger kann er bedrohlich werden: So verirrte sich Mitte August 2021 im Wallis eine Wanderin im Gebiet des Tête des Ottans im Grau und wurde erst in der Nacht völlig unterkühlt gefunden. Tags darauf verstarb die Frau. Um solche Tragödien künftig verhindern zu können, arbeiten auch Schweizer Forscher an Modellen zur Nebelvorhersage.

Es erstaunt daher wenig, dass sich manche Menschen vor Nebel fürchten. Homichlophobie heisst dieses Leiden in der Fachsprache, das sich mit phy­sischen und psychischen Symptomen bemerkbar macht und mit Medikamenten, Gesprächs- und Verhaltenstherapie behandelt werden kann.

Nebel als Lebensspender

Probleme dieser Art hatte Werner Eugster glücklicherweise nie. Seine positiven Kindheitserlebnisse trugen wohl entscheidend zu seiner Berufswahl bei. «Als Forscher fasziniert mich, dass es in den Hochgebirgen der Welt sogenannte Nebelwälder gibt, die eine besonders artenreiche Vegetation beherbergen», erzählt er. «Noch immer ist wissenschaftlich nicht überall klar, wie zentral das häufige Vorhandensein von Nebel für diese Wälder ist. Schützt es sie vor zu starker Trockenheit oder gibt es Pflanzen – vermutlich Epiphyten und Moose –, die ohne das Nebelwasser nicht überleben können?»

Die grauen Schwaden «schleichen» ein Tal hoch und verzaubern die Landschaft auf eigentümliche Weise.

Nebel kennt viele Spielarten: Mal hüllt er Bergwälder ein, dann erschwert er im Siedlungs­gebiet die Sicht oder aber er zeigt sich von Höhenlagen aus gesehen als wogendes Nebelmeer.

An einigen Orten der Welt helfen die grauen Schwaden jedenfalls, das Überleben der Menschen zu sichern: Dort wird mit Nebelfangnetzen Trinkwasser gewonnen. Die Initiative stammt ursprünglich vom kanadischen Wolkenphysiker Bob Schemenauer, dem Mit­begründer der Organisation «FogQuest». Aktuelle Projekte gibt es in Guatemala, Äthiopien, Chile, Eritrea und Marokko. Die deutsche Wasserstiftung ist dies­bezüglich in Äthiopien, Eritrea, Bolivien, Marokko und Tansania aktiv. «In der Schweiz und anderen dicht besiedelten Regionen, die nicht an der Küste liegen, fällt der Nebel meist zu wenig dicht aus, um namhafte Wassermengen zu sammeln», erklärt Werner Eugster. «Zudem ist die Schadstoffmenge in Nebeltröpfchen viel höher als in Regentropfen, weshalb man das Nebelwasser zuerst reinigen müsste, um es als Trinkwasser verwenden zu können.»

Die Rekordhalter

Die nebligsten Orte der Welt sind die Grand Banks, eine Gruppe von Unterwasserplateaus südöstlich von Neufundland, die Atacama-Wüste in Chile, die Bucht von San Francisco (USA) sowie die neuseeländische Grossstadt Hamilton. In Europa stehen die Po-Ebene in Nord­italien sowie das Schweizer Mittelland an der Spitze.

Im Mittelland sammelt sich bei den am tiefsten gelegenen Ortschaften entlang der Flusstäler neblige Kaltluft. Welches ist aber der grauste Ort in unserem Land? Der Experte: «Nimmt man als Mass aller Dinge die Häufigkeit der Morgennebel, dann sind die Orte beim Zusammenfluss von Aare, Reuss und Limmat gute Anwärter auf diesen Titel – also im aargauischen Baden und Wettingen. Darum haben wir unsere Forschung stark auf einen Standort an der Lägern bei Wettingen konzentriert.» Den nebelfreisten Ort der Schweiz könnte man anhand der Sonnenscheindauer küren. Und da haben die höher gelegenen Ortschaften in den inner­alpinen Trockentälern – dem Wallis und dem Engadin – die Nase vorne.

Werner Eugster ist schon sein ganzes Leben lang fasziniert vom Nebel.

Allem Grau zum Trotz hat laut MeteoSchweiz, dem Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie, die Nebelhäufigkeit in den vergangenen 30 Jahren im Mittelland ebenso abgenommen wie in den meisten anderen Regionen Europas. Zu verdanken sei dies der Verbesserung der Luftqualität sowie der Verringerung der Schwefeldioxid-Emissionen. Werner Eugster liefert weitere Erklärungsansätze: «Die Landwirtschaft erlebte eine massive Intensivierung. Wo die Böden einst für intensive Bewirtschaftung eher zu feucht waren, ist heute die Entwässerung besser und somit weniger Feuchtigkeit für die Nebelbildung vorhanden.» Vermutlich aber sei der Effekt der Versiegelung der Oberfläche durch die Ausdehnung des Siedlungsgebiets und den Strassenbau genauso wichtig. «Es ist zu erwarten, dass der Klimawandel diese Entwicklung zusätzlich beeinflusst, aber das hängt stark mit den Veränderungen des Niederschlags zusammen.»

