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Teuflisch schöne Weitwanderung

Die Corona-Pandemie hat aus dem wanderverliebten Volk der Schweizer ein wanderverrücktes Volk gemacht. Mancherorts droht Staugefahr auf dem Wanderweg. Wer etwas weniger bevölkerte Touren sucht, ist im Bernina-Gebiet am richtigen Ort.

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Andrea Meier
25. Juni 2021

Der Piz Bernina (4049 m ü. M.) ist der höchste Berg Graubündens, der einzige Viertausender der Ostalpen. Wer nun denkt: «Zu hoch, nichts für mich», denkt definitiv falsch. Der Piz Bernina ist ein Paradies für Wanderer, und man muss ja nicht gleich ganz hinauf. Von weiter weg sieht man ihn ohnehin besser. An seinen Flanken verläuft eine Vielzahl von Wanderwegen. Auf ihre Kosten kommen hier auch die Anhänger von Weitwanderungen. In einer mehrtägigen Tour kann man das Massiv zur Gänze umrunden, auch auf der italienischen Seite. Wer auf heimischem Boden bleiben möchte, umwandert den Schweizer Teil des Berninas in fünf landschaftlich reizvollen Etappen.

Entlang der RhB-Berninalinie

Die erste Etappe führt vom Hauptort des Puschlavs, von Poschiavo GR, auf den Berninapass hinauf. Durch lauschige Fichtenwälder und entlang der Berninalinie der Rhätischen Bahn (RhB) steigt der Weg stetig an, vorbei unter anderem an den Gletschermühlen von Cavaglia (Coopzeitung Nr. 22/2021). Für diese bleibt den Wanderern ebenso wenig Zeit wie für den Besuch der Camera obscura (Coopzeitung Nr. 20/2020) auf dem Berninapass oben, wo Mario Häfliger (64) Führungen macht. Beides sind Attraktionen Südbündens, für die es sich lohnt, bald wiederzukommen.

 Sagenhafter Blick auf den Silvaplanersee.

Häfliger kennt die Berggipfel der Region. «Dass wir die Berge zum Wandern, also für Erholung und Spass nutzen, ist eine Erscheinung der Neuzeit», erklärt er. Früher seien die Säumer über den Pass gegangen, um Waren zu transportieren, «für die Berge haben sie sich nicht interessiert». Häfligers Ururgrossvater war einer jener Säumer, die im 19. Jahrhundert mit Pferden Wein über den Berninapass transportierten. Wichtig waren die Strassen, «vor den Bergen hatten die Menschen eher Angst», sagt Häfliger. Und weil keiner hinaufstieg, brauchten diese auch keine Namen. Es reichte, wenn man wusste, wie die Alp hiess.

Erst als englische Besucher begannen, die Berge zu besteigen, wurden die Gipfel benannt. Der höchste erhielt den Namen des Passes und wurde um 1850 zum Piz Bernina. «Man war damals schon mobil», sagt Häfliger. Das zeigt sich darin, dass die Berge von allen Seiten gleich heissen. «Andernfalls hätten die Gipfel von verschiedenen Seiten unterschiedliche Namen bekommen.»

Die Sache mit der Teufelin

Das Joch zwischen dem 3206 Meter hohen Munt Pers (dem verlorenen Berg) und dem 3145 Meter hohen Piz Trovat (dem gefundenen Gipfel) ist das Ziel der zweiten Etappe. Es erhielt den Namen Diavolezza (die Teufelin) und liegt auf 2972 m ü. M. Der Name rührt von einer Sage, nach der eine Fee im Lej da la Diavolezza gerne ein Bad nahm. So mancher Jäger, der sie dabei beobachtete, wurde unvorsichtig und kehrte nie mehr heim. Etwas teuflisch ist auch der Aufstieg auf die Diavolezza und weiter auf den Munt Pers – anspruchsvoll und schweisstreibend. Im oberen, steinigen Gelände, ist der Weg etwas ausgesetzt, aber mit Seilen gesichert.

Die dritte Etappe startet mit der Seilbahnfahrt ins Tal. Zuerst geht es ins Val da Fain, dann schlängelt sich der Weg in steilen Serpentinen hoch zum Übergang Fuorcla Pischa. Der letzte Teil hats dann etwas in sich, Schwindelfreiheit und Trittsicherheit sind notwendig. Oben empfängt die Besucher eine richtige Mondlandschaft. Eine Steinwüste, wie sie schöner nicht sein könnte. Der Abstieg durch das Val Languard nach Pontresina ist technisch einfach, aber lang.

Auf der vierten Etappe sind nochmals fast 1000 Höhenmeter durch das Val Roseg und über die Fuorcla Surlej zu bewältigen, gefolgt von einem kleinen Abstieg zur Bergstation Murtèl. Zum Übernachten bringt die Seilbahn die Weitwanderer nach Surlej hinunter. 

Die letzte Etappe führt von Murtèl hinunter nach Sils. Immer im Blick auf diesem Abschnitt sind der Silvaplanersee und der Silsersee mit ihrem türkisfarbenen Wasser. In Sils führt der Weg auf die andere Talseite und steigt 200 Höhenmeter hinauf nach Grevasalvas, wo 1978 einer der ersten Heidifilme gedreht wurde. In Maloja endet die Fünf-Etappen-Weitwanderung – nach 70 Kilometern und fast 5000 Höhenmetern.

Bernina

Staffelegg–Brugg

An-/Abreise: Mit Zug und Bus via Aarau, zurück mit dem Zug ab Brugg.

Schwierigkeit: leicht
Technik: *****
Kondition:*****
Strecke: 16,6 km
Dauer: 4 Std. 15 Min.
Aufstieg: 320 m
Abstieg: 590 m