Begleitung am Lebensende | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Begleitung am Lebensende

Menschen am Lebensende sollen besser versorgt sein. Das fordert die ständerätliche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit mit einer Motion. Hannelore Karst erzählt, wie wertvoll die Palliative Care für ihren Mann war.

15. Februar 2021
Symbolbild: Gemäss Schätzungen brauchen in Zukunft zwei Drittel der Menschen eine Palliative-Care-Versorgung an ihrem Lebensende.

Symbolbild: Gemäss Schätzungen brauchen in Zukunft zwei Drittel der Menschen eine Palliative-Care-Versorgung an ihrem Lebensende.

Karl Karst (1923–2006) litt an Blutkrebs. Er wohnte zwar auf eigenen Wunsch zu Hause, musste sich aber für die medizinische Versorgung ins Spital begeben. Dabei gab es im Umgang mit dem Patienten immer wieder ärgerliche Situationen, wie seine Frau Hannelore Karst (81) fand: «Die Situation war für einen todkranken Menschen unzumutbar.» Nachdem ihr Mann im Spital seine 25. Bluttransfusion bekommen hatte, zog sie die Reissleine. Und fand im ambulanten Palliativdienst eine Alternative, die die Lebensumstände ihres Mannes massiv verbessert hat.

«Palliative Care will die Lebensqualität von Menschen erhalten oder wenn möglich verbessern, die an einer unheilbaren, lebensbedrohlichen oder chronisch fortschreitenden Krankheit leiden», erläutert die diplomierte Pflege-  fachfrau Livia De Toffol (45). Sie arbeitet seit drei Jahren bei Palliaviva, einem mobilen spezialisierten Palliativdienst im Kanton Zürich. Dieser kommt zum Einsatz, wenn die Hoffnung zu genesen schwindet und Palliativfragen in den Vordergrund rücken, etwa: «Wie gestalte ich mein Leben in dieser Situation? Was ist mir wichtig an meinem Lebensende? Wie und wo möchte ich sterben?»

Den Tagesablauf selber bestimmen

Solche Fragen stellten sich auch Hannelore Karst und ihr Ehemann. «Sobald wir von den Leistungen eines ambulanten Dienstes profitieren konnten, wurde unser Leben einfacher und besser», erzählt sie. So konnte ihr Mann, inzwischen an den Rollstuhl gefesselt, seinen Tagesablauf wieder selber bestimmen und musste sich nicht mehr nach den Spitalterminen richten. Zudem wurden die Bluttransfusionen billiger, da Transport und Spitalaufenthalt wegfielen. «Wir fühlten uns zum ersten Mal ernst genommen», sagt Hannelore Karst. Alle Pflegenden, die während eines Jahres zu ihr und ihrem Mann kamen, seien sehr fürsorglich und empathisch gewesen. «Ich schätzte es, dass ich mich mit allen Fragen an sie wenden durfte und bei Bedarf Tag und Nacht anrufen konnte.» 

Mit der Zeit entwickelte sich ein herzlicher Kontakt zu den Pflegenden. Auch die Zusammenarbeit des Palliativdienstes mit der lokalen Spitex habe bestens funktioniert. «Diese Zusammenarbeit, auch mit den Fachpersonen aus Medizin, Pflege, Seelsorge, Psychologie und Physiotherapie, ist fundamental bei der palliativen Betreuung», sagt Livia De Toffol.

Einen Sterbenden begleiten

Für Hannelore Karst ist der Tod nichts Unbekanntes, nichts Fremdes. Ihr Leben lang war sie mit dem Tod konfrontiert, zuerst als Kind während des Zweiten Weltkrieges, dann in ihrem Beruf als Tierärztin. Der Sterbeprozess an sich machte ihr daher keine Angst. «Bei den meisten Angehörigen ist das anders», weiss De Toffol. «Viele Menschen haben noch nie einen Sterbenden begleitet und wissen nicht, was sich physiologisch alles verändert. Je besser wir Angehörige über diese natürlichen Vorgänge aufklären können, desto weniger Unsicherheiten und Ängste haben sie.» Generell seien die Angehörigen in der Palliative Care ein wichtiger Teil. «Wir beziehen die Angehörigen von Anfang an mit ein und befähigen sie, richtig zu handeln. Je sicherer sie sich fühlen, desto besser geht es den Patienten», sagt De Toffol.

