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Titelgeschichte

Ruuuhheee!!!

So richtig ruhig ist es fast nie. Stille ist in der modernen Welt ein rares Gut geworden. Wer nach ihr sucht und sie auch aushält, wird jedoch reich belohnt.

01. Oktober 2021
Gleich ist es vorbei mit dem Frieden: In einem Augenblick wird es so richtig laut platschen.

Gleich ist es vorbei mit dem Frieden: In einem Augenblick wird es so richtig laut platschen.

Man kann den einsamsten Ort der Welt aufsuchen, absolut still wird es dort trotzdem nie sein. Egal, ob auf einer kleinen Eisscholle in der Antarktis, in einem abgelegenen Alpental, im tiefsten australischen Outback, im dichtesten Dschungel oder mitten auf dem unendlichen Ozean: Immer werden da Geräusche sein – das Säuseln des Windes, das Kreischen eines Raub­vogels, das Rauschen der Wellen, das Rascheln der Blätter.

Der stillste Platz der Welt befindet sich also nicht in der Natur. Laut dem Guinnessbuch der Rekorde ist es das Anechoic Chamber (Kammer ohne Echo) der Orfield Laboratories in Minneapolis, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Minnesota. Dort testet unter anderem die Firma Harley-Davidson den Sound ihrer Motoren. Die ETH Lausanne verfügt seit einiger Zeit ebenfalls über einen solchen, wenn auch kleineren Raum. Solange nichts getestet wird, herrscht dort drin absolute Stille, es dringt kein Geräusch von aussen herein.

Wer sich in einen solchen Raum setzen würde, würde von nichts abgelenkt. Ausser von sich selbst. Und seinem Inneren. Dort jedoch kann es ziemlich laut werden. «Wenn es aussen still wird, dann beginnt der Lärm im Kopf so richtig», sagt Ruedi Eggerschwiler, Psychologe mit Praxis in Goldau SZ. «Jeder und jede, der oder die äusserlich schon einmal zur Ruhe gekommen ist, weiss, was dann im Kopf losgehen kann – ein kaum anzuhaltendes Gedankenkarussell. Es kommen unangenehme Gedanken und Gefühle an die Oberfläche, die im Lärm des Alltags problemlos weggedrückt werden können. Wirklich still wird es erst, wenn diese Gedanken und Bilder, die wirr durch den Kopf schiessen, zu Ruhe gekommen sind.»

«Wenn es aussen still wird, dann beginnt der Lärm im Kopf so richtig»

Ruedi Eggerschwiler

Der 64-Jährige beschäftigt sich seit fast 30 Jahren mit Zen-Meditation und Achtsamkeit. Eines seiner Spezial­gebiete ist die Stille. Diese sei äusserst wichtig, um unseren aktiven Lebensstil wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Sie bilde den Hintergrund allen Tuns, aus ihr entstünden sämtliche Aktivi­täten. Solche, die Spass machen und interessant sind, aber auch solche, die fordernd oder sogar überfordernd sein können. «Wenn Stille und Aktion nicht im Gleichgewicht sind, erleben wir dies als innerliche Spannung und Stress. In unserer modernen Welt ist diese Balance grösstenteils aus den Fugen geraten. Es dominiert die Aktivität, die oft nur blinder Aktionismus ist. Wir haben vergessen, wie erholsam, entspannend und beruhigend Stille für uns sein kann», erklärt Ruedi Eggerschwiler. «Stattdessen leben wir in einer Dauerspannung, die für die psychische und physische Gesundheit schädlich ist.»

Lärm und Ruhe

Lärm wird als gemeinhin unerwünschter Schall definiert. Störende Geräusche versetzen den Körper in Alarmbereitschaft, das Stresshormon Cortisol wird ausgeschüttet, das Herz schlägt schneller, Blutdruck und Atemfrequenz steigen. Doch Stress ist nicht die einzige gesundheit- liche Folge von Lärm. Das Bundesamt für Umwelt, das für die Auswirkungen von Lärm beziehungsweise dessen Bekämpfung zuständig ist, listet folgende Effekte auf: Nervosität, Angespanntheit, Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, Aggressi­vität, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-­Krankheiten, Konzentrationsstörungen, Beeinträchtigung des Leistungsvermögens sowie bei Schulkindern vermindertes Leseverständnis, schlechteres Langzeitgedächtnis, geringere Motivation.

Geräusche bedeuten natürlich auch Ablenkung. «Der Lärm schützt uns vor peinlichem Nachdenken, er zerstreut ängstliche Träume, er versichert uns, dass wir ja alle zusammen seien und ein solches Getöse veranlassen, dass niemand es wagt, uns anzugreifen», schrieb der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875–1961) anno 1957 dem Gründer der Schweizerischen Liga gegen den Lärm, Karl Oftinger (1909–1977).

