Kind, Gemüse, igitt? | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Reportage

Kind, Gemüse, igitt?

Viele Kind verziehen ihr Gesicht, sobald sie etwas Grünes auf ihrem Teller sehen. Weshalb das ganz normal ist und wie man trotzdem ab und zu Gemüse ins Kind bekommt.

FOTOS
Valentina Verdesca
12. April 2021

Ja, es soll sie tatsächlich geben: die einfachen Esser, die schon als Kleinkind alles verschlingen, was man ihnen vorsetzt. Sogar Gemüse in rauen Mengen. Und dann gibt es alle anderen. Die Kinder, die die vorgesetzten Gerichte sezieren, um auch jedes noch so kleine Stückchen Rüebli oder Zucchetti zu finden. Man kann sich den Ausdruck auf dem kleinen Gesichtchen gar nicht vorstellen, wenn doch ein Stück Gemüse aus Versehen im Mund gelandet ist.

Claudia Schilling (48), Foodstylistin und Kochbuchautorin («Follow me», «Hin und Weg», beides AT-Verlag) aus Basel, kennt beides: Ihre Töchter Emma und Emily (12) sind zwar Zwillinge, könnten im Essverhalten aber nicht unterschiedlicher sein. Während Emma schon als kleines Kind Oliven und Ziegenkäse probierte und für gut befand, war Emily das, was man als wählerisch oder auch als «Picky Eater» bezeichnet. «Sie mochte hauptsächlich süsse Sachen, bei Gemüse war sie sehr kritisch», erzählt die Mutter.

Angeborenes Misstrauen

Das, was Claudia Schilling mit Emily erlebte, ist typisch. Die Vorliebe für Süsses ist Kindern angeboren. Sie zeigt sich sogar schon im Mutterleib. Das Gleiche gilt für ein phasenweise selektives Essverhalten. Dies nennt sich Neophobie – die Angst vor Neuem. Diese geht auf die frühesten Tage der Menschheitsgeschichte zurück: Sobald die Kinder zu laufen begannen, bestand die Gefahr, dass sie sich durch unbekannte Pflanzen vergifteten. Kinder, die neuen Lebensmitteln kritisch gegenüberstanden, hatten also eine massiv höhere Überlebenschance. Die Neophobie nimmt um den sechsten Geburtstag herum meist ab, die Kinder werden offener für kulinarische Experimente. Trotzdem gilt auch für die Kleinen die Devise «5 am Tag» – also die Empfehlung, täglich drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Früchte zu essen. Wobei die Mengen nicht enorm sein müssen: Als eine Portion gilt, was in die Hand des Kindes passt. 

Nur Früchte zu servieren, geht allerdings nicht. Obwohl das einfacher wäre, weil die bei Kindern meist beliebter sind: «Früchte enthalten auch grössere Mengen an natürlichem Zucker», weiss Ernährungs-beraterin Isabel Drössler (30) von der Fachstelle für Ernährung bei Coop. «Es ist aber nicht dramatisch, wenn an einem Tag nur Früchte verzehrt werden. Man sollte dann jedoch darauf achten, dass dies an anderen Wochentagen durch mehr Gemüse und weniger Früchte wieder ausgeglichen wird.»

Um dieses Ziel zu erreichen, rät Isabel Drössler die ungeliebten Nahrungsmittel immer wieder anzubieten. «Die Vorlieben des Kindes ändern sich permanent. An besondere Geschmäcker müssen sich Kinder durch mehrmaliges Probieren erst gewöhnen.» Zudem könne es helfen, die Lebensmittel in unterschiedlichen Konsistenzen anzubieten: etwa püriert oder roh.

 

«Kinder essen wahnsinnig gerne bunt.»

Claudia Schilling

Bunt ist Trumpf

Auch Claudia Schilling musste sich etwas überlegen, um die wählerische Emily zum Gemüse zu bringen. Dafür setzte sie auf den altbewährten Trick des Versteckens in Kombination mit ansprechender Optik: «Kinder essen wahnsinnig gerne bunt. Die Zwillinge fanden es jeweils grossartig, wenn wir den Kuchen in allen möglichen Farben eingefärbt haben», erzählt sie. Also begann sie, beliebte Kindergerichte mit Gemüse-Pürees einzufärben. Chnöpfli, Pancakes oder Brötchen (siehe Rezepte auf Seite 33) wurden plötzlich rot, orange, oder grün. Und die Mädchen hatten – ohne es zu merken – Randen, Kürbis, Rüebli oder Spinat gegessen. Die Kinder waren glücklich – und Mama auch.

Mit dieser Methode hat Claudia Schilling alles richtig gemacht: Sie nahm den Druck raus, vermittelte Freude am Essen. Eine andere Möglichkeit, das Gemüse- Drama bei den Mahlzeiten zu entschärfen, ist, stets einen Teller mit Gemüse und Früchten auf dem Tisch haben, eventuell mit einem Dip serviert. Kinder mögen Rohkost oft lieber als gekochtes Gemüse. Zudem kann es helfen, das Kind beim Kochen mithelfen zu lassen. So wird seine Neugier gegenüber neuen Lebensmitteln geweckt, vom Schneidebrett lässt sich schnell mal ein Stückchen Peperoni oder Rüebli in den Mund stecken – ganz ohne Zwang oder Druck. 

Kein Grund zur Sorge

Was aber, wenn das Kind trotz allem weiterhin konsequent Früchte und Gemüse verweigert? Ab welchem Punkt besteht das Risiko für Mangelernährung? «Solange die Entwicklung des Kindes seinem Alter entspricht und es fit und aktiv ist, besteht kein Grund zur Sorge», beruhigt Ernährungsexpertin Isabel Drössler. «Sollte eine einseitige Ernährung jedoch langfristig bestehen und sich Eltern Sorgen um die Entwicklung ihres Kindes machen, sollte ein Arzt zur Abklärung aufgesucht werden.»

Und ja, liebe Eltern. Auch wenn sich der Geschmack eines Menschen im Laufe seines Lebens ändert, bleiben gewisse Vorlieben und Abneigungen aus der Kindheit. Emily Schilling mag immer noch am liebsten «Schoggi und Kuchen». Immerhin isst sie inzwischen auch das meiste Gemüse, «ausser Peperoni». Ganz zum Leidwesen ihrer Zwillingsschwester Emma, die Peperoni als ihr Lieblingsgemüse bezeichnet. Sie ist zwar nach wie vor eine sehr offene Esserin, aber gleichzeitig auch die strengste Kritikerin der Kochkünste ihrer Mama Claudia: «Mamaaaaaa, die Randenpancakes sind gar nicht ganz durch!»

Rüeblibrötli

 

Spinat-Knöpfli

Zum Rezept»