Surfin' Sion | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Lifestyle
Reportage

Surfin' Sion

Die perfekte Welle zu finden, ist das Sehnsuchtsziel jedes Wellenreiters. Im «Alaïa Bay» in Sion VS gibts diese Wellen gleich serienweise – im Sommer und im Winter.

TEXT
FOTOS
Louis Dasselborne, THEWOLFMIKE
03. Mai 2021
Surfen in der Rhone-Ebene: Fanny Bühlmann zeigt, wie man eine Welle richtig reitet.

Surfen in der Rhone-Ebene: Fanny Bühlmann zeigt, wie man eine Welle richtig reitet.

Zugegeben: Die Romantik einer wilden Pazifikküste auf Hawaii oder in Australien ist nicht dieselbe. Aber auch das Walliser Alpenpanorama hat seinen Reiz – und auf dem Brett hat man ohnehin kein Auge für die Umgebung. Da geht es für den Anfänger einzig und allein darum, im richtigen Moment aufzustehen und dann auch noch das Gleichgewicht zu halten, um auf der Welle dahinzugleiten. Kein leichtes Unterfangen, wenn man schon vom Paddeln gegen die Strömung ausser Atem ist.

«Steh nicht zu schnell auf! Lieber langsam und kontrolliert, damit du das Gleichgewicht hältst», rät Coach Fanny Bühlmann (18) nach dem ersten, fast geglückten Versuch. Klingt ja absolut einleuchtend, aber leider wartet die begehrte Welle nicht, bis das kontrollierte Aufstehen vollendet ist. Unbeeindruckt rauscht sie unter dem Brett hindurch. Nächster Versuch.

Wellen brauchen Platz: Die zwei Surf-Pools von Alaïa Bay entsprechen der Fläche eines Fussballfelds und fassen zusammen 13 Millionen Liter Wasser - so viel wie vier olympische Schwimmbecken.

Von der Bretagne nach Sion

Fanny Bühlmann hat leicht reden, schliesslich beherrscht sie als Mitglied des Schweizer Surf-Nationalkaders den Bewegungsablauf im Schlaf. Im Alter von elf Jahren entdeckte sie den Reiz des Wellenreitens, der sie seither nicht mehr losliess. In den Sommerferien in der Bretagne (F) versuchte sie sich zum ersten Mal auf einem Brett und meisterte die Hürde des Aufstehens gleich am ersten Tag. «Ich verbrachte in jenen Ferien jede Minute im Wasser und kaufte mir nach einer Woche schon mein erstes Surfbrett», erinnert sich die Teenagerin. Die Bretagne wurde zum Lebensmittelpunkt für Fanny Bühlmann, denn dort besuchte sie ein Sportgymnasium, bei dem sie ihr Hobby mit der Schule verbinden konnte. «Nach Hause kam ich jeweils nur zu Weihnachten», erzählt sie. Denn ihre Heimat Ollon VD ist einfach zu weit entfernt von der Meeresbrandung. Zumindest war sie das.

Denn nach ihrem Schulabschluss in der Bretagne wurde im letzten Jahr für Fanny Bühlmann ein Traum wahr: In Sion, nur eine gute halbe Stunde Autofahrt von ihrem Elternhaus entfernt, entstand die erste echte Wellensimulations-Anlage des europäischen Festlands. Möglich machte das ein angefressener Surfer aus Crans-Montana VS. «Ich reiste jedes Jahr zum Surfen in die Ferne und war frustriert, weil ich immer wieder praktisch von vorn anfangen musste», erinnert sich Adam Bonvin (25), der Gründer von Alaïa Bay. «Deshalb hatte ich vor sieben Jahren die Idee, die Wellen gewissermassen nach Hause zu bringen.» Dazu inspirieren liess er sich von einem privaten «Wavegarden» in Nordspanien.

Als Coach bei Alaïa Bay kann Fanny Bühlmann ihr Hobby zum Beruf machen.

