Das blaue Gold aus der Ostschweiz | Coopzeitung
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Das blaue Gold aus der Ostschweiz

Jetzt startet die Saison für heimische Zwetschgen. Warum die Ernte der aromatischen Steinfrüchte von Jahr zu Jahr stark schwankt, weiss Bio-Bäuerin Tamara Krapf aus dem Sanktgallischen. 

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Daniel Amman
27. August 2021

Eingebettet zwischen sanften Hügeln, die mit dichtem Wald und Wiesen bewachsen sind, liegt im Osten der Schweiz, zwischen Gossau SG und dem Bodensee, das Bauerndorf Bernhardzell SG. Die Region ist bekannt für ihre vielen Zwetschgenbäume. Auch Tamara (32) und Stefan Krapf (35) haben dort auf ihrem Bio-Betrieb, dem Känguruhof, etwa 60 Exemplare. «Der Vater meines Mannes hat die Hochstämmer vor 40 oder 50 Jahren gepflanzt», sagt die Bäuerin. «In Bernhardzell hat es viele Zwetsch­genbäume der gleichen Generation – damals hat man wohl geschaut, was die anderen anbauen, und wenn etwas funktionierte, hat man es auch gemacht.» Besonders verbreitet ist die Fellenberger Sorte, eine süsse und aromatische Zwetschge mit kräftigem Aroma.  

Eine Frau mit vielen Talenten 

Auf ihrem 14 Hektaren grossen Hof haben die Krapfs neben den Zwetschgen- auch Äpfel- und Birnbäume und halten 35 Kühe für Bio-Rindfleisch. Seit zwei Jahren ist ihr Betrieb mit der Knospe von Bio Suisse zertifiziert. «Wir sind naturbezogene Menschen», sagt Tamara Krapf, die Floristin gelernt hat, aber auch Yoga-Lehrerin und Schamanin ist. «Wir möchten mit der Natur leben, nicht gegen sie.» Ihren Hof auf Bio umzustellen, sei daher die logische Folge gewesen. 2013 übernahmen sie ihn, vier Jahre später begann die Umstellungsphase. «Seit 2019 sind wir ein vollständiger Bio-Betrieb – vom kleinsten Kräutli bis zur grossen Kuh.» Damit arbeiten die beiden wohl als einzige Bauern in der näheren Umgebung nach den strengen Richtlinien von Bio Suisse.

Die Fellenberger Zwetschge ist eine robuste Sorte, die sich in und um Bernhardzell offensichtlich wohlfühlt. «Wir sind hier auf einer Höhe von über 600 Metern, und deshalb haben wir oft lange, kalte Zeiten, in denen der Pflaumenwickler abstirbt – wie etwa im letzten Winter», so Tamara Krapf. Dieser Falter gilt im Obstbau als Schädling, da seine Raupen die Früchte befallen. Auch die Essigfliege gehört in diese Kategorie. 

Wenn Schädlinge auftreten, dürfen Bio-Betriebe keine chemischen Bekämpfungsmittel spritzen. «Wir haben mit einem Knoblauch- und Zwiebelkonzentrat, das wir auch schon selber hergestellt haben, gute Erfahrungen gemacht.» Bei den ersten Anzeichen spritzen sie das Konzentrat auf die Bäume. «Wenn ich zum Beispiel feststelle, dass es an den früher reif werdenden Holunderbeeren vermehrt Essigfliegen hat, weiss ich, dass das auch bei den Zwetschgen zum Problem werden kann.» Den Geruch der Zwiebelgewächse mögen die beiden Insektenarten nicht und verschwinden. Ein weiteres Problem ist die Pilzkrankheit Monilia, die die Früchte am Baum faulen lässt. Auch hier gibts natürliche Mittel. «Aus Schachtelhalm, den wir im Wald sammeln, stellen wir eine Jauche her und mischen sie mit Gesteinsmehl», sagt Krapf. «Das hilft mal mehr, mal weniger.»

Nicht nur wegen der Schädlinge ist der Zwetschgenanbau eine schwer voraussehbare Sache. «Im Jahr 2019 ist unsere Ernte komplett ausgefallen, weil Frost die ganze Blüte zerstört hat.» Auch in diesem Frühling fiel ein Teil der Blüte einem Frost zum Opfer. Hier ist die Bäuerin pragmatisch: «Es ist, wie es ist – wer denkt, dass es jedes Jahr die gleichen Erträge gibt, ist ein Traumtänzer.» Die Umstellung auf biologisches Wirtschaften hat niedrigere Ernten zur Folge. «Das nehmen wir zum Wohl der Sache in Kauf.» So erwartet Tamara Krapf für dieses Jahr 800 Kilo bis zu einer Tonne Zwetschgen. In der Zeit vor der Umstellung waren es auch schon mal drei Tonnen.

Dass der Känguruhof des Krapf-Paares nicht konventionell ist, sagt schon der Name. «Wir haben neben anderen Tieren auch zehn Kängurus bei uns – eine Art, die sich in den kälteren Regionen Australiens wohlfühlt», so die Bäuerin. «Mit ihnen wollen wir Leute auf unseren Hof bringen und ihnen die Schönheit der Natur vermitteln.» So führen die beiden Hofführungen, Kräuterwanderungen und weitere Veranstaltungen durch. Und für die Zukunft haben sich Tamara und Stefan Krapf vorgenommen, ihren Hof zu einem Lebenshof umzuwandeln, der auf die Fleischwirtschaft verzichtet.