Für Hannelore Karst war immer klar, dass sie ihren Mann auf dem Weg begleiten will, den er für richtig hält. Deshalb war sie dabei, als er mit 82 Jahren sein Leben mit Exit beendete. Für die Unterstützung und Begleitung der ambulanten Palliative Care ist sie heute noch dankbar. «Ich würde sofort wieder auf dieses Angebot zurückgreifen», sagt sie. Denn: «Wenn die Voraussetzungen und der gute Wille da sind, ist für den todkranken Menschen die Pflege daheim unbezahlbar – und für einen selber auch.» 


Lebensqualität auch am Lebensende

Palliaviva, ein mobiles spezialisiertes Palliative-Care-Team im Kanton Zürich, betreut unheilbar kranke Menschen zu Hause.

Livia De Toffol (45)

Diplomierte Pflegefachfrau im Bereich Onkologie und Palliativ-Pflege

Livia De Toffol: Wie unterstützen Sie Ihre Patienten?
Unser Fokus liegt auf der Beratung und Begleitung, sowie auf der Behandlung von physischen und psychischen Symptomen. Patientinnen, Patienten und ihre Angehörigen haben viele Fragen zum Lebensende, sind verunsichert, haben Ängste.

Welche Wünsche und Ängste stehen bei den Patienten im Vordergrund?
Die Wünsche sind oft ähnlich: keine Schmerzen zu haben, in der letzten Lebensphase nicht allein zu sein, in gewohnter Umgebung zu sterben. Grosse Angst haben viele vor der Abhängigkeit und dem Autonomieverlust, ebenso sind Schmerzen oder Atemnot ein Thema, gerade bei Krebspatientinnen und -patienten.

Wie unterstützen Sie die Angehörigen beim nahenden Tod?
Wir klären sie über natürliche Vorgänge auf. Zum Beispiel verändern sich in der Sterbephase die Atmung und die Atemgeräusche, das wirkt beängstigend, ist aber normal. Sterbende Menschen essen und trinken auch wenig bis nichts mehr. Die Angehörigen befürchten, dass sie verdursten oder verhungern. Dem ist aber nicht so. Es ist der natürliche Sterbeprozess.

Wie gehen Sie mit Alleinstehenden um?
Ich habe eine Patientin mit einer schweren Lungenkrankheit über ein Jahr intensiv betreut und begleitet. Sie lebte alleine zu Hause und wollte dort auch sterben. In enger Zusammenarbeit mit der Spitex, einem Notfallplan und unserem Pikettdienst konnten wir dieser Frau ihren letzten Wunsch erfüllen. Es gibt immer Wege, den Menschen zu helfen – wenn wir alle zusammenarbeiten und hie und da einen besonderen Effort leisten.

Wann stösst Ihre Arbeit an Grenzen?
Wenn das Leiden auf jeder Ebene – körperlich, psychisch, geistig – für alle Beteiligten zu gross wird und die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist. Dann entscheiden wir gemeinsam mit allen Betroffenen, welcher Weg der Beste ist. Das kann je nach Situation eine Spitaleinweisung auf die Palliativstation oder auch ein Hospiz sein.

Wie verarbeiten Sie Ihre Arbeit emotional?
Ich bin gut im Leben verankert, gehe gerne in die Natur und rede viel mit Freunden und meiner Familie. Und ich gestatte mir, auch mal traurig zu sein oder etwas belastend zu finden. Grundsätzlich lebe ich aber eine gesunde Abgrenzung. Zwar bringe ich mich ganz und gar ein, wenn ich eine Patientin oder einen Patienten betreue, aber ich lasse die Situation dort, wo sie hingehört.

Wer bezahlt Ihre ambulanten Einsätze?
Ein Teil unserer Kosten trägt die Krankenkasse, einen anderen Teil die Wohngemeinde. Wir haben mit allen Gemeinden unseres Einsatzgebietes eine Leistungsvereinbarung. Die Eigenbeteiligung der Patientinnen und Patienten beträgt maximal 7.65 Franken pro Besuch. Aber weder die Betreuung der Angehörigen noch die Wegkosten sind damit gedeckt, darum sind wir als Stiftung auf Spenden angewiesen.