 

Begehrte Sessions

Wer im Sommer surfen will, meldet sich besser jetzt schon an

Am 1. Mai öffnete Alaïa Bay erstmals seine Tore – allerdings nur für jene, die im letzten Dezember einen «Early Surf Pass» ergatterten. Ab 22. Juni ist die Anlage dann für alle geöffnet, inklusive Surf-Shop und Restaurant. Eine Surf­lektion à 90 Minuten (30 Minuten an Land, 60 Minuten im Wasser) inklusive Surfbrett, Neoprenanzug und Coach kostet Fr. 149.–, eine Surfstunde mit der eigenen Ausrüstung Fr. 129.–. Kinder bis 12 Jahre erhalten eine Ermäs­sigung. Voranmeldung ist Pflicht. Weitere Infos und Buchung unter: www.alaiabay.ch

Von Anfänger bis Profi

Nachdem endlich ein geeignetes Grundstück gefunden war, ging es mit dem Projekt flott voran. Die reine Bauzeit betrug trotz Pandemie nur 14 Monate. «Als ich hörte, dass Alaïa Bay Trainer sucht, habe ich mich sofort beworben», sagt Fanny Bühlmann, die seit 2018 dem Schweizer Nachwuchs-Nationalteam angehört. Und nun steht sie da in der künstlichen Brandung des kaum mit Chlor versetzten Wassers und schaut sich den nächsten – gescheiterten – Versuch an.

Der Vorteil, den die Anlage unmittelbar neben dem Sittener Flugplatz gegenüber dem offenen Meer besitzt, ist das Wissen, dass die nächste, absolut identische Welle genau zehn Sekunden später folgt. Die Anlage lässt sich so einstellen, dass sie Wellen zwischen 50 Zentimetern und zwei Metern Höhe produziert, womit vom Anfänger bis zum Profi jeder seine Herausforderung findet. In den beiden Pools, deren gemeinsames Fassungsvermögen vier 50-Meter-Becken entspricht, können sich je bis zu 20 Wellenreiter gleichzeitig tummeln. «Bisher war für mich in der Schweiz nur Ausdauer- und Krafttraining möglich», erklärt Fanny Bühlmann. «So aber kann ich auch zu Hause an meiner Surftechnik feilen – sogar viel effizienter als im Meer, weil jede Welle genau gleich ist.» Und genau gleich schwierig zu erwischen, sei aus der Anfänger-Perspektive angefügt.

 

«Surfen draussen vor verschneiten Bergen - einmalig.»

Adam Bonvin

Von der Skipiste in den Pool

Nun sollte man denken, dass im Binnenland Schweiz zwar das Windsurfen dank unserer Seen verbreitet ist, aber doch wohl nicht das Wellenreiten. «Es gibt in der Schweiz mehr Wellenreiter, als man denkt», widerspricht Fanny Bühlmann lächelnd. Die Zahl dazu kennt Adam Bonvin. 40 000 sollen es sein, sagt der kreative Kopf von Alaïa Bay. Und mehr als diese Zahl brauchte er nicht, um genügend Investoren für das millionenschwere Projekt zu gewinnen. «Die meisten davon werden früher oder später bei uns zu Gast sein, denn abgesehen von Bristol in England sind wir in Europa die einzige Anlage, die ein Surferlebnis simulieren kann», so Bonvin.

Wenn jeder dieser 40 000 nur drei Mal für eine Stunde käme, wäre die Anlage auf die nächsten Jahre hinaus ausgebucht – die zahlreichen Anfänger und Surfer aus dem Ausland noch gar nicht mitgerechnet. Der Schlüssel zum erhofften Erfolg ist aber, dass der Betrieb das ganze Jahr offen hat. «So bieten wir im Winter das einmalige Erlebnis, vor verschneiter Bergkulisse unter freiem Himmel zu surfen. Die ganz Angefressenen können sogar abenteuerlich kombinieren: Am Morgen Skifahren in Crans-Montana oder Zermatt, am Nachmittag Surfen in Sion.» Dem Anfänger reicht schon die einstündige Surflektion ohne Vorbelastung, vielen Dank. Verschnaufpausen gibts nämlich kaum, denn die Zeit im Wellenpool ist kostbar, und die nächste Welle kommt bestimmt. In zehn Sekunden.

Surfen in der Schweiz

Anstehendes Projekt und stehende Wellen

Seine Monopolstellung in Kontinentaleuropa darf Alaïa Bay noch eine ganze Weile geniessen. Konkurrenz erwächst dem Walliser Surfspot aber ausgerechnet im eigenen Land: Mit dem «Waveup Surfpark» entsteht in Regensdorf ZH eine praktisch identische Anlage wie jene in Sion. Deren Eröffnung ist auf 2024 geplant. Ansonsten muss man sich in der Schweiz mit sogenannten «stehenden Wellen» begnügen, die ein ganz anderes Surfgefühl bieten, da die Welle nicht anrollt, sondern statisch ist. «Urbansurf» in Zürich und «Oana Citywave» in der Mall of Switzerland in Ebikon LU bieten solche stehenden Wellen in der Halle, auf der Reuss bei Bremgarten AG existiert eine in der freien Natur.