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Unsere Museen – vom Kino bis zur Leere

Einst waren Museen Kuriositätenkabinette, die alles zeigten, womit man die Besucher überraschen konnte. Das, nämlich überraschen, wollen Museen auch heute, aber sie tun es systematischer.

10. Mai 2021
Täuschende Distanzen, veränderte Perspektiven, falsche Wahrnehmung? Im WowMuseum in Zürich ist nichts, wie es scheint.

Täuschende Distanzen, veränderte Perspektiven, falsche Wahrnehmung? Im WowMuseum in Zürich ist nichts, wie es scheint.

Auf der ganzen Welt gibt es laut Schätzung der Unesco zirka 95 000 Museen. Allein in der Schweiz zählt man 1129. Damit ist unser Land eines von nur 16 Ländern mit mehr als tausend Museen. Diese Dichte gehört zu den höchsten der Welt. Erstaunlich sind aber nicht nur die reinen Zahlen, sondern auch die Vielfalt: Man findet regionale und lokale Museen (diese sind mit 32,3 Prozent der Gesamtzahl am weitesten verbreitet), dann gibt es ethnografische, archäologische, historische, technische, künstlerische, naturwissenschaftliche und thematische Museen, die sich den unterschiedlichsten Themen widmen.

Diese uns so vertrauten Kulturstätten sind jedoch mit einer ganz bestimmten Art von Sammlungen entstanden, wie Hélène Furter (30) vom Generalsekretariat des Verbands der Schweizer Museen (VMS) erklärt. «In der Schweiz waren es die Kirchen, die begannen, Sammlungen anzulegen, wie zum Beispiel die Abtei von St-Maurice im 7. Jahrhundert.» Im 17. Jahrhundert wurden dann sogenannte Kuriositätenkabinette eingerichtet und erst im 18. Jahrhundert entstanden Museen in der Form, wie wir sie heute kennen. «Diese richteten sich allerdings noch an ein begrenztes Publikum», erklärt Hélène Furter. Erst im 19. Jahrhundert öffneten sich die Museen für ein breiteres Publikum.

So richtig Schub erhielt diese Kulturform im 20. Jahrhundert. Es entstand eine richtige Welle von Museumsöffnungen, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg. «Man wollte die Erinnerung an die ländliche Kultur bewahren, die im Verschwinden begriffen war, und gleichzeitig die wachsende Nachfrage des Publikums befriedigen. Die neuen Museen erweiterten das kulturelle Angebot und entwickelten temporäre Ausstellungen.» Das Museum wird nun auch zu einer touristischen Attraktion und ist zunehmend nicht nur eine Institution zum Schutz und zur Förderung der kulturellen Vielfalt, sondern auch ein Ort der Begegnung und des Dialogs.

Kurz und bündig

  • Am 16. Mai ist internationaler Museumstag.
  • Weltweit gibt es 95 000 Museen, 1129 zählt man in der Schweiz.
  • Die ersten Sammlungen legten die Kirchen an, später entstanden Kuriositätenkabinette.
  • In St. Gallen stellt das Museum of Emptiness die Leere aus.

Ein Haus der Illusionen

Dieser Dialog kann durchaus auch mit sich selber stattfinden, wie man im Wow-Museum in Zürich erfährt. Nur einen Steinwurf von der Bahnhofstrasse entfernt und vor knapp einem Jahr eröffnet, ist hier nichts, wie es scheint. Auf drei Etagen erleben die Besucherinnen und Besucher überraschende Sinnestäuschungen, Illusionen und neue Perspektiven. Hier erlebt man, dass es kein Richtig oder Falsch gibt und dass jeder die Dinge anders sieht. Wegen grosser Nachfrage empfiehlt es sich, die Tickets frühzeitig online zu bestellen.

Als das Kino nach Hause kam

Ein weiteres, noch sehr junges Museum in der Schweiz befindet sich in Sessa TI, das «Cine Museo 65». Der Gründer und Inhaber, Rolf Leuenberger (68), ist Berner, lebt aber seit seinem 21. Lebensjahr im Tessin. Die Zahl 65 im Museumsnamen rührt daher, dass Leuenberger Objekte ausstellt, die über einen Zeitraum von 65 Jahren produziert wurden, und zwar zwischen 1922, als der erste Projektor für ein Heimkino auf den Markt kam, bis 1987, als der Übergang vom Film zum Video endgültig vollzogen wurde.

Im kleinen Museum sind etwa 300 Objekte zum Thema «Do-it-yourself-Kino» in akribisch kuratierten Vitrinen ausgestellt: Kameras, Projektoren und Filme – eine einzigartige Sammlung in der Schweiz. «Ich definiere mich nicht als Sammler», sagt Leuenberger, «ich habe wohl über 2000 Objekte, aber vor allem will ich sie zeigen und zeigen, was sie filmisch zuliessen.»

