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Reportage

Von Rüebli und Rudolf Steiner

Das Bauernpaar Tiefenbacher-Schenk hat sich auf seinem Hof für die biologisch-dynamische Landwirtschaft entschieden. Doch Demeter bedeutet den jungen Landwirten weit mehr als nur eine Produktionsmethode.

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Joel Schweizer
25. Mai 2020
 Familie Tiefenbacher bewirtschaftet ihren Hof nach den landwirtschaftlichen Theorien von Rudolf Steiner.

 Familie Tiefenbacher bewirtschaftet ihren Hof nach den landwirtschaftlichen Theorien von Rudolf Steiner.

Madiswil, ein kleines Dorf inmitten der grünen Landschaft des Oberaargaus im Kanton Bern. Hier ist die Heimat von Simon Schenk (28), seiner Partnerin Fränzi Tiefenbacher (28) und der gemeinsamen Tochter (2). Und hier – auf ihren 30 Hektar Land – bauen sie seit zwei Jahren Obst und Gemüse nach biologisch- dynamischen Richtlinien an. «Unser wichtigstes Produkt sind Rüebli. Wir bauen davon 160 Tonnen jährlich auf rund vier Hektar Fläche an», verrät Schenk. Auch Schalotten, roter Salat, gelbe Zucchini und Spitzkohl gedeihen auf dem Hof. Beim Obst sind die Kirschen führend – das Bauernpaar hat rund 1600 Bäume auf zwei Hektar verteilt.

Demeter-Leitlinien

In der Landwirtschaft

Respekt für Boden, Tiere und Umwelt
Die biologisch-dynamische Landwirtschaft verfolgt als Hauptziel die Pflege und die Regeneration des Bodens. Chemische Düngemittel sind verboten. Das Tier steht im Mittelpunkt des Interesses, es muss gepflegt und geschützt werden. Seine körperliche Unversehrtheit ist Pflicht, das Enthornen ist verboten.

Die Landwirtschaft als lebender Organismus
Jedes Gebiet hat seinen eigenen spezifischen Charakter. Dem biologisch-dynamischen Landwirt liegt die Symbiose zwischen Boden, Pflanzen, Tieren und Menschen ebenso am Herzen wie die Integration des Betriebs in das wirtschaftliche, ökologische und kulturelle Gefüge seiner Region.

Die Rolle der kosmischen Einflüsse
Biodynamische Landwirte argumentieren, dass das Leben nicht nur auf die Sonne, sondern auch auf die Kräfte des Mondes, der Planeten und Sternenkonstellationen reagiert. Insbesondere Mondphasen wirken sich auf Wasser, Saatgut, Pflanzen, Tiere und sogar Menschen aus, daher die wichtige Rolle des Mondkalenders in der landwirtschaftlichen Praxis.

Die Bedeutung der biodynamischen Präparate
Biodynamische Präparate verbessern die Düngerqualität. Sie werden auf den Boden und die Pflanzen gesprüht oder bei der Herstellung verschiedener Komposte verwendet. Zu den gängigsten Präparaten gehören Hornmist und Hornkiesel sowie sechs Präparate für den Kompost (Schafgarbe, Kamille, Brennnessel, Eichenrinde, Löwenzahn und Baldrian).

Die Schweine- und Rinderzucht hingegen hat das junge Paar aufgegeben. Nur eine Scheune erinnert noch an die Zeit der Tierhaltung. Dort bringt das Bauernpaar während des Winters einige Färsen – also weibliche Rinder – eines benachbarten Bauern unter.

Tiefenbacher und Schenk sind stolz auf ihre Arbeit, und das sieht man ihnen auch an. Der junge Bauer kommt regelrecht ins Schwärmen, wenn er die scheinbar endlosen Felder voller rotem Salat oder die unzähligen Kirschbäume zeigt. «Ich bin bereits hier auf dem Hof aufgewachsen, meine Eltern haben den Betrieb 1991 übernommen. Seit vier Jahren gehört er nun meiner Partnerin und mir», erzählt er. Simon Schenk selbst hat eine klassische Bauernlehre und eine Schule für landwirtschaftliche Betriebsführung absolviert. Seine Lebensgefährtin hingegen, die aus dem Zürcher Oberland stammt, hat ursprünglich Gärtnerin gelernt.

Natürlich können sie den Hof nicht nur zu zweit bewerkstelligen: «Wir beschäftigen zurzeit drei Auszubildende und von Mai bis Oktober noch sechs Mitarbeiter aus Polen. Zum Glück konnten sie trotz des Corona-Virus zu uns kommen», sagt Schenk. Auch der Vater des jungen Bauern arbeitet noch im Betrieb mit.

Mehr als 300 Demeter-Betriebe

Der Oberaargauer Bauernhof ist einer von rund 350 Betrieben in der Schweiz, die biologisch-dynamische Landwirtschaft betreiben. Sie alle sind mit dem Label Demeter zertifiziert. Wie 7000 weitere Betriebe in 60 Ländern weltweit. «Die Produkte erwirtschafteten in der Schweiz im letzten Jahr einen Gesamtumsatz von 51 Millionen Franken. Ein Plus von neun Millionen Franken im Vergleich zum Vorjahr», sagt Aline Haldemann (39), Marketingdirektorin des Schweizerischen Demeter-Verbandes.

