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Sprechen Sie Redewendisch?

Mit einer Redewendung wendet sich manchmal das Blatt. Unter Umständen macht sie aber einer Unterhaltung auch den Garaus. Ein neues, viersprachiges Buch hat sich Schweizer Redensarten an die Fersen geheftet.

04. Januar 2021

Man kann das Phänomen trocken wie der Duden beschreiben: «Eine Redewendung, auch Redensart, ist eine durch den alltäglichen Gebrauch zu einer festen Formel erstarrte Verbindung mehrerer Wörter. Die Bedeutung erschliesst sich nicht unmittelbar aus der Bedeutung der einzelnen Wörter, stattdessen haben Redewendungen meist eine über­tragene Bedeutung und verwenden Metaphern und andere rhetorische Figuren.» Volks­naher klingt es auf www.kapiert.de: «Redewendungen verwenden sprachliche Bilder. Deshalb kannst du mit Redewendungen Gefühle, Situationen und Sachverhalte anschaulich beschreiben.» Oder aber man geht raus in die freie Schweizer Wildbahn: «A sitzunde Saager isch glich vil wärt wie en liggunde Schiisser» – ein sitzender Säger ist gleich viel wert wie ein liegender Scheisser. Will heissen: Man muss sich schon bemühen, um eine Arbeit anständig zu verrichten.

«Redewendungen verwenden sprachliche Bilder. Deshalb kannst du mit Redewendungen Gefühle, Situationen und Sachverhalte anschaulich beschreiben.»

 

Gut gemacht haben ihren Job Nicole Bandion (38) und ihr Team, die hinter dem Buch «4 Fliegen mit einer Klappe» stehen. Sie suchten in allen vier Landessprachen nach spannenden Redewendungen, übersetzten sie wörtlich und ermittelten zudem die tatsächlich in den drei anderen Sprachen verwendeten Pendants. Überdies erfahren wir, wo die Wurzeln der Redewendungen liegen.

«Ich bin im Wallis zweisprachig aufgewachsen, habe im Tessin an der Università della Svizzera italiana studiert und lebe nun in Zürich», sagt Nicole Bandion, die das Projekt nicht nur leitet, sondern auch die Idee dazu hatte. «Der Impuls zum Buch kam durch eine Themenwoche an Gymnasien in verschiedenen Kantonen, die den Jugendlichen die Sprachenvielfalt der Schweiz aufzeigen und sie in die italienischsprachige Welt eintauchen lassen sollte.» Daraus sei der Wille entstanden, etwas zu kreieren, das die Mehrsprachigkeit und deren Komplexität aufzeigt. Bandion: «Nur wenn man sich sieht, sich begegnet, sich konfrontiert und sich mit­einander auseinandersetzt, nimmt man sich auch gegenseitig wahr, fängt man an, sich füreinander zu interessieren und geht aufeinander zu.»

Die Faszination des Anderen

Mit ungefähr sechs Millionen Einwohnern ist die Deutschschweiz zwar klar die stärkste Kraft im Land, doch die etwa zwei Millionen Köpfe in der Romandie, die gut 370 000 Nasen im Tessin sowie die rund 60 000 Seelen im rätoromanischen Gebiet stehen der sprachlichen Übermacht in Sachen Wortwitz in nichts nach. Das spiegelt sich auch im Buch wider. «Offizielle Angelegenheiten werden zuerst auf Deutsch, danach auf Französisch und Italienisch und erst zuletzt auf Rätoromanisch angegangen», erklärt Nicole Bandion. So 08/15 ging das Team nicht vor. «Wo es möglich war, wollten wir diese Reihenfolge im Buch auf den Kopf stellen. Darum ist Rätoromanisch die erste Sprache, gefolgt von Italienisch, Französisch und zuletzt Deutsch.»

Man wechselte also die Perspektive, um Neues zu entdecken. Das gilt auch für Bandion: «Ich wuchs mit Französisch und Hochdeutsch als Muttersprachen auf, aber vor einigen Jahren habe ich begonnen, Schweizerdeutsch zu sprechen – und daran viel Gefallen gefunden.» Und sie erzählt von Linguistin Verena Tunger (48), der Autorin des deutschen Teils des Buchs, die dank des Projektes ihr Italienisch auffrischte, sowie ihrer Kollegin Lucie Bourban (27), die nun ganze Sätze in mehreren rätoromanischen Idiomen beherrscht.

«Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen»

Bedeutung: Mehrere Dinge gleichzeitig erledigen
Herkunft: Der Ursprung dieser Redewendung liegt im Grimm-Märchen «Das tapfere Schneiderlein». Als der schmächtige Schneider sagte, er habe sieben auf einen Streich erledigt, war ihm die Bewunderung seiner Mitmenschen gewiss, weil sie dachten, er habe mit einem Hieb sieben Gegner erwischt. Dabei waren es nur sieben Fliegen gewesen, die sich auf sein Konfibrot gesetzt hatten.

  • Französisches Pendant: Faire d’une pierre deux coups (Mit einem Stein zwei Treffer landen).
  • Italienisches Pendant: Prendere due piccioni con una fava (Zwei Tauben mit einer Bohne nehmen).
  • Rätoromanisches Pendant: Far ün viadi e duos servezzans (Eine Reise und zwei Dienste erledigen).

«Es ist saukault»

Bedeutung: Es ist sehr kalt
Herkunft: Schweine haben in der Regel kein Problem mit Kälte. Schwein gehabt! Menschen jedoch schon. Das «sau» vor dem «kalt» hat jedoch nichts mit den Grunzern zu tun, sondern wird umgangssprachlich benutzt, um ein Adjektiv oder ein Adverb zu verstärken.

  • Französisches Pendant: Il fait un froid de canard (Es herrscht eine Entenkälte).
  • Italienisches Pendant: Fa un freddo cane (Es ist hundekalt).
  • Rätoromanisches Pendant: Tgei Siberia! (Welch Sibirien!).

«Jemanden einen Bären aufbinden»

Bedeutung: Einen Fehler machen
Herkunft: Früher wurde in Schützenvereinen dem schlechtesten Schützen zum Trost ein Bock überreicht. Erstmals nachgewiesen wurde dieser Brauch 1479 im Schwarzwald.

  • Französisches Pendant: Se mettre le doigt dans l’œil (Sich den Finger ins Auge stecken).
  • Italienisches Pendant: Prendere un granchio (Eine Krabbe nehmen).
  • Rätoromanisches Pendant: Metter la scrotta sper la ruosna (Den Flicken neben das Loch setzen).

«Etwas für die Katz machen»

Bedeutung: Etwas vergeblich tun
Herkunft: In einer Fabel aus dem 16. Jahr­hundert offeriert ein Schmied seinen Kunden, den Preis für seine Arbeit selbst zu bestimmen. Diese bedanken sich zwar, bezahlen aber nichts. In seiner Wut bindet er seine Katze an, damit sie nicht mehr mausen gehen kann. Wird der Schmied nun nicht bezahlt, bekommt auch das Tier nichts ausser dem Spruch «Katz, das geb ich dir!». Sie verhungert. In einer zweiten Version kriegt die Katze immerhin Essensreste: Alles, was ihre Besitzer zu viel gekocht haben, ist für die Katz.

  • Französisches Pendant: Faire quelche chose pour des prunes (Etwas für die Pflaumen machen).
  • Italienisches Pendant: Buttare qualcosa al vento (Etwas in den Wind werfen).
  • Rätoromanisches Pendant: Far enzatgei per dominum clavella (Etwas für Herrgott Holznagel machen).

«Die Katze aus dem Sack lassen»

Bedeutung: Bislang Verheimlichtes offenlegen
Herkunft: Dieser Ausspruch ist mit der Redewendung «Die Katze im Sack kaufen» verwandt. In der zu Beginn des 16. Jahrhunderts veröffentlichten Geschichte «Till Eulen- spiegel» wird jemand hereingelegt, indem man ihm statt eines Hasen im Sack eine Katze verkauft. Wird die Katze aus dem Sack gelassen, kommt die Wahrheit ans Licht.

  • Französisches Pendant: Cracher le morceau (Das Stück ausspucken).
  • Italienisches Pendant: Sputare il rospo (Die Kröte ausspucken).
  • Rätoromanisches Pendant: Gnir our culla pomma (Mit den Beeren rauskommen).

«Jemanden einen Bären aufbinden»

Bedeutung: Jemandem etwas Unwahres erzählen
Herkunft: Ungeklärt. Im 17. Jahrhundert bedeutete, «einen Bären anbinden», dass eine Schuld nicht beglichen worden war. Vielleicht liegen die Wurzeln dieser Redewendung aber auch im althochdeutschen Wort «bari» für «Last». Oder sie hat den Ursprung im gewieften Jäger, welcher glaubhaft, aber fälschlicherweise versichert, einen Bären (mittelhochdeutsch «ber») erlegt zu haben.

