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Interview

Eine Frage des Vertrauens

Alles Bio, oder was? Aus Sicht des neuen Bio-Suisse-Geschäftsführers Balz Strasser ist die Antwort klar. Ebenso wie die Vision, durch die sein Verband gemeinsam mit Coop den Schweizer Bio-Markt weiter voranbringen will.

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Heiner H. Schmitt
17. Februar 2020

Bio-Landbau heisst Sorge tragen zur Natur: Balz Strasser, Geschäftsführer von Bio Suisse.

DAFÜR STEHT DIE KNOSPE VON BIO SUISSE

Klimafreundliche Produkte

Kein Transport per Flugzeug. Früchte und Gemüse, die auch in Europa wachsen, dürfen nicht aus Übersee importiert werden. Fleisch- und Milchprodukte kommen fast zu 100 Prozent aus der Schweiz.

Balz Strasser, als Geschäftsführer von Bio Suisse sind Sie vor allem Manager. Aber Ihr Vater war Bauer auf einem der ersten Mutterkuh- und Bio-Betriebe im Jura. Hat Sie das geprägt?

Ja, sehr. Der Betrieb bei Les Enfers in den Freibergen war eine Hofgemeinschaft und ich fand es sehr spannend, wenn dort am Küchentisch zehn bis zwölf Leute mit ganz unterschiedlichem beruflichem Hintergrund diskutierten. Da ging es um die tägliche Arbeit, aber auch um Vermarktung und Bio. Darum habe ich später wie mein Vater Agronomie studiert. Und an einem Wochenende vor über 30 Jahren gab es auf diesem Betrieb den ersten Bio-Markt – der inzwischen alljährlich in Saignelégier stattfindende Marché Bio. Ich war damals noch klein, aber erinnere mich gut daran, dass schon am Samstag fast alles ausverkauft war. Sie sehen: Bio war von Anfang an ein Erfolg!

Nach dem Studium importierten Sie Nüsse, es folgten vier Jahre Entwicklungszusammenarbeit in Indien. Nun führen Sie seit einem Jahr die Geschäfte von Bio Suisse. Wo sind hier die Knacknüsse?

Ich war überrascht von der Dynamik im Verband. Auf der Geschäftsstelle in Basel arbeiten zwar über 60 Leute, aber die Musik spielt draussen. Wir vertreten 7100 Produzentinnen und Produzenten, die nicht nur bei der Delegiertenversammlung, sondern auch im Alltag in Fachgruppen und Kommissionen gros- sen Einfluss haben. Das ist sehr spannend, verlangsamt jedoch unsere Entscheidungen, während sich das Umfeld sehr schnell verändert, zum Beispiel die Klimadebatte. Wir müssen zügig Eckpunkte setzen für die Entwicklung der nächsten zehn Jahre und bei den Nachhaltigkeitszielen noch strenger werden. Auf unserem gemeinsamen Weg müssen wir auch die Konsumentinnen und Konsumenten auf die Reise mitnehmen, insbesondere die jungen. Wir müssen uns den wichtigen Fragen aus der Gesellschaft stellen: Was für eine Landwirtschaft wollen wir in der Schweiz? Wie wollen wir uns in Zukunft ernähren?

Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Wir müssen uns noch mehr vernetzen, nicht nur innerhalb der Landwirtschaft und der Politik. Das können zum Beispiel auch Stiftungen sein oder Konsumentenorganisationen, mit denen wir diese Diskussionen führen. Dabei geht es nicht nur um die Betrachtung der Nachhaltigkeit einzelner Betriebe, sondern der gesamten Landwirtschaft, der gesamten Ernährungsindustrie.

Kann auch Coop etwas zu dieser Debatte beitragen?

Coop tut schon sehr viel, zum Beispiel durch das starke Engagement in der Forschung über den Fonds für Nachhaltigkeit. Aber natürlich vor allem durch die Förderung des Konsums von Bio-Produkten. Für uns ist das eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Die Kundschaft von Coop schätzt die Bio-Suisse-Knospe als unabhängige Marke mit strengen Richtlinien für Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln.