Nicht alle Museen konzentrieren sich auf das Ausstellen von Objekten. In Lausanne beispielsweise hat das «Musée de l'oeil», das Augenmuseum, nur einen kleinen Ausstellungsraum in der Augenklinik Jules-Gonin. Die eigentliche Ausstellung findet online auf der Website statt – und das schon vor der Pandemie.

Auch das Nichts hat sein Museum

Noch extremer ist das MoE in St. Gallen, das Museum of Emptiness. Ein Raum von 70 Quadratmetern, eine Bank in der Mitte, weisse Wände, ein Lichtrahmen an der Decke. Das ists. Hinter dieser kuriosen Initiative, die 2016 geboren wurde, steht die Künstlerin Gilgi Guggenheim (48). St. Gallen ist bekannt für seine Abtei und seine Bibliothek, aber auch für sein Textilmuseum: Zwischen Barock, Spitzen und Klöppeln werden die Augen durch Triumphe der Farben und Reize befriedigt. «Ich wollte eine Art stille Bubble im Stadtzentrum eröffnen», sagt Gilgi Guggenheim dazu, «ein Ort, der einlädt, eine Pause von der Fülle des Angebots zu machen, in dem Leere erlebt werden kann.»

«Ich wollte eine Art stille Bubble im Stadtzentrum eröffnen»

Gilgi Guggenheim

Besucherinnen und Besucher können im MoE einfach den Raum geniessen, oder Veranstaltungen besuchen, die Guggenheim in ruhigem Rhythmus zusammen mit regionalen und internationalen Kulturschaffenden gestaltet – sofern die Umstände es erlauben. Der Raum wird auch für Workshops, Yoga- und Meditationskurse genutzt. «Ob Tanz, Musik oder Rauminstallation – in allen Interpretationen geht es um die Reflexion einer lebendigen Leere», erklärt die Künstlerin, die vor Kurzem ein Buch mit dem Titel «Plötzlich diese Leere» herausgegeben hat, in dem Fotos unserer leeren Städte während des Lockdowns im Frühling 2020 gezeigt werden. 24 bekannte Persönlichkeiten, von Daniel Koch (66) über Bertrand Piccard (63) bis Gardi Hutter (68) sprechen über ihre Erfahrungen mit der Leere im Zusammenhang mit Covid. Kurzum: Eine weit weniger abstruse Idee, als man auf den ersten Blick vermuten könnte.

Künstlerin Gilgi Guggenheim im MoE, im Raum, der der Reflexion über die Leere gewidmet ist.

Museen werden real erlebt

Bleibt die Frage, wie die Museumswelt aussehen wird, wenn die Pandemie Geschichte ist und wir wieder unseren gewohnten Alltag zurückbekommen. Alles digital? «Nein», sagt Hélène Furter. Auch wenn während der Schliessung viele Museen auf digital umstellten und dabei vor allem die sozialen Medien nutzten, so waren bei der Wiedereröffnung die Warteschlangen lang: «Das Publikum liebt die Museen, und ein Objekt live zu sehen, vielleicht mit einem Kurator darüber zu diskutieren, gehört immer noch zu unserer bevorzugten Art, sie zu erleben.» 

www.coopzeitung.ch/museum

Museum der Hand – Lausanne VD

Für Wissenschaftsinteressierte

Im Museum der Uni Lausanne und des Kantonsspitals Waadt gibt es Wechselausstellungen zu wissenschaftlichen, medizinischen und sozialen Fragen. Aktuell kann man auf spielerische und fesselnde Art den Prozess der Verdauung entdecken. Mehr Infos: www.museedelamain.ch

 

 

Museum der Komik – Verscio TI

Für Theaterliebhaber

Das kleine Museum wurde von Clown Dimitri (1935–2016) geschaffen und von Harald Szeemann (1933–2005) im Dimitri-Theater eingerichtet. Es zeigt Musikinstrumente, Masken, Skulpturen und Spielzeuge rund um Comics, Zirkus und Clownfiguren. Über 600 Ausstellungsstücke, die der berühmte Clown gesammelt hat. Mehr Infos: www.teatrodimitri.ch/museo-comico

 

Polenmuseum – Rapperswil SG

Für Geschichtsinteressierte

1870 gründeten polnische Exilanten ihr Nationalmuseum auf Schloss Rapperswil. Das auch in Polen bekannte Museum stellt die polnische Geschichte und Kultur sowie die Beziehungen zwischen der Schweiz und Polen dar. Mehr Infos: www.polenmuseum.ch

 

