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Reportage

Jäger und Gejagte

Vor Ort bei den Gelbflossen-Thunfisch-Jägern auf den Philippinen. Wie nachhaltiger und verantwortungsvoller Fischfang allen hilft.

FOTOS
Remo Nägeli
10. Februar 2020

Prachtexemplar: Die Gelbflossen-Thunfische werden bis zu 60 Kilo schwer.

Es ist heiss und stickig auf Mindoro, der siebtgrössten Insel der Philippinen. Das Thermometer zeigt weit über 30 Grad, und wer kann, der verkriecht sich in den Schatten. Nur ein paar Hühner stolzieren zwischen Palmen über die Naturstrassen. Plötzlich kommt Leben in das kleine Fischerdorf: «Dumating na sila, dumating na sila!», rufen die Kinder in den Hütten und stürmen ins Freie. «Sie kommen, sie kommen!»

Langsam laufen die traditionellen Auslegerboote der Fischer in den Hafen ein. Die Männer, drei bis fünf pro Boot, sind müde. Zwei Nächte und drei Tage waren sie auf dem offenen Meer, rund 20 Kilometer vor der Küste. Ihre Mission: die Jagd auf den Gelbflossen-Thunfisch. Das Fleisch der grossen Raubfische ist begehrt; es enthält viele Omega-3-Fettsäuren und hochwertiges Eiweiss. Und vor allem, es schmeckt hervorragend. Der Fang der Fische ist anspruchsvoll: Die Gelbflossen-Thunfische, die bei Coop verkauft werden, dürfen ausschliesslich nachhaltig mit Handleinen gefischt werden. Bis zu acht Leinen pro Boot werfen die Männer in den Abendstunden aus. Wenn die Nacht anbricht, starten sie riesige Scheinwerfer, deren Licht Beutefische und damit auch die Thunfische selber anlockt. Zum Einsatz kommen ausschliesslich moderne Rundhaken, die von den Meeresschildkröten, die hier leben, nicht verschluckt werden können. Dies ist nur eine von vielen Vorgaben, die die Fischer von Mindoro für die Teilnahme an einem WWF-Förderprojekt für nachhaltigen Thunfischfang erfüllen müssen. Das Projekt, das gemeinsam mit Coop getragen wird, hat zum Ziel, die Thunfischbestände im sogenannten Coral Triangle, dem Korallen-Dreieck vor Indonesien, den Philippinen, Malaysia, den Salomonen, Papua-Neuguinea und Osttimor nachhaltig zu sichern. Der Anreiz zur Teilnahme am Projekt ist für die Fischer ein stabiles und höheres Einkommen. Coop bezahlt einen Mehrpreis für nachhaltig gefangenen Fisch und sichert den Fischern damit ein Einkommen zwischen 300 und 500 Franken pro Monat.

Fisch keinem Stress aussetzen

In guten Nächten holen die Männer bis zu drei Gelbflossen-Thunfische pro Boot aus der Tiefe. Hat ein Fisch angebissen, sind Handarbeit und Erfahrung gefordert: Gemeinsam holen sie die Nylonleinen mit dem bis zu 60 Kilogramm schweren Tier ein. Es muss schnell und ruhig gehen; hätte der Fisch zu viel Stress, würde das Fleisch schlecht. An der Wasseroberfläche wird das Tier fachmännisch mit einem Stockschlag betäubt und sofort auf Eis gelegt. Bei ein bis zwei Grad Celsius bleibt die grösstmögliche Frische garantiert.

Vor Ort am Hafen eingetroffen ist jetzt auch Philipp Wyss (54), Leiter der Direktion Marketing/Beschaffung von Coop. Begleitet wird er von Peter Hauser (61) und Thomas Sommer (29) von Eurogroup, einer Tochtergesellschaft von Coop mit Sitz in Hongkong. «Es ist wichtig für uns, dass wir uns regelmässig vor Ort überzeugen, dass die Richtlinien eingehalten werden», so Philipp Wyss. «Und es ist wichtig für die Menschen vor Ort, dass sie sehen, dass wir sie und ihre Arbeit ernst nehmen.»

«Es ist wichtig für uns, dass wir uns regelmässig vor Ort überzeugen, dass die Richtlinien eingehalten werden»

Philipp Wyss

Inzwischen laden die Fischer die Beute der letzten Tage und Nächte aus: fünf grosse Gelbflossen-Thunfische. «Wir hatten Glück», sagt einer der Männer. In einer pedantisch sauberen Halle gleich am Hafen werden die Fische gereinigt, gewogen, markiert und registriert; damit kann von jedem Tier genau nachverfolgt werden, wann und wo es gefangen wurde. Auch jetzt sind wieder Teamwork und Erfahrung gefragt. In weniger als drei Tagen nach der Landung auf Mindoro am südchinesischen Meer müssen die Fische in der Schweiz sein. Davon profitieren können viele: der Kunde durch maximale Frische, der Fischer mit einer geregelten und sicheren Abnahme – und dank nachhaltiger Fangmethoden auch das Ökosystem.