  • Französisches Pendant: Mener quelqu’un en bateau (Jemanden in einem Boot herumführen).
  • Italienisches Pendant: Darla a bere a qualcuno (Es jemandem zu trinken geben).
  • Rätoromanisches Pendant: Dar se orgels per tschivlots (Behaupten, Orgeln seien Weidepfeifen).

«Auf dem hohen Ross sitzen»

Bedeutung: Arrogant sein
Herkunft: Ein Pferd war früher ein ­besonders wertvolles Tier, welches sich nur Adelige leisten konnten. Gewöhnliche Leute mussten sich mit einem Esel begnügen. Auf dem hohen Ross sitzt also, wer sich für etwas Besseres hält.

  • Französisches Pendant: Ne pas se prendre pour la queue de la poire (Sich nicht für den Birnenstiel halten).
  • Italienisches Pendant: Avere la puzza sotto il naso (Den Gestank unter der Nase haben).
  • Rätoromanisches Pendant: Haver in quet sc’in cavagl (Den Hochmut eines Pferdes haben).

«Es ist kein Schwein da»

Bedeutung: Es ist niemand hier
Herkunft: Dieser Ausspruch geht auf die Anekdote um die Redensart «Das kann kein Schwein lesen!» zurück. «Schwein» steht hier entweder für den gebildeten Ostfriesen Peter Swyn, der im 16. Jahrhundert lebte, oder die norddeutsche Familie Swin. Diese Leute konnten lesen und unterstützten andere beim Entziffern von Behördenbriefen. Manche Dokumente konnte allerdings auch kein Swyn/Swin lesen.

  • Französisches Pendant: Il n’y a pas un chat (Es hat nicht eine Katze).
  • Italienisches Pendant: Non c’è un cane (Es ist kein Hund da).
  • Rätoromanisches Pendant: Betg en gargiat è cò (Keine Kehle ist hier).

«Da liegt der Hund begraben»

Bedeutung: Das ist der Kern der Sache/ das ist der springende Punkt
Herkunft: Diese Redewendung ist seit dem 17. Jahrhundert bekannt und bezeichnet einen begrabenen Hund, welcher trotzdem Wache hält. Damals hiess es, auf vergrabene Schätze hätte man Hunde gelegt oder Schatztruhen wenigstens mit schwarzen Hunden bemalt. Schwarz wie der Teufel, wohlgemerkt!

  • Französisches Pendant: C’est là que le bât blesse (Hier verletzt der Packsattel).
  • Italienisches Pendant: (È) Qui casca l’asino (Hier fällt der Esel).
  • Rätoromanisches Pendant: Cheu schai il tschanc el puoz (Hier liegt der Widder im Tümpel).

Brückenbauer

Verlage wählen für Bücher meist eine runde Zahl von Beispielen wie 100, vielleicht auch eine witzige wie 77. In Nicole Bandions Buch werden aber 53 Redewendungen besprochen. Wie kam man denn auf diese Zahl? «Auf diese Frage haben wir lange gewartet!», sagt sie lachend. Vielleicht, weil das Erscheinungsjahr 2020 ausnahmsweise 53 Wochen hat? «Tolle Erklärung. Doch in Wahrheit hatten wir so viel Material, dass wir für uns wichtige Redewendungen nicht weglassen konnten, nur um eine runde Zahl hinzukriegen.» Bandion und Co. haben ein Werk erschaffen, in dem man gerne schmökert, das einen zum Staunen und Schmunzeln bringt. «In der Schweiz leben die Leute in den Sprachregionen wie in Parallelwelten: Nie kommt man mit allen vier Landessprachen in Kontakt. Darum war mein wichtigstes Ziel, eine Brücke zwischen unseren Landessprachen und Kulturen zu schlagen.»

Wer seine Nase ins Buch steckt und keine Tomaten auf den Augen hat, merkt: Wir haben Schwein gehabt, dass «4 Fliegen mit einer Klappe» ent­standen ist. Denn sonst hätten wir um ein Haar nie erfahren, welch lustige Redewendungen unsere Freunde in der Romandie, dem Tessin und der rätoromanischen Schweiz verwenden. Und das wäre uns echt auf den Wecker gegangen! 

Kurz und bündig

  • Redewendungen haben meist eine übertragene Bedeutung.
  • Die Leute in den Sprachregionen leben wie in Parallelwelten.
  • Ziel war es, eine Brücke zwischen den Landessprachen und Kulturen zu schlagen.
  • Man wechselte die Perspektive, um Neues zu entdecken.