Henker-Museum – Sissach BL

Für Nervenkitzel

Im alten Gefängnis von Sissach werden historische Stücke und Repliken ausgestellt, die die Geschichte der Justiz in alter Zeit, der Henker sowie der Todesstrafe und Folter nachzeichnen. Das Museum ist nichts für Zartbesaitete. Mehr Infos: www.henkermuseum.ch

 

Museum Schmelzra –S-charl GR

Für Naturliebhaber

Das Museum dokumentiert die Bergbaugeschichte am Mot Madlain. Über 300 Jahre lang haben Bergleute von Hand Blei- und Silbererz abgebaut. Am selben Ort betreibt der Nationalpark eine Bärenausstellung: Der letzte Schweizer Bär wurde 1904 unweit von hier geschossen. Das Museum wird am 13. Juni eröffnet. Mehr Infos: www.schmelzra.ch

 

Hexen-Museum – Gränichen AG

Für Liebhaber der Magie

An bezaubernder Lage, auf Schloss Liebegg, entdecken Sie die Welt der Hexen: vom traurigen historischen Kapitel bis zu den unterschiedlichsten Kuriositäten, die mit dieser faszinierenden Figur zusammenhängen. Mehr Infos: www.hexenmuseum.ch

 

Hoosesaggmuseeum – Basel

Für Neugierige

Das kleinste Museum Basels: eine Vitrine in einer kleinen Gasse im Zentrum, in der temporäre thematische Ausstellungen aufgebaut sind. Das Kriterium? Sie müssen klein genug sein, dass sie in eine Hosentasche passen. Ein kleines, poetisches Bijoux. Mehr Infos: www.hoosesaggmuseum.ch

 

Pferdemuseum - La Sarraz

Für Pferdeliebhaber

Die Idee entstand nach der Abschaffung der Heereskavallerie im Jahr 1972. Im Komplex des Schlosses Sarraz beschäftigt sich dieses Museum mit dem Thema Pferd in all seinen Aspekten.

Weitere Informationen hier: https://www.museeducheval.ch/

 

Tapetenmuseum - Mézières

Für Liebhaber der Dekoration

Im 18. Jahrhundert wurde die Tapete zum Modeartikel. Der modebewusste Offizier Frédéric-François-Victor de Diesbach liess in seinem Palast prächtige Tapeten anbringen. Heute können auch wir sie bewundern.

Weitere Informationen hier: https://museepapierpeint.ch/

 

Musée Le Pire - Porrentruy

Für Liebhaber des Bizarren

Kennen Sie die Künstler Plonk & Replonk, bekannt für ihre absurd-humorvollen Postkarten? Dann dürfen Sie das kleine und sehr fantasievolle Museum in Porrentruy nicht verpassen.

Weitere Informationen hier: https://www.le-pire.ch/

 

Museum Enter - Solothurn

Für Nerds

Das Museum zeigt die Geschichte der Computer und der Unterhaltungselektronik: Radios, Fernseher, Telefone, Handys, die ersten Apple-Computer und vieles mehr: Es gibt mehr als 10’000 Exponate.

Weitere Informationen hier: https://enter.ch/

 

Ziegelei-Museum - Hagendorn/Cham

Für Liebhaber der Architektur

In dem lichtdurchfluteten Museum erfahren Sie aus verschiedenen Perspektiven alles über die Herstellung von Fliesen und Ziegeln. Wertvolle alte Artefakte, aber auch aktuelle Produkte, mit dem Fokus auf nachhaltige Bauweisen und einem Blick in die Zukunft.

Weitere Informationen hier: http://www.ziegelei-museum.ch/

 

Wow Museum - Zürich

Für Kinder und alle, die es geblieben sind

Einen Steinwurf von der Bahnhofstrasse entfernt lädt das vor knapp einem Jahr eröffnete Museum dazu ein, sich durch psychedelisch gefärbte Räume zu bewegen: Wie sehr trügt uns der Blick? Entdecken Sie die Welt der optischen Täuschungen.

Weitere Informationen hier: https://www.wow-museum.ch/

 

MoE - Museum der Leere - St. Gallen

Für introspektive Seelen

Das Museum lädt dazu ein, sich von der Fülle des Angebots zu erholen und widmet sich dem Thema der Leere. Der Raum dient auch als Plattform für Künstler, die sich dem Thema widmen wollen.

Weitere Informationen hier: https://museumoe.com/

 

Cine Museum 65 - Sessa

Für Liebhaber von bewegten Bildern

Zahlreiche Relikte und Zeugnisse, die von hundert Jahren Amateurkino erzählen und durch Objekte und Projektionen wieder erlebbar gemacht werden sollen. Im Sommer finden auch Open-Air-Filmvorführungen statt. Sonntags und auf Anfrage geöffnet.

Weitere Informationen hier: https://www.cine-museo.ch/

Aufgrund der unregelmässigen Öffnungszeiten empfehlen wir, sich im Voraus via Website zu informieren.