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Titelgeschichte

Unterschiedliche Zwillinge

Fendant mögen, Chasselas aber nicht? Das geht durchaus, obwohl die beiden Schweizer Weine aus derselben Traube gekeltert werden. Feine Unterschiede gibt es nämlich.

17. Mai 2021

«Ein guter Tropfen unter Freunden.» So lautet das Motto von Féchy. Nicht einmal 1000 Menschen leben hier, im kleinen Dörfchen mit Sicht auf den Genfersee. Das Waadtländer Dorf ist bekannt für seinen Wein. Einer, der ihn dort produziert, ist Caspar Eugster (45), seit 2016 ist er Betriebsleiter des Weinguts Domaine de Martheray.

Chasselas in der Waadt

Auf 14 Hektaren wachsen im Herzen von Féchy Chasselas-Reben. Dicht sind sie gepflanzt, 9000 Stöcke haben nebeneinander Platz. Eugster schwärmt von der Lage: «Wir haben im Waadtland die Frische des Sees und durch die südliche Hanglage sind die Reben perfekt exponiert.»

Kurz und bündig

  • Chasselas und Fendant bestehen aus derselben Traube.
  • Das Klima und die Kultur des jeweiligen Standorts beeinflussen den Geschmack.
  • Chasselas nennt man den Wein im Waadtland, Fendant im Wallis.
  • In Deutschland heisst der Wein aus der Chasselas-Traube Gutedel.

Einmal geerntet, findet im Keller des Weinguts die erste und zweite Gärung im grossen Eichenfass statt. So verlangt es die Tradition. Das Endprodukt sei ein delikater Wein: «Blumig in der Nase, im Gaumen frisch und prickelnd», sagt Eugster über seinen Chasselas «Féchy Domaine Mar- theray».

Der mineralische Geschmack kommt vom Boden, denn dieser ist in Féchy von besonderer Beschaffenheit. «Als sich der Rhone-Gletscher zurückzog, hinterliess er ein klein- teiliges Mosaik von Böden», sagt Eugster. So ist es heute möglich, dass in Féchy der Wein zweier aneinander angrenzenden Parzellen ganz unterschiedlich schmeckt.

Chasselas im Wallis

Ortswechsel: 80 Kilometer östlich von Féchy, in den terrassierten Weinbergen des zentralen Wallis. Auch hier, an den unteren Hängen des rechten Rhone-Ufers, wachsen Chasselas-Weintrauben, aber hier heissen sie Fendant. Aus diesen produziert Önologe Samuel Panchard (45) auf dem Weingut Maison Gilliard in Sion seinen «Fendant Les Murettes».

Wie sein Waadtländer Kollege schwärmt er von seinem eigenen Weisswein. Er sei der Aperitif-Wein schlechthin. «Noten von Zitrusfrüchten und gelbfleischigen Obstgärten» habe der Fendant. «Am Gaumen zeichnet er sich durch Mineralien, Frische und Schaum aus», sagt Panchard.

Caspar Eugster (45) produziert auf dem Waadtländer Weingut Domaine de Martheray am Genfersee ... 

... einen zart blumigen Chasselas.

Der Fendant «Les Murettes» ...

... den Önologe Samuel Panchard (45) in den terrassierten Weinbergen des zentralen Wallis kreiert, leuchtet hellgelb.

Im Wallis ist der Wein nach der Rebsorte Fendant benannt und heisst zum Beispiel eben «Fendant les Murettes». Namensgebend ist, dass sich die Traube unter den Fingern spaltet («se fend») und nicht platzt. Seit 1966 ist der Begriff «Fendant» juristisch geschützt. Nur Chasselas-Weine, die im Wallis produziert werden, dürfen sich Fendant nennen. Die Waadtländer Chasselas-Weine dagegen tragen meist die Gemeinde oder die Lage im Namen und heissen dann etwa «Féchy Domaine Martheray».

Unterschiede im Geschmack

Der Walliser Winzer Samuel Panchard, der früher Kantonsönologe in Waadt war und somit beide Weine gut kennt, versichert, dass es nicht nur bei der Namensgebung, sondern auch im Geschmack erhebliche Unterschiede zwischen Fendant und Chasselas gebe. Der Chasselas werde häufig mit einer ganzen oder partiellen malolaktischen Gärung hergestellt. «Dadurch werden die Aromen und das

Mundgefühl erheblich verändert.» Dabei spricht er jenen Gärvorgang an, bei dem Apfelsäure in Kohlendioxid und Milchsäure umgewandelt wird. «Im Wallis kommt das selten vor. Beim Fendant Les Murettes verzichten wir eher darauf.»

Eine Traube, zwei Winzer, zwei unterschiedlich benamste Weine: der Waadtländer Chasselas und der Walliser Fendant. Dass man im Prinzip denselben Wein meint, wenn man von Fendant und Chasselas spricht, wissen viele nicht. «Genetisch ist die Chasselas-Traube im Waadtland und im Wallis schon dieselbe», sagt auch Waadtländer Caspar Eugster. «Doch durch das Klima und die Kultur des jeweiligen Standorts schmeckt der Wein anders.» Fendant ist gemäss dem Waadtländer Önologen lauter, üppiger und intensiver. Der Chasselas hingegen leiser, feiner und tiefgründiger. 

Weitere Doppelgänger

Eine Traube, verschiedene Namen

Neben dem Waadtländer Chasselas, der im Wallis Fendant und in Deutschland Gut- edel heisst (vgl. Haupt- artikel), gibt es noch weitere Weine, die in der Schweiz hergestellt und rege getrunken werden, die unterschiedlich heissen, aber derselben Traube ent- springen.

Da wäre zum Beispiel der Pinot Noir. Dessen Traube stammt aus dem Burgund. Deshalb nennt man ihn in der Schweiz auch Blauburgunder. Unsere deutschen Nachbarn hingegen sagen Spätburgunder, die Italiener Pinot Nero, was schon wieder näher am französischen Namen ist. Eine Extrawurst haben die Walliser: Sie nennen den Blauburgunder Dôle.

Anders als der Rest der Schweiz bezeichnen die Walliser auch den Silvaner, nämlich Johannisberg, und der Pinot Gris wird zum Malvoisie. Kompliziert wird es bei Savagnin blanc. Da spaltet sich sogar das Wallis. Während der Grossteil vom Païen spricht, heisst der Wein, der aus der Savagnin-Traube besteht, im Oberwallis Heida.