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Reportage

Rächer in Rot

Jeder kennt sie. Doch so richtig ernst nimmt die Sangría niemand. Das ist schade, denn gerade im Sommer ist dieser spanische Wein-Mischklassiker unwiderstehlich.

07. Juni 2020
Sommersymbol par excellence in Spanien: Sangría.

Sommersymbol par excellence in Spanien: Sangría.

Nein, reisserisch ist der Titel dieser Geschichte nicht gemeint. Doch die Erfahrung lehrt uns: Wenn es um Sangría geht, rufen Heerscharen von Sommerparty-Teenagern und Spanienpauschal- touristen im Chor: Nie mehr! Zumindest am Tag danach. Sie wissen schon …

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn wer die Sangría auf überbordende Besäufnisse reduziert, tut ihr Unrecht. Immerhin handelt es sich bei dieser sommerlichen Versuchung für heisse Sommerabende um das bekannteste Wein-Mischgetränk der Welt. Dicht gefolgt vom Glühwein, aber der zielt nicht nur auf eine andere Jahreszeit, sondern oft auch auf eine andere Klientel. So zumindest das Stereotyp.

Ursprung nicht ganz klar

Doch obschon die Sangría zumeist auf den Ballermann in Mallorca reduziert wird: Ihre Herkunft ist unbekannt. Allerdings waren Wein-Mischgetränke schon in der Antike populär. Die Römer etwa süssten ihren Wein gerne und aromatisierten ihn mit Gewürzen – was angesichts der damaligen Weinqualität auch kein Wunder ist. Man muss sich ja nicht alles antun! Ebenso trug es sich im Mittelalter zu, als Honig ein beliebtes Mittel war, um Wein trinkbar zu machen.

Böse Zungen behaupten, dass ein jeder seinen miesen Wein mit dem aufpeppt, was ihm gerade zur Verfügung steht. Und in Spanien sind das eben frische Früchte, vor allem Orangen und Zitronen.

Allerdings soll die Sangría von den Engländern in ihren westindischen Kolonien in der Karibik erfunden worden sein. Und angeblich leiteten die Briten den Namen dieses Wein-Mischgetränks aufgrund der leuchtend roten Farbe vom spanischen Wort «sangre» für Blut ab. Sangría allerdings bedeutet «Aderlass» und könnte sich durchaus darauf beziehen, dass in einer Sangría zumeist Früchte «zur Ader gelassen» werden. Zumindest im übertragenen Sinn. Eine andere Quelle sagt, dass spanische Einwanderer in Südamerika die Sangría erfunden haben. Dafür spricht, dass die Auswahl an Früchten auf dem südamerikanischen Kontinent ja schier unerschöpflich ist. Aber auch wenn sich um die Herkunft Legenden und Mythen ranken: Wirklich populär ist die Sangría in Spanien, wo sie früher, um nicht schon in der Tageshitze schweren Wein trinken zu müssen, als sommerliche Erfrischung angesetzt wurde.

Traditionellerweise besteht Sangría daher nur aus Rotwein, Wasser und darin eingelegten Früchten, was sie sehr erfrischend macht. Allerdings gibt es unzählige Rezepte aus verschiedenen Regionen, die angeblich alle das Original sein wollen. Was nicht weiter erstaunlich ist, denn wer nimmt nicht gerne für sich in Anspruch, das Original sein Eigen zu nennen? Und sei es nur die Sangría.

Die in der Gegend von Navarra, Burgos, La Rioja oder auch im Baskenland – sprich in Nordostspanien – beliebte Zurracapote gilt vielen als die Mutter der Sangría. Dieses Wein-Mischgetränk wird allerdings oft mit hochprozentigem Alkohol und Zucker angesetzt. Dazu kommen Früchte, die idealerweise tagelang darin eingelegt – Fachwort «mazeriert» – werden. Nicht selten erhitzt man den Ansatz, um die Mazeration zu beschleunigen. Erst am Schluss kommen Wein und Wasser dazu. Je nach Machart bewegt sich die Zurracapote damit aber schon mehr Richtung Likör als zu leichtem Sommerdrink.

Allerdings wird, besonders in Gegenden mit einem hohen Partyfaktor, die Sangría heute auch oft mit Hochprozentigem gepimpt, was nicht selten für Ferienerlebnisse sorgt, die man eigentlich nicht weitererzählen sollte.

Aber auch die klassische Sangría kennt viele Varianten. In Spaniens Norden, der Apfelhochburg Asturien, wird sie gerne mit Cidra, also Apfelwein, angesetzt, in der Provinz León ist Weisswein beliebt und die Katalanen, bekannt für ihren Schaumwein Cava, sorgen damit dafür, dass die Sangría ordentlich sprudelt. Entsprechend existieren online mindestens 1001 verschiedene Rezepte für Sangría. Das Einzige, was wirklich verbindlich über die Sangría gesagt werden kann: Nur gute und hochwertige Zutaten – vor allem beim Wein – versprechen Genuss. Wer Fusel und Trash zur Sangría panscht, wird hingegen bestraft. Mit drei Tagessätzen Kopfschmerzen. Mindestens!