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Pionierin des Fast Food

Konservendosen erleben gerade einen Verkaufsboom. Lockdown, Homeoffice und Endzeitstimmung bewegen die Menschen zum Dosenkauf. Aber woher stammt die Erfindung – und wie gesund ist sie?

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Getty, Fabian Häfli
01. April 2021
Viel frischer als ihr Erscheinungsbild: Dosengemüse wird meist erntefrisch abgefüllt und steckt voller Nährstoffe.

Viel frischer als ihr Erscheinungsbild: Dosengemüse wird meist erntefrisch abgefüllt und steckt voller Nährstoffe.

Sie ist ungemein praktisch, unverschämt günstig und verführt mit buntem Äusseren: die Konservendose. Und unsere Zuneigung ist derzeit besonders innig. Während des ersten Lockdowns landeten in der Schweiz rund dreimal so viele Konserven in den Einkaufswagen wie üblich. Dabei rangierten Kult-Klassiker wie die 1948 erfundenen Dosen-Ravioli, Süssmais, Thunfisch und gehackte Tomaten auf den ersten Plätzen der Beliebtheitsskala. Und dies, obwohl die Lebensmittelversorgung stets durchgängig gewährleistet war. Die Konservendose, einst eine Erfindung für Kriegszeiten, ist wieder weltweites Sinnbild für eine Krise der anderen Art.

Auf Eroberungsfeldzug

Die Idee der Konserve stammt aus einer Zeit, als es ums nackte Überleben ging. Entwickelt wurde sie um 1800 vom Pariser Konditor Nicolas Appert (1749–1841), im Auftrag von Napoleon Bonaparte (1769–1821). Dieser hatte bereits viele Jahre nach Wegen gesucht, um seine Armee zu ernähren und Plünderungen einzuschränken. Apperts Idee war so einfach wie genial: Nahrungsmittel durch Erhitzen zu sterilisieren und anschliessend in luftdicht verschlossenen Behältnissen – damals noch in Glasflaschen – zu konservieren. Der gewiefte britische Kaufmann Peter Durand (1766–1822) liess die Methode Apperts 1810 patentieren, setzte dabei aber auf leichtere und widerstandsfähigere Metallkanister. 1813 eröffnete schliesslich die erste Konservenfabrik.

Kunst ohne Verfallsdatum

Während des einsetzenden Konserven-Aufschwungs rückte die Lebensmittelindustrie das Image der Konserve als Kriegsnahrung in den Hintergrund. Es gelang ihr, sie als erschwingliches, stets verfügbares und praktisches Lebensmittel zu positionieren: vorgekocht, verzehrfertig und lange haltbar. Schliesslich kam auch die Kunst der Verpackung hinzu und die Branche nahm so richtig Fahrt auf. An diese Zeit erinnern

Andy Warhols (1928–1987) ikonische Porträts von den Campbell’s-Suppendosen aus dem Jahre 1962. Das berühmte Werk des Pop-Art-Meisters steht dabei symbolisch für mehrere Aspekte: für den Konsum als Herzstück der modernen Gesellschaft, für die Entwicklung hin zu maschinell gefertigten Produkten sowie für die Idee des «Wohlstands für alle», da damals dank Konserven jedermann Zugriff auf günstiges Essen erhielt. Warhol, selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammend, soll übrigens Campbell’s Dosensuppe über 20 Jahre lang täglich zu sich genommen haben.

Morbid? Genial! Die einstige Erfindung eines Konditors macht Nahrungsmittel über Jahre haltbar.

Ernte von 500 Bauern

Seit 1935 stellt Hilcona, ein Unternehmen aus dem Fürstentum Liechtenstein, haltbare Lebensmittel her. 2020 hat sie 29 Millionen Gemüse-Konserven produziert, 80 000 pro Tag, 45 Prozent mehr als im Vorjahr. Ihre grösste Kundin: Coop. 500 Bauern aus der Schweiz und Liechtenstein liefern hierfür das Gemüse. Die Abfüllung erfolgt dabei meist direkt nach der Ernte. Die frischen Rohwaren behalten so ihren hohen Gehalt an Nährstoffen bei. Und auch die Ökobilanz der Konservendose stimmt, denn sie benötigt keine energieaufwendige Kühlung und kann zu 100 Prozent recycelt werden – und das fast unendlich oft.

