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Reportage

Restenlos glücklich

Sie ist Bäuerin, Präsidentin der Aargauer Landfrauen, Familienfrau und Mutter von vier Kindern. Und sie engagiert sich gegen die Verschwendung von Essen. Lotti Baumann gibt Tipps, wie sich Food Waste vermeiden lässt.

FOTOS
Valentina Verdesca
23. März 2020

Lotti Baumann schneidet die mit Resten gefüllte «Moudschärre» für den Apéro an.

Restenlos geniessen

Neue Ideen

Kochbuch von Betty Bossi
355 Tipps und Rezepte gegen Food Waste in einem Buch. Somit könnte man während fast eines Jahres täglich etwas Neues ausprobieren. Auf jeden Fall landet damit kein Essen mehr im Abfall. Für Fr. 36.95 online erhältlich bei: www.bettybossi.ch

In den privaten Haushalten der Schweiz wird rund ein Drittel der eingekauften Lebensmittel weggeworfen. Umgerechnet sind das pro Haushalt rund 600 Franken pro Jahr für Essen, das bestenfalls kompostiert wird, aber leider oft im Müll oder in der Kanalisation endet. Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Erstens, wir kaufen zu viel ein oder kochen zu viel, und was wir nicht essen, verdirbt. Und zweitens, wir entsorgen Lebensmittel, die nicht mehr ganz frisch, aber durchaus noch essbar sind. 

Diese Verschwendung von Essen betrübt Lotti Baumann (45), Landfrau aus Beinwil am See AG. Die gelernte Bäuerin weiss, welche Ressourcen es braucht, um Lebensmittel zu produzieren und wie gross entsprechend der Verlust ist, wenn Essbares weggeworfen wird. Auf ihrem Bauernhof leben Milchkühe, gedeihen Kirschen, Äpfel und Kartoffeln für den Hofladen. Das Arbeiten in und mit der Natur gefällt ihr, obwohl es unberechenbar sein kann. «Food Waste beginnt bereits auf dem Feld. Wenn die Kartoffeln nach einer Hitzeperiode ungleichmässig wachsen, bekommen sie Risse und niemand will sie mehr haben.» Tatsächlich enthalten diese Kartoffeln die gleichen Nährstoffe wie makellose Knollen. «Ich kann nicht verstehen, wieso das Aussehen so ein Problem ist», sagt Lotti Baumann. «Bei uns Menschen gibt es ja auch nicht nur Schönheiten.»

Aus Alt mach Neu

Das Wegwerfen von noch geniessbarem Essen bezeichnet Lotti Baumann als Wohlstandskrankheit. «Lebensmittel kosten vergleichsweise immer weniger und sind ständig verfügbar», hält sie fest, «das vermittelt uns das Gefühl, sie seien nichts wert, es sei nicht so schlimm, sie wegzuwerfen.» Oftmals fehlt es auch an Ideen, was man aus nicht mehr taufrischen Zutaten oder Essensresten zubereiten kann. «Kochen ist mit viel Liebe verbunden», sagt sie mit einem Lächeln, «allein deshalb kann ich nichts fortwerfen, was ich zubereitet habe.»  

Diese Zutaten sind nicht mehr ganz frisch, aber viel zu schade zum Wegwerfen. Zwei Rezepte gibt es weiter unten im Artikel.

Inspiration für das Verwenden von Speiseresten holt sie sich gerne bei Gerichten von früher. Eines ihrer Lieblingsrezepte aus Kindertagen ist die «Moudschärre», ein altes Aargauer Bauerngericht. «Früher wurde Brotteig in einer Mulde (Aargauer Dialekt «Moude») geknetet. Zum Schluss blieben noch die Teigreste, die man zusammenkratzte («scharre») und damit eine Pastete backte», erklärt sie. Für ihre «Moudschärre» verwendet Lotti Baumann 
gerne Gemüse und Käsereste, aber auch schon etwas schrumpelige Lageräpfel: «Die sind nicht mehr so saftig, wodurch der Teig schön knusprig wird – das mögen alle!»

Lottis Tipps für weniger Abfall

  • Einmal pro Woche einen Menüplan machen und daraus einen Einkaufszettel erstellen.
  • Grosspackungen nur kaufen, wenn sie innerhalb angemessener Zeit verbraucht werden.
  • Den Tiefkühler nutzen! Produkte, die nicht mehr lange haltbar sind, verarbeiten und einfrieren.
  • Zwei Mal pro Woche ein Resten-Znacht einplanen.
  • Altes Brot mit wenig Wasser befeuchten und im Ofen bei 200 Grad 5 bis 8 Minuten knusprig aufbacken.
  • Bei korrekter Lagerung sind die meisten Produkte über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus haltbar. Verlassen Sie sich auf Ihre Sinne: anschauen, riechen, schmecken.

Rezept gegen Food Waste von Lotti Baumann 

Rezept

Bäits Gmüesbrot (Geröstetes Gemüsebrot)

 

Rezept

Moudschärre (Gefüllte Brot-Pastete)