«Mehr Bio schaffen wir nur, wenn der Konsument mitzieht.»

Balz Strasser

In einigen Bereichen, etwa bei der Milch, ist das Bio-Angebot derzeit grösser als die Nachfrage. Wie lässt sich das ins Gleichgewicht bringen?

Als Coop 2018 das Jubiläum 25 Jahre Naturaplan gefeiert hat, ist der Bio-Markt stark gewachsen, unter anderem deswegen, weil viele zum ersten Mal Bio kauften. Das hat auch mehr Bauern als sonst dazu bewogen, ihre Betriebe auf Bio umzustellen. Das Marktwachstum hat sich nun wieder ein wenig verlangsamt, aber Bio wächst weiter. Mehr Bio schaffen wir nur, wenn die Konsumentinnen und Konsumenten mitziehen. Werden mehr Bio-Lebensmittel gekauft, bleiben Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht. Zudem motiviert es weitere Bauern, auf Bio umzusteigen.

In den Läden müssen Sie sich der Konkurrenz konventionell produzierter Lebensmittel stellen. Warum sind Bio-Produkte so viel teurer?

Weil die konventionellen Produkte viel zu billig sind! Es gibt keine echte Kostenwahrheit, solange von der konventionellen Produktionsweise verursachte Umweltschäden zulasten der Allgemeinheit gehen. Das ist auch eine Frage der Politik. Die Volksinitiativen zu Trinkwasser und Pestiziden, über die wir demnächst abstimmen, zeigen, dass die Gesellschaft diese Themen diskutieren möchte. Wir müssen uns jetzt entscheiden, wie nachhaltig wir uns künftig ernähren wollen, wie wir mit den Böden umgehen und was wir den künftigen Generationen hinterlassen. Das System Bio ist hier Teil der Lösung.

Zusammen mit Coop hat Bio Suisse die Vision vom «Bioland Schweiz» entwickelt. Was kann man sich darunter konkret vorstellen?

Wir wollen gemeinsam Bio weiter voranbringen und dazu noch enger zusammenarbeiten. Das Vertrauen ist da, jetzt wollen wir auch das Verständnis füreinander fördern. Zum Beispiel durch einen Austausch: Coop-Mitarbeitende schauen, wie es auf einem Bio-Betrieb läuft, und Bio-Produzenten stellen sich im Laden an die Theke. In einem ersten Schritt wollen wir bis 2025 den Anteil der Bio-Produzenten von derzeit 15 auf 25 Prozent bringen. Und beim gesamten Bio-Marktanteil – also nicht nur Knospe – wollen wir von heute 10 auf 15 Prozent wachsen.

Und ihre private Bilanz nach einem Jahr – war die Rückkehr in die Schweiz richtig oder sehnen Sie sich manchmal nach Indien zurück?

Meine Frau und ich wollten für eine gewisse Zeit im Ausland leben und arbeiten, solange die Kinder noch klein sind. Und insofern war auch die Rückkehr geplant. Im Vergleich zu Bangalore ist hier alles viel strenger getaktet und durchorganisiert. Aber die jungen Leute gehen in Indien mit sehr viel Mut, Zuversicht und Begeisterung daran, ihr Land nach vorne zu bringen. Davon würde ich mir manchmal ein wenig mehr wünschen für die Schweiz.

Balz Strasser, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

In der Bio-Welt zu hause

Agronom und Manager

Die Vision vom «Bioland Schweiz» ist eine Frage des gegenseitigen Vertrauens.

Balz Strasser (45) hat an der ETH Zürich Agronomie studiert, war danach Mitbegründer und Chef der Pakka AG, eines Handelsunternehmens für Bio- und Faitrade-Produkte. Von 2014 bis 2017 leitete er «swissnex India», eine Aussenstelle des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation. Mit seiner Frau und den drei Kindern wohnt er in einem alten Bauernhaus oberhalb von Biel BE. Sein Hobby: Arbeiten in Haus und Garten. Auftanken kann er bei langen Waldspaziergängen mit dem Familienhund. Fit hält er sich auch mit Rudern, Pilates und Meditieren.