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Reportage

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Seit acht Jahren gibt Britta Wiegelmann wöchentlich Weintipps in der Coopzeitung. Neu empfiehlt sie jede Woche den passenden Tropfen zum Fooby-Hauptrezept. Für die perfekte Paarung geht sie dem guten Geschmack immer wieder auf den Grund.

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Felix Groteloh
27. Dezember 2019

Volle Ladung Savoir-vivre: Britta Wiegelmann, Wein-Kolumnistin der Coopzeitung, unterwegs in Bordeaux.

Britta Wiegelmann

Für den Wein im Einsatz

Aufgewachsen im deutsch- holländischen Grenzgebiet, arbeitete Wiegelmann neun Jahre lang als Redaktorin für die Weinzeitschrift «Vinum» in Bordeaux. Zeitgleich erwarb sie an der Fakultät für Önologie ein Verkostungsdiplom. 2010 kehrte sie in die Schweiz zurück und wurde Chefredaktorin von «Vinum». Sie schreibt für Magazine wie «Marmite» und «Beef!» und verantwortet als Chefredaktorin den «Gault&Millau Weinguide Deutschland». Ab dieser Ausgabe gibt sie wöchentlich einen Weintipp passend zum Fooby-Hauptrezept. Sie lebt alleine in Zürich und Bordeaux.

«On y va? Der Markt ruft!» Britta Wiegelmann steht voller Tatendrang in der Altstadt von Bordeaux (F). Flink eilt sie durch die Strassen der Stadt, die seit 2007 auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco steht. Kurz darauf marschiert sie in die lebhafte Markthalle Marché des Capucins. Hier besorgt sie sich ihre Lebensmittel, wenn sie in Bordeaux weilt. In der Weinmetropole in Südwestfrankreich hat sie einen kleinen Zweitwohnsitz; ihr Hauptwohnort ist Zürich. Für das Abendessen sind Freunde eingeladen. Essen und das Degustieren von Wein für die Coopzeitung sind angesagt.

«Die einzig richtige Wein-Paarung gibt es sowieso nicht.»

Britta Wiegelmann

Auf dem Einkaufszettel stehen unter anderem: Schwarzwurzeln und Ricotta für Risotto sowie Blätterteig für Galette des Rois, einen traditionellen Dreikönigskuchen. Beides sind Rezepte, zu denen Britta Wiegelmann in der Coopzeitung ihren Weintipp abgeben wird. «Ich freue mich aufs Testen!», sagt sie. Doch Malheur: Schwarzwurzeln scheinen an diesem Mittwoch Anfang Dezember auf dem Markt nicht auffindbar zu sein. «Wissen Sie, wo ich hier Schwarzwurzeln bekomme?», fragt die 47-Jährige einen Gemüseverkäufer. «Oh, die verkauft kaum noch jemand», erklärt der Mann. Die seien wegen der schwarzen Hände nach dem Rüsten nicht mehr gefragt. Wiegelmann entscheidet sich statt- dessen für Topinambur: «Wie Schwarzwurzeln haben die Knollen einen leicht erdigen Geschmack», erklärt sie. Der Händler hat sogleich einen Tipp parat: «Topinambur müssen Sie nicht mal schälen – das geht ja sonst eine Ewigkeit.»

Auf Einkaufstour in Bordeaux.

Lieber zwei als nur eine Flasche

Ricotta gibt es im Laden gleich neben dem Markt. Dort wird er jeden Tag frisch aus regionaler Milch hergestellt. Die Verkäuferin erkundigt sich: «Wofür brauchen Sie ihn?» Dann verkauft sie Wiegelmann eine etwas cremigere Variante: «Die eignet sich besonders gut für Risotto.» Die Bordelesen sind bemüht, ihren Mitmenschen den grösstmöglichen Genuss zu bereiten. Savoir-vivre eben. Auf dem Heimweg wird noch schnell der Blätterteig fürs Dessert besorgt, dann gehts ab in die Küche.

