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Zuoberst wirds eng

Im Nationalpark findet ein klimawandelbedingter Überlebenskampf statt. Tiere und Pflanzen steigen höher und höher. Aber bald einmal ist der Gipfel erreicht. Besonders gut sichtbar ist das am Beispiel des Steinwilds.

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Hans und Anja Lozza
06. Oktober 2021
In ihrem ersten Lebensjahr begleiten die Steinkitze ihre Mutter auf Schritt und Tritt.

In ihrem ersten Lebensjahr begleiten die Steinkitze ihre Mutter auf Schritt und Tritt.

Es ist alles wie immer zuhinterst im Val Trupchun im Schweizerischen Nationalpark im Engadin. Die Murmeltiere lassen sich die Sonne auf den Pelz brennen, ein Bartgeier segelt lautlos im Aufwind, und der Steinbock- Kindergarten vollführt Akrobatik­kunst- stücke.

Alles wie immer? «Überhaupt nicht», sagt Hans Lozza (56). Das Gesicht des Naturwissenschaftlers, der seit 26 Jahren die Öffentlichkeitsarbeit des Nationalparks leitet, wird ernst. Denn fast unmerklich findet im Naturreservat ein Rennen in Zeitlupe statt. Dieses Rennen hat nur eine Richtung: nach oben, in höhere Gefilde. Nicht alle werden diesen Verdrängungskampf überstehen. Denn der Platz an der Spitze ist eng, der Kampf um Nahrung und Lebensraum in vollem Gang.

Viel zu schnell

«Wohl am besten sichtbar ist dieser Drang nach oben beim Steinwild», erklärt Lozza. «Seit den 1990er-Jahren hat es seine Äsungsgebiete um rund 300 Meter bergwärts verlegt.» Der Grund ist einfach: «In den letzten 30 bis 40 Jahren ist die Frühlingstemperatur um fast zwei Grad angestiegen», sagt der drahtige Mann. «Zwei Grad, das hat es in der Erdgeschichte schon mehrmals gegeben – aber wohl nie mit dieser enormen Geschwindigkeit, in so kurzer Zeit.»

Dies wirkt sich direkt auf die Steingeissen aus: Sie halten nicht Schritt mit dem Klimawandel. Denn während der Frühling immer früher einsetzt, gebären sie nach wie vor Anfang Juni. «Doch dann ist das Futter in tieferen Lagen schon faserig und für die Kitze kaum verdaubar», erklärt Hans Lozza. Also gehen die Geissen mit ihrem Nachwuchs höher hinauf, wo das Futter jung und zart ist. Aber in diesen kargen Gebieten stossen sie auf die traditionellen Weidegründe der Böcke und müssen mit ihnen um das Futter kämpfen. Lozza spricht von einer «innerartlichen Konkurrenz». Können sie zu wenig fressen, haben die Geissen weniger Milch, die Kitze sind schwächer und haben damit schlechtere Voraussetzungen, den Winter zu überleben.

Das Steinwild steht mit dieser Misere nicht allein da. Unzählige weitere Tier- und Pflanzenarten sind zu Wärmeflüchtlingen geworden.

Kinderbergsteigen nach Steinbockart.

Hans Lozza tut das, was er am liebsten tut: Unterwegs im Nationalpark hält er Ausschau nach Tieren.

Ein stolzer Bock in seinem Lebensraum im Hochgebirge.

So beispielsweise Schneehühner und Schneehasen, die ebenfalls 150 Meter höher daheim sind als noch vor wenigen Jahrzehnten. Auch für die Arven, die erst mit 60 Jahren zum ersten Mal reife Zapfen bilden, sieht es nicht gut aus: «Für sie gehts erst recht viel zu schnell, sie werden sich kaum genetisch anpassen können», sagt Lozza.

Der Nationalpark ist so etwas wie ein unbestechliches Thermometer: «Seit seiner Gründung werden systematisch Beobachtungen über Pflanzen und Tiere», erklärt der Naturwissenschaftler. «Dank dieser wissenschaftlichen Arbeiten sehen wir etwa, dass auf aus- gewählten Gipfeln die Pflanzenarten in den letzten 100 Jahren um 44 Prozent zugenommen haben. Was auf den ersten Blick als Erfolgsmeldung durchgehen könnte, ist für die Hochgebirgsspe- zialisten der Fauna und Flora eine Be- drohung: «Wegen der Klimaerwärmung dringen Pflanzenarten aus tieferen Lagen immer weiter ins Hochgebirge vor. So wächst der Alpen-Löwenzahn bereits auf 2800 Meter Höhe und konkurrenziert zum Beispiel die Kalk-Polsternelke», so Hans Lozza.

Eine Steingeiss mit ihrem rund drei Monate alten Kitz.

Gemach, gemach: Diese Steinböcke nehmen sich Zeit zum Wiederkäuen.

Zuhinterst im Val Trupchun ist nichts mehr, wie es war. Zwar freuen sich Murmeltiere über die Sonne und der Steinwildkindergarten balanciert halsbrecherisch über Felsen. Einfach 300 Meter höher als vor 30 Jahren. Nur, wo spielen die Steinkitze in 30 bis 40 Jahren? Nochmals ein paar Hundert Meter weiter oben sind nur noch Fels und Geröll. Und dann nichts mehr – ausser dem Himmel.


Buchtipp

Faszination Nationalpark

Seit über einem Vierteljahrhundert streift Hans Lozza durch den Nationalpark. Und immer hat er seine Kamera dabei. Von diesen Streifzügen hat er Bilder von archaischer Schönheit mitgebracht und diese nun mit kurzen Texten in einem grossformatigen Bildband veröffentlicht.

Hans Lozza: «Faszination Schweizerischer Nationalpark», Werd & Weber Verlag.