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Reportage

Wein – unkompliziert

Von Weingesprächen lassen sich viele einschüchtern. Doch wieso eigentlich? Eine Expertin gibt Tipps für den richtigen Umgang mit Weinsnobs und nennt ideale Kombinationen von Wein und Essen.

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Valentina Verdesca
13. April 2020
Madelyne Meyer will, dass Wein Spass macht - statt Angst einzuflössen.

Madelyne Meyer will, dass Wein Spass macht - statt Angst einzuflössen.

Schliessen Sie die Augen und stellen Sie sich einen Weinkenner vor. Was sehen Sie? Wahrscheinlich nicht Madelyne Meyer. Madelyne ist jung (31), liebt Wein, besser gesagt sie lebt ihn, und will mit abgehobenen Weinschnöseln nichts zu tun haben. Sie hat einen unkomplizierten Zugang zum Wein. Und mag es so gar nicht, wenn andere mit Floskeln wie «Mineralität», «Terroirtypizität» und «Lagerungspotenzial» um sich werfen – besonders wenn sie keine Ahnung davon haben.

Madelyne Meyer hat aber ganz viel Ahnung von Wein. Denn die Leidenschaft wurde ihr in die Wiege gelegt: Der Vater, ein Aargauer, hat ein Weinhandelsgeschäft. Die Mutter kommt aus einem kalifornischen Weinbaugebiet. Doch davon wollte die Tochter nichts wissen. «Ich interessierte mich wirklich nicht für Wein und studierte zunächst Wirtschaft an der Fachhochschule», erzählt sie. Erst durch ihre Bachelor-Arbeit, für die sie verschiedene Weintrends analysieren sollte, kam sie auf den Geschmack – wortwörtlich. Sie wollte mehr von Wein wissen. Und gleichzeitig die Welt entdecken.

So landete sie in der Heimat der Mutter auf einem kalifornischen Weingut. «Dort warf mich meine Chefin ins kalte Wasser. Sie forderte viel und förderte mich dadurch umso mehr.» Nach dem Jahr in den USA liess die Weinwelt sie nicht mehr los. Madelyne Meyer, die sich stets mit der Schule schwergetan hatte, entschied sich für ein ehrgeiziges Projekt: Sie besuchte eine renommierte Weinschule in Bordeaux (F), arbeitete für einen Weinhändler und startete gleichzeitig den Blog «Edvin Uncorked». Auf diesem räumt sie mit Vorurteilen gegenüber Wein und der Weinwelt auf. Nebenbei gibt sie Weinkurse und verantwortet das Marketing im Weinhandelsgeschäft der Eltern.

Coole Sprüche – auch online

Ihren unkomplizierten Zugang zum Wein möchte die junge Frau gerne an andere weitergeben. Zum Beispiel, wie man richtig mit Wein angibt, auch wenn man eigentlich gar keine Ahnung davon hat. Oder wahnsinnig eingeschüchtert ist vom vermeintlichen Weinkenner gegenüber. Gegenüber, fragen Sie sich jetzt? Sicher, auf eine gesellige Apéro-Runde müssen wir im Moment verzichten. Aber wer sagt denn, dass dies nicht auch virtuell geht? Trink-Treffen zum Feierabend via Teams, Zoom, Skype oder andere Internet-Plattformen sind jetzt der letzte Schrei.

Wenn Ihnen also jemand rät, einen Barolo aus dem Keller zu holen, und Sie Eindruck machen wollen, sagen Sie: «Ich sehe das Potenzial, aber die Tannine müssen sich noch etwas integrieren.» Wie bitte? Madelyne Meyer erklärt: «Barolo wird meist viel zu jung getrunken. Erst ab mindestens fünf Jahren Lagerzeit ist er wirklich reif. Deshalb sind Sie mit diesem Spruch auf der sicheren Seite.»

Und wenn Sie selber den Wein für den virtuellen Apéro bestimmen sollen? Dann rät die Expertin zu einem Pinot Noir aus dem Burgund. «Bei denen steht nur die Appellation drauf. Niemand kann alle Appellationen unterscheiden. Kaum die Profis, um ehrlich zu sein.» Sagen Sie einfach: «Endlich ein Wein, der das Terroir perfekt widerspiegelt.»

«Setzen Sie auf Schweizer Wein. Gegen einheimische Weine kann niemand etwas sagen, und lokale Produkte gehören gerade jetzt unterstützt.»

 

Und was, wenn man in Zeiten wie diesen den Schwiegereltern eine Freude machen und ihnen eine Flasche Wein aus der Ferne zukommen lassen möchte? «Setzen Sie auf Schweizer Wein. Optimalerweise auf einen aus Ihrer Region. Gegen einheimische Weine kann niemand etwas sagen, und lokale Produkte gehören gerade jetzt unterstützt.»

Der Gast ist König

Auch Reklamieren im Restaurant will gelernt sein. Oft lässt man sich von Sommeliers derart beeindrucken, dass man bei Unsicherheiten betreffend Kork oder anderer Weinfehler lieber nichts sagt, statt als Weinbanause dazustehen. Dabei ist das völlig unnötig: «In der Gastronomie gilt: Der Kunde hat immer recht. Theoretisch dürfte der Sommelier nicht mal degustieren», meint Madelyne Meyer dazu. «Er müsste den Wein einfach ersetzen.» Trotzdem rät sie dazu, im Zweifelsfall die Meinung der anderen Gäste am Tisch einzuholen. Fast noch mehr Respekt als das Degustieren flösst vielen Weinanfängern das sogenannte Pairing ein. Also die Frage, welchen Wein man zu welchem Gericht serviert. Auch hier weiss die Weinkennerin guten Rat: «Prinzipiell gilt, leichte Weine zu leichten Gerichten und schwere Weine entsprechend zu schwerer Kost.»

«Prinzipiell gilt, leichte Weine zu leichten Gerichten und schwere Weine entsprechend zu schwerer Kost.»

 

Konkret kann man etwa ein Gericht mit einer Zitronensauce oder auf einer Bouillonbasis gut mit einem Pinot Noir oder einem beliebigen Weisswein kombinieren. Dagegen passt zu einer deftigen Pasta Bolognese ein Supertoskaner. «Zu Fleischstücken mit hohem Fett- anteil oder Gerichten mit viel Butter passt ein Wein mit ausgeprägten Tanninen, zum Beispiel Rioja, Priorat, Barolo oder Bordeaux.»

Die gelungene Kombination lässt sich ja auch alleine oder mit dem Partner wunderbar geniessen.