«Wenn man die Regeln des geschmacklichen Zusammenspiels kennt, ergeben sich viele Paarungen von selber.»

Britta Wiegelmann

Britta Wiegelmann wohnt in Les Chartrons, dem ehemaligen Weinhändlerquartier von Bordeaux. Seit über 20 Jahren arbeitet sie als Weinjournalistin. Ihre erste Festanstellung bekam sie 2001 in Bordeaux. «Den Arbeitsvertrag habe ich unterschrieben, ohne je hier gewesen zu sein», erzählt sie. In die Stadt hat sie sich gleich nach ihrer Ankunft verliebt: «Die Lebensart hat mich sofort gepackt. Und auch der Wein ist omnipräsent.» Während sie spricht, bereitet sie die Galette zu. Den Kuchen geniesst man in Frankreich zum Dreikönigstag am 6. Januar. Er besteht aus einer Mandelmasse, umhüllt von Blätterteig. Welchen Wein trinkt man dazu? Für das «Pairing» zur Galette hat sie einen sicheren Wert, einen süssen Begleiter in Form des Schaumweins Clairette de Die ausgesucht. «Wenn man die Regeln des geschmacklichen Zusammenspiels kennt, ergeben sich viele Paarungen von selber», so die Weinkennerin. «Kerniger Rotwein etwa wird durch Protein, Fett und Salz – sprich: Fleisch – streichelweich. Zu scharfen Gerichten passen gut restsüsse Weine. Und buttriger Blätterteig bekommt durch Schaumwein eine Leichtigkeit.»

Öfter mal was Neues

Doch Britta Wiegelmann ist neugierig, immer offen für Neues. Deshalb war sie am Vortag beim Weinhändler ihres Vertrauens und fragte: «Welchen Wein würden Sie dazu trinken?» Mit dieser Taktik macht sie immer wieder tolle Entdeckungen. Denn auch für den Profi gilt: «Man lernt nie aus. Und die einzig richtige Paarung zu einem Gericht gibt es sowieso nicht.» Daher sei der Griff zu unbekannten Flaschen enorm inspirierend. So hat sie zur Galette neben dem Clairette de Die noch einen Cidre sowie einen Süsswein aus der fast ausgestorbenen südfranzösischen Traube Mauzac gekauft.

Zur Galette des Rois serviert Wiegelmann am Abend zwei unterschiedliche Weine.

Dann kommen die Gäste an. Zur Vorspeise gibt es Salat mit Sellerie, Datteln, gerösteten Mandeln und Parmesan. Der Riesling, den Wiegelmann dazu auftischt, ist stimmig zur Süsse der Datteln, «aber mit dem Sellerie beisst er sich!». Wieder etwas gelernt. Zum Risotto mit Topinambur gibt es Rotwein. «Spontan würde man Risotto mit einem Weissen paaren, doch die erdigen Aromen der Topinambur – oder auch von Schwarzwurzeln – vertragen sich bestens mit einem Pinot Noir.» Ebenso die Entenbrust, die dazu auf den Teller kommt. Mit Spannung erwartet die Runde das Dessert. Der Clairette de Die mundet zur Galette. Das wusste man ja schon. Eine Überraschung für alle aber ist der zart- süsse Mauzac: ein Volltreffer.

Süsser Weisser oder herber Roter – Geschmäcker sind verschieden. Auch am Tisch. Ein Richtig oder Falsch gibt es nicht. Richtig ist, was gefällt. «Was gibt es Schöneres, als mehrere Flaschen Wein auf den Tisch zu stellen und gemeinsam zu probieren, welcher am besten zum Essen passt?», fragt Wiegelmann. Jedes Glas sei eine Erfahrung, die den geschmacklichen Horizont erweitere. «Es ist überhaupt nicht schlimm, wenn etwas nicht schmeckt – auch diese Erkenntnis ist ein Gewinn.»