Die Prinzipien und Methoden der Biodynamik wurden von Rudolf Steiner (1861–1925) während einer Vortragsreihe entwickelt, die er im Juni 1924 hielt. Der Österreicher ist der Begründer der Anthroposophie, einer spirituellen und philosophischen Weltanschauung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkam. Sie kommt nicht nur in der Landwirtschaft zur Anwendung, sondern hielt auch in die Pädagogik und die Medizin Einzug.

Demeter-Zertifizierung seit 2018

Und wie kamen Fränzi Tiefenbacher und Simon Schenk, die Ende 2018 die Demeter-Zertifizierung erhielten, zur Biodynamik? «Ich habe mich schon immer für biologisch-dynamische Landwirtschaft interessiert. Ich entdeckte die Anthroposophie durch Freunde und Bekannte, die mich mit den Schriften Rudolf Steiners bekannt machten», sagt Simon Schenk. So richtig damit auseinandergesetzt habe er sich aber erst durch Fränzi. Die junge Frau verrät, dass sie sich schon lange in der Welt der Biodynamik bewegt: «Bereits meine Eltern arbeiteten auf ihrem Hof mit biologisch-dynamischen Methoden. Ich habe sogar die Rudolf-Steiner-Schule besucht».

Für das Ehepaar verbessert die Biodynamik nicht nur den Boden, sondern auch die Qualität der Produkte, weil Pestizide und chemische Düngemittel verboten sind. Wie alle biologisch-dynamischen Landwirte machen die beiden den Zeitpunkt der Aussaat von kosmischen Kräften abhängig. «Der Kosmos hat eindeutig Einfluss auf die Böden und die Pflanzen. Die Mondphasen bestimmen etwa den richtigen Zeitpunkt der Aussaat von Rüeblisamen. Gleichzeitig müssen wir auch auf das Wetter achten», erklärt Fränzi Tiefenbacher.

Über Terraviva, die Vermarktungsorganisation der Bio-Bauern, verkaufen die beiden Jungbauern rund 80 Prozent ihrer Ernte an Coop – darunter Rüebli, Schalotten, gelbe Zucchini, Spitzkohl, rote Rüben und Kirschen. 

Roter Kopfsalat: Dieser Salatkopf bringt Farbe auf den saisonalen Teller. In ausgewählten Coop-Supermärkten, Fr. 2.95/Stück.

Spitzkabis: Ein Kabis-Salat in Demeter-Qualität? Ja, bitte! In ausgewählten Coop-Supermärkten zum aktuellen Tagespreis.


«Sehr hohe Standards»

Michael Scheidegger (34)

Sorgt dafür, dass das Bio-Angebot ständig weiter wächst.

Michael Scheidegger ist verantwortlich für Naturaplan. Er weiss um die Bedeutung des Labels Demeter für die biologisch-dynamische Landwirtschaft bei Coop.

Wie viele Produkte von Demeter verkauft Coop?

Coop bietet 130 Demeter-Produkte an. Unser Sortiment wächst stetig. Es umfasst Milchprodukte, Eier, Brot, Fleisch, verschiedene Gemüse, Olivenöl, Wein und Babynahrung.

Welches sind die drei beliebtesten Demeter-Produkte bei Coop?

Das sind in der Reihenfolge ihrer Bedeutung: Naturaplan-Demeter-Bio-­Rüebeli in den 500-Gramm- Packungen, Natura­plan-Demeter-Bio-pasteurisierte Vollmilch ein Liter und schliesslich die Naturaplan-Bio-Weine La Raia Gavi und Château Barillet in 75-Zentiliter- Flaschen.

Was bringt Demeter für Naturaplan und Coop?

Bei Coop werden die meisten Demeter-Produkte unter dem Label Bio-Naturaplan vermarktet. Ein jedes Naturaplan-Demeter-Produkt muss zudem mit der Knospe von Bio Suisse zertifiziert sein. Auf diese Weise profitiert unsere Kundschaft von höchsten Bio-Standards. Coop wiederum kann sowohl die biologische als auch die biologisch-dynamische Landwirtschaft fördern, statt sie in Konkurrenz zueinander zu setzen. Übrigens: Demeter und Bio Suisse sind Partner und arbeiten harmonisch zusammen.

Welches sind die wichtigsten Eigenschaften von Demeter-Produkten?

Demeter ist der internationale Zertifizierungsstandard für biologisch-dynamische Landwirtschaft. Dieser Standard hält sich an anthroposophische Prinzipien und ist eines der strengsten Bio-Siegel der Welt. Demeter-Produkte werden in schonenden Verarbeitungsverfahren hergestellt. Beispielsweise wird die Milch nicht homogenisiert, so dass der Rahm auf natürliche Weise an die Oberfläche steigt. Die Betriebe respektieren die Unversehrtheit der Tiere, so dass das Enthornen verboten ist. Schliesslich werden unnötige Zusatz- und Hilfsstoffe wie Nitritsalz in Fleisch und Wurstwaren verboten.