Fantasie und Realität

Natürlich spielt Nebel auch in der Literatur und im Kino eine wichtige Rolle. Man denke nur an die Edgar-Wallace-­Krimis oder den Horror-Klassiker «Nebel des Grauens», in dem ertrunkene Seeleute Rache für ihnen angetanes Unrecht nehmen.

Den Nebel des Grauens gab es übrigens wirklich, wenn auch in völlig anderer Form. Vom 5. bis am 9. Dezember 1952 herrschte in London (GB) derart extremer Nebel, dass sich Menschen verirrten. Ursache war das Verbrennen schwefelhaltiger Kohle zur Energie­gewinnung. Einerseits kamen die Abgase von der Industrie, vielmehr aber noch von den Kohle-Heizöfen in den Wohnungen, die auch die Räume mit Abgasen füllten. Draussen wirkten kleinste Russpartikel in diesen Emissionen als Kondensationskeime für Nebeltropfen. In der Folge bildete sich Schwefelsäure in den Nebeltröpfchen, die so sauer wie Zitronensaft sein kann und als Erstes die Augen irritiert. Die Luftverschmutzung kostete letztlich 12 000 Menschen das Leben. Diese Katastrophe war die Geburtsstunde des Begriffs «Smog» – eine Kombination aus den englischen Worten «smoke» (Rauch) und «fog» (Nebel). Eugster: «In der Schweiz ist das nicht mehr denkbar, denn dank der Luftreinhalteverordnung wurden in den 1980er-Jahren alle wesentlichen Schwefeldioxid-Emissionsquellen saniert.»

Egal, ob traumhaft schönes Naturphänomen oder Ursache albtraum­hafter Ereignisse – das wabernde Grau bewegt die Gemüter. Die nüchterne Einschätzung kommt von Werner Eugster: «Letztlich ist Nebel nichts anderes als eine Wolke, die im Kontakt mit der Erdoberfläche ist und uns einhüllt.»

Faszination Nebel

Brockengespenst
Atmosphärische Erscheinung auf Bergen und Hügeln, bei der auf einem Nebel- oder Wolkenband der stark vergrösserte Schatten des Beobachters erscheint. Oft umgeben dabei den Kopf des ­Schattens farbige Ringe – die Glorie.

Halo-Erscheinungen
Ringe, Bögen, Flecken und Säulen, die sich durch Spiegelung und ­Brechung des Lichts an in der Luft schwebenden Eiskristallen ­bilden. Halos zeigen sich am Nebelrand oder bei sehr hoher ­Luftfeuchtigkeit auch in Bodennähe.

Industrieschnee
Entsteht durch Aerosole und ­Wasserdampf aus Industrieanlagen. Voraussetzungen sind Nebel oder hochnebelartige Bewölkung, eine ausgeprägte Temperatur-­Umkehrschicht in Bodennähe, wenig Luftbewegung und Minusgrade.

Nebelbogen
Ist zirka doppelt so breit wie ein Regenbogen, schimmert am Aussenrand gelblich, am Innenrand bläulich und ­dazwischen weiss – sichtbar ist er am Nebel- oder Wolkenrand.

Rauchende Seen
Bewegt sich eher trockene und (sehr) kalte Luft über eine relativ ruhige Wasseroberfläche, heizt sich die Luft im Kontakt mit der Wasseroberfläche auf und es bildet sich Verdunstungsnebel.

Raueis
Körnige und sehr fest haftende Eisablagerung unterkühlter Nebel- oder Wolken­tröpfchen, die sich zwischen –2 und –10 Grad Celsius bildet. Wird durch starken Wind begünstigt.

Raureif
Locker anhaftende und ­zerbrechliche Eisnadeln oder ­Eisschuppen entstehen bei ­schwachem Wind und einer ­Luftfeuchtigkeit von mindestens 90 Prozent, wenn die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt liegen. Zudem müssen die Nebel- tröpfchen unterkühlt, aber flüssig sein.

Welleneffekte
In den Übergangszonen von nebligen zu nebelfreien Zonen gibt es Temperatur- und ­Druckunterschiede. Zusammen mit Wind sorgen sie für wellenförmige Bewegungen im Nebelmeer.