Ob ein herunter­fallendes Glas, explodierendes Dynamit oder ein weinendes Baby ? Stille ist im Alltag Mangelware.

Doch nicht nur Lärm kann Folter sein, sondern auch absolute Stille. Menschen im Dunkeln in schalldichten Räumen gefangen zu halten, ist eine Methode der sogenannten weissen Folter, welche kaum nachweisbar ist. Die Abwesenheit von Geräuschen kann dabei zu Halluzinationen führen – man hört Stimmen oder Musik, die gar nicht da sind. Besonders schnell passiert dies, wenn es nicht nur still, sondern auch dunkel ist und/oder man nichts riechen kann. Im Rahmen einer US- Studie sollten Testpersonen eine Viertelstunde in völliger Stille verbringen. Es war ihnen zwar erlaubt, den Versuch abzubrechen, doch wurde ihnen für diesen Fall ein elektrischer Schlag als Konsequenz angedroht. Zur Über- raschung der Wissenschaftler liessen sich viele Probanden lieber bestrafen, als die vollen 15 Minuten in der Stille zu verbringen.

Stille und das, was sie mit einem macht, muss man also erst einmal aushalten können. Während absolute Ruhe im Minimum Beklommenheit auslöst, kann relative Stille den Weg in ein neues Leben ebnen. Sie ist dabei keineswegs mit Leere oder Langeweile gleich­zusetzen. «Die grössten Ereignisse – das sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden», sagte schon der deutsche Dichter und Denker Friedrich Nietzsche (1844–1900). Und vom dänischen Philosophen Søren Kirkegaard (1813–1855) ist folgende Aussage überliefert: «Wenn alles still ist, geschieht am meisten.»

«Wenn alles still ist, geschieht am meisten.»

Søren Kirkegaard (1813–1855)

Einer deutschen Studie zufolge lassen zwei Stunden Stille pro Tag im Hippo­campus neue Zellen entstehen. Dieser Gehirnteil spielt beim Lernen, Erinnern und bei Gefühlen eine wichtige Rolle. Zudem aktiviert unser Oberstübchen im Ruhezustand das sogenannte Default Mode Network (in etwa: Ruhezustandsnetzwerk), das es zum Tagträumen, Fantasieren und Meditieren braucht. Dabei wird unsere Empathie gestärkt, wir werden kreativer und reflektierter.

Der Lohn der Anstrengungen

Wenn der Ballon platzt, erschrickt man nicht nur, der Körper wird auch in Alarm­bereitschaft versetzt.

Die äussere Stille entspannt Körper und Geist. Doch es gibt noch mehr. «Menschen, die wirklich zur Ruhe kommen, entspannen sich vom Inneren heraus», so Ruedi Eggerschwiler. Um innerlich und äusserlich Ruhe zu finden, praktiziert er selbst schon seit Jahrzehnten zwei Dinge: Einerseits die Zen-Methode des regelmässigen Sitzens in Stille und andererseits das psychologische Konzept des Lebensintegrationsprozesses des deutschen Psychologen Wilfried Nelles (73). Eggerschwiler: «Der Hauptgedanke dahinter ist, dass es in jedem und jeder von uns ruhig wird, sobald wir mit allem, was uns im Leben widerfahren ist, mit allem, was wir gemacht oder nicht gemacht haben, Frieden geschlossen haben.»

Der Lohn der Stille ist also innerer Frieden. Und umgekehrt. 

Stille ist nicht gleich Stille

Die spannungsvolle Stille
Diese angespannte, unangenehme, oft peinliche Stille entsteht zum Beispiel, wenn bei einem Familientreffen Tabu-Themen angesprochen werden.

Die entspannte Stille
Bei dieser Form von Ruhe können wir uns entspannen und regenerieren. Wir suchen diese Stille in den Ferien, in einem mühelosen Gleichgewicht von Tun und Lassen.

Die andächtige Stille
Dieses Schweigen tritt ein, wenn man von etwas überwältigt ist. Sei es durch die Schönheit einer Landschaft, ein als magisch empfundenes Erlebnis oder die andächtige Stimmung in einer Kirche.

Die innere Stille
Innerlich ruhig werden bedeutet, sich nicht in Gedanken und Überlegungen zu verstricken, sondern sie so zu lassen, wie sie sind. Wir werden dann fähig, uns ganz auf den Moment einzulassen und aus dem Moment heraus zu handeln.

Stille als innere Haltung
Je tiefer in uns die Erfahrung von Stille wird, desto mehr fühlen wir die Ver­bundenheit und die Fülle allen Lebens.