«Wenn Konserven nicht jeden Tag gegessen werden, sind sie zur Abwechslung durchaus in Ordnung»

Isabel Drössler

Was aber sagt die Ernährungswissenschaft zum Konserven-Konsum? «Wenn Konserven nicht jeden Tag gegessen werden, sind sie zur Abwechslung durchaus in Ordnung», erklärt Isabel Drössler (30) von der Coop-Fachstelle für Ernährung. «Im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung mit viel frischem Gemüse und Früchten ist auch mit Konserven eine gesunde Ernährung möglich.» Ein kleiner Wermutstropfen: «Lebensmittel für Konserven werden erhitzt, um die Haltbarkeit zu gewährleisten. Dadurch verringert sich der Gehalt an hitzeempfindlichen Nährstoffen wie einigen B- Vitaminen oder Vitamin C». Deshalb könnten Konserven einen geringeren Gehalt an diesen Nährstoffen im Vergleich zu frischen Waren aufweisen. Ausserdem geht bei der Lagerung der Gemüsekonserven ein Teil der Mineralstoffe in die Abtropfflüssigkeit über. Ebenfalls wichtig ist gemäss Drössler die Handhabung von Lebensmitteln aus Dosen: «Reste von Konserven sollten in einen anderen Behälter umgefüllt, im Kühlschrank aufbewahrt und so schnell wie möglich verzehrt werden.»

Hamster-Neigung

Der Trend des Konserven-Hamsterns hält an. Dies ist auch dem Homeoffice geschuldet, welches die Nachfrage nach unkomplizierter Heimverpflegung nach sich zieht. Gewisse Dosen sind bei Coop so begehrt, dass mittlerweile auf Ersatzprodukte ausgewichen werden muss. Stephan Schenke (41), verantwortlich für haltbare Convenience bei Coop: «Mit den Naturaplan-Bio-Erbsen mit Rüeblischeiben sowie den Naturaplan-Bio-Erbsen fein müssen wir bis zur nächsten Ernte warten.» Derzeit greift man auf Rohstoffe ohne Bio-Knospe-Zertifizierung zurück, wobei diese auch vollumfänglich den gesetzlichen Bio-Vorgaben entsprächen. Ebenfalls vom Konserven-Boom profitieren neuartigere Konservenprodukte wie die acht Karma-Kleindosen etwa mit Sojabohnen oder Black Beans. Denn: Hülsenfrüchte liegen dank ihres hohen Gehaltes an pflanzlichen Proteinen im Trend – nicht nur bei Vegetariern oder Veganern. Die Zubereitung von getrockneten Hülsenfrüchten benötigt viel Zeit, da sie meist sehr lange eingeweicht und gekocht werden müssen. Auch hier zeigt sich wieder die Genialität Nicolas Apperts einstiger Erfindung. 


Dosierte Verführung 

Er ist einer der kulinarischen Ideengeber bei der Betty-Bossi-Zeitung. Und der richtige Ansprechpartner für Food-Trends, die sich auch für die Alltagsküche eignen: Patrick Legenstein. Der 41-jährige Rezeptredaktor finalisiert gerade hoch konzentriert seine Black-Beans-Knusper-Zigarren, die er mit den gerade im Trend liegenden kleinen schwarzen Bohnen exklusiv für die Coopzeitung entworfen hat. Das Besondere: Die Black Beans stammen aus der Dose. «Ich verwende äusserst selten Dosenprodukte, mache aber privat bei Kichererbsen und Edamame gerne eine Ausnahme», erklärt der gebürtige Zürcher. Kichererbsen wie Edamame röstet er jeweils in etwas Öl und Honig knackig an und mischt sie als nahrhafte Proteinquelle in einen Salat.

Heute hat sich der gelernte Chef- und Diätkoch der Herausforderung gestellt, ein leichtes Frühjahrs-Menü zu entwickeln, das vier verschiedene Konserven beinhaltet. Dabei sind die verwendeten Produkte alles andere als altbekannte Klassiker: die als Fleischersatz beliebte, proteinreiche Jackfruit, die gefragten Black Beans, Sojabohnen und Edamame. Legensteins Rezepte sollen dabei eines veranschaulichen: Dass auch das Kochen mit Konserven originell, anspruchsvoll und deliziös sein kann.

 

 

Sojabohnen-Mousse au Chocolat

 

Edamame-«Cappuccino»

 

Black Beans-Knusper-Zigarren