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Reportage

Aus zwei mach eins

Andreas Meier leitet in Würenlingen AG die grösste Rebschule der Schweiz. Er pfropft Weinreben für Winzer. Wieso dies so wichtig ist und was eine winzige Laus damit zu tun hat, erzählt er bei einem Besuch vor Ort. 

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Valentina Verdesca
07. Juni 2021

Eigentlich sind alle jungen Reben Aargauerinnen, oder, Herr Meier? «Ganz so ist es dann doch nicht», schmunzelt der Angesprochene. Aber ganz daneben ist die Frage nicht, denn jede achte Schweizer Rebe geht durch seine Hände. Bereits in dritter Generation führt der Weinbauingenieur und Önologe die Rebschule Meier im unteren Aaretal. Hier hat der Reb- und Weinbau Tradition. «Mein Grossvater gründete 1921 die Rebschule, mein Vater und ich durften sie weiterentwickeln», so Andreas Meier (58). 

Ihre Haupttätigkeit ist das Vermehren von Reben. Dazu gehört das Züchten neuer Sorten, das Aufziehen junger Stöcke und eben das Pfropfen, auch Veredeln genannt. Dies ist besonders interessant, wenn man weiss, dass praktisch jede Rebe in der Schweiz gepfropft ist. «Man verbindet zwei Hölzer», erklärt der Experte das Prinzip. «Die beiden Teile wachsen zusammen, bilden Wurzeln und schliesslich einen neuen Rebstock.» Grund für den Aufwand ist ein rund 1,3 mm kleiner Schädling.

Die Reblauskatastrophe

«Die Weinrebe und der Mensch sind seit über 8000 Jahren ein Team.» ​

Andreas Meier

«Ab den 1860er-Jahren schüttelte es die europäische Weinwelt durch», erzählt Meier. Die Ursache war die mit der Blattlaus verwandte Reblaus (Phylloxera vastatrix). Aus Nordamerika eingeschleppt, vernichtete sie mehr als zwei Drittel aller europäischen Weinberge. Besonders schwer traf es Frankreich, wo der Schädling die besten Lagen im Burgund und Bordelais praktisch auslöschte. Verzweifelt suchte man nach Gegenmitteln, setzte Reben unter Wasser oder vergrub Kröten neben jedem Weinstock – ob lebend oder tot, darüber sind sich die Quellen uneinig. Eine Zeit lang injizierte man sogar hochgiftigen, flüssigen Schwefelkohlenstoff in den Wurzelbereich. Nichts half nachhaltig. 

Untersuchungen zeigten, dass die Reblaus einen komplizierten Lebenszyklus mit unter- und oberirdischen Phasen durchläuft. Problematisch ist vor allem der unterirdische Zyklus. «Das Insekt sticht die Wurzeln an und beschädigt die Wasser und Nährstoff transportierenden Leitbündel. Die Pflanze verdorrt», führt Andreas Meier aus. Schliesslich fand man die Lösung bei den amerikanischen Wildreben, welche gegenüber dem Schädling resistent waren. «Die lassen sich von den Sticheleien nicht irritieren.» 

Veredelte Wildreben

Leider konnte man nicht einfach die europäischen Weinberge mit amerikanischen Wildreben bestücken. Denn einerseits lieferten sie einen zu geringen Traubenertrag und andererseits gab es ein Geschmacksproblem. Das auf Englisch «Foxton» und umgangssprachlich «Chatzeseicher» genannte Aroma ist verpönt. Auch beim Einkreuzen bringt man den Geschmack nicht zum Verschwinden. «Deshalb kam man auf die Idee, europäische Edelsorten auf die Wurzeln robuster Wildreben zu pfropfen», sagt Meier. Eine Methode, die bereits bei den Römern bekannt war und noch heute im Obstbau Anwendung findet.

Die Rebschule veredelt mit dieser Technik pro Jahr über eine halbe Million Reben-Stecklinge. Winzer, die bei Meier bestellen, können aus fünf verschiedenen, resistenten Unterlagsreben und rund 100 Weinsorten zum Aufpfropfen wählen. So entstehen Pflanzen, die optimal an ihre Umgebung, etwa einen lehmigen Boden, angepasst sind. Die Jungreben dürfen dann einen 

ganzen Sommer lang draussen wachsen. Dabei entwickelt sich ein dichtes Wurzelgeflecht. Erst im November gräbt man sie wieder aus und versetzt sie bei kühlen Temperaturen im Lagerhaus in einen «Winterschlaf». «Im Frühling des Folgejahres sind sie bereit für den Rebberg», sagt Andreas Meier mit Stolz. Er hat Freude an den Pflanzen und ist bestrebt, die Arbeit in der Rebschule ständig zu verbessern. «Früher steckte man die veredelten Reiser in ein Substrat. Seit wir sie in warmem Wasser vortreiben lassen, treiben sie viel regelmässiger und wir haben weniger Ausschuss», erklärt er. Dieses Wissen gab er früher als Dozent an der Weinbauschule in Wädenswil ZH weiter und heute an die jüngste seiner drei Töchter, die designierte Nachfolgerin. «Die Weinrebe und der Mensch sind seit über 8000 Jahren ein Team. Ohne Mensch würde sie nicht überleben», betont er und lässt offen, ob es umgekehrt genauso wäre.