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Wunderschöne Weiher-Wanderung

Der Thurgau ist bekannt für seine Velorouten. Er bietet aber auch für Wanderer mehr, als an einem Wochenende zu schaffen ist – etwa den über 200 Kilometer langen Thurgauer Rundwanderweg.

FOTOS
Andrea Meier
26. März 2021

Der Thurgauer Rundwanderweg ist ein Grossprojekt für couragierte Wanderer. 220 Kilometer weit führt er in 24 Etappen durch den ganzen Kanton, vorbei an malerischen Gegenden und gut erhaltenen Dörfern, an Schlössern, Burgen und Klöstern. Natürlich kann man auch nur einzelne Etappen absolvieren. Beispielhaft für den Rundwanderweg steht etwa die Etappe zwischen Hauptwil und Amriswil.

Hätten wir die Wanderung im Sommer gemacht, wir wären wohl keinen Kilometer weit gekommen. Nur ein paar hundert Meter, nachdem wir am Bahnhof gestartet sind, befinden wir uns am Hauptwiler Weier – kein Tippfehler, der Weiher schreibt sich Weier ohne «h» – mit seinem Badeplatz. Einladend sogar im März, wenngleich das Wasser etwas gar frisch ist.

Weiher unter Naturschutz

So begnügen wir uns mit einem ausgiebigen Blick und wandern nordwärts, wo wir auf vier weitere Weiher (oder eben Weier) stossen. Sie alle gehören zur Hauptwiler Weiherkette und sind – auch wenn sie sehr natürlich wirken – von Menschenhand geschaffen. Sie wurden im 15. Jahrhundert für die Fischzucht des Bischofszeller Chorherrenstifts St. ​Pelagius angelegt. Die Mönche stauten das Wasser in der Gletscherrinne mit Dämmen, sodass die Weiher entstanden. «Das Wasser erhielten sie einst vom Sorenbach, heute von mehreren Quellen links und rechts der Weiher», erklärt Walter Luginbühl (77), früherer Gemeindepräsident von Hauptwil. Damals erwirtschafteten sich die Mönche mit der Karpfenzucht ein Einkommen. Später waren die Weiher die Voraussetzung für die Nutzung der Wasserkraft und somit der Industrialisierung Hauptwils. Ein Industrielehrpfad zwischen Hauptwil und Bischofszell zeigt, wie das Leben und die Arbeit vor mehr als 100 Jahren aussahen.

Filmemacherin Andrea Meier und Reporter Thomas Compagno beim Horbacher Weier.

Das gut 1000 Einwohner zählende Hauptwil, das 1999 den Wakkerpreis für seinen beispielhaften Ortsbildschutz erhalten hat, verdankt seinen Weihern viel. Entsprechend verbunden ist man ihnen. Heute haben die Weiher überregionale, sogar nationale Bedeutung. Baden darf man nur im Hauptwiler Weier, Bootfahren ist nirgends erlaubt, Fischen nur den Mitgliedern des Sportfischereivereins Hauptwil. Noch heute fangen die Fischer Karpfen, aber auch Hecht und Egli sind hier heimisch. Die Weiher – der grösste, der Horber Weier, ist fast so gross wie zehn Fussballfelder – stehen unter Naturschutz, weil sie in einem Flachmoor liegen.

Mit der Fähre über die Sitter

Nach rund drei Kilometern und dem letzten der fünf Weiher, dem Horber Weier, steigt man rund 70 Meter ab zur Sitter, dem grössten Nebenfluss der Thur. Sie muss man überqueren. Ab dem 1. April geht das bei der Schenke Gertau per Fähre – eines der Highlights der Wanderung. Die historische Sitter-Fähre verkehrt am Wochenende stündlich, unter der Woche auf Voranmeldung und erspart den Wanderern einen Umweg von rund drei Kilometern über die Holzbrücke weiter westlich.

Der Rundwanderweg führt nun weiter durch den Weiler Degenau. Dort fällt die kleine Kapelle auf, die idyllisch auf der grünen Wiese steht. Sie zählt zu den ältesten katholischen Kapellen der Schweiz und wird heute noch für Andachten und Messen, Taufen und Trauungen besucht. Bei der Restauration 1945 entdeckte man Wandmalereien, die um 1160 entstanden sein müssen. Deshalb geht man davon aus, dass die Kapelle um die Mitte des 12. Jahrhunderts gebaut wurde. Degenau liegt am alten Pilgerweg von Konstanz (D) nach St. Gallen.

Schloss Hagenwil, 1264 erstmals erwähnt, ist das einzige noch erhaltene Wasserschloss der Ostschweiz.

Am Schloss Blidegg vorbei – die ab 1275 belegte Burg ist heute in Privatbesitz – steigt man zum Weiler Blidegg hoch und weiter Richtung Rotzenwil. Topografisch ist der Weg nun einfach. Man wandert durch viel Landwirtschaftsgebiet, intakte Dörfer, manchmal durch den Wald, aber immer fernab vom Verkehr. In Hagenwil führt die Route am Wasserschloss vorbei. Schloss Hagenwil ist ein weit herum bekanntes Restaurant, doch derzeit bietet die Anlage nur ein Fotosujet.

Von Hagenwil bis zum Stadtrand von Amriswil sind es noch zwei, zum Bahnhof weitere eineinhalb Kilometer. Wer genug gelaufen ist, kann ab dem Stadtrand den Bus bis zum Bahnhof nehmen.