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Verlockende Vitaminbombe

Die Orange steht noch gar nicht so lange auf dem Speiseplan der Schweizerinnen und Schweizer. Woher sie stammt, wie sie den Weg nach Europa fand und warum sie so gesund ist.

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Heiner H. Schmitt, Vera Cires
15. Februar 2021
Ob als frische Frucht oder als Saft: Orangen stehen hoch im Kurs bei den Konsumenten.

Ob als frische Frucht oder als Saft: Orangen stehen hoch im Kurs bei den Konsumenten.

Rund, süss, knallige Farbe: Im Winter ist die Orange ein willkommener Gast auf dem Obstteller. Gemäss Bundesamt für Landwirtschaft isst jede Schweizerin und jeder Schweizer 8,6 Kilo Orangen pro Jahr. Das macht sie nach der Banane (11,8 Kilo) zur zweitbeliebtesten exotischen Frucht. Orangen sind also eine süsse und – noch viel wichtiger – eine gesunde Sache.

«Mit zwei Orangen oder einem Glas frisch gepresstem Saft deckt man den Tagesbedarf an Vitamin C ab.»

Isabel Drössler

«Das Fruchtfleisch einer frischen Orange enthält etwa 53 Milligramm Vitamin C», weiss Isabel Drössler (30) von der Fachstelle für Ernährung bei Coop. «Und im frisch gepressten Saft einer Orange stecken immer noch 31 Milli- gramm des wertvollen Vitamins.» Gerade im Winter ist dieses für eine normale Funktion des Immunsystems und des Nervensystems wichtig. «Auch trägt Vitamin C zur Verringerung von Müdigkeit bei», so die Ökotrophologin. Kurzum: Orangen können den Winterblues vertreiben. «Mit zwei Orangen oder einem Glas frisch gepresstem Saft deckt man also den Tagesbedarf an Vitamin C ab», so Drössler.

Damit aber nicht genug: «Studien deuten darauf hin, dass die in der Frucht enthaltenen Flavonoide den Cholesterinspiegel senken könnten», sagt die Expertin. «Da diese sekundären Pflanzenstoffe vor allem in der Randschicht der Orange stecken, empfiehlt es sich, die weisse Haut nicht allzu ordentlich wegzuschälen.»

Powerfrucht mit langer Geschichte

Ob als frische Frucht oder als Saft: Orangen stehen hoch im Kurs bei den Konsumenten.

Aller Wahrscheinlichkeit nach stammt die Orange aus China – hier bauen sie die Menschen als Kreuzung von Mandarine und Pampelmuse schon seit etwa 4000 Jahren an. Der griechische König Alexander der Grosse (356–323 v. Chr.) brachte zunächst Bitterorangen von der arabischen Halbinsel in den Mittelmeerraum – man erfreute sich dort nur an den duftenden Blüten der Orangenbäume. Damals bürgerte sich der arabische Name «narandj» im Spanischen als «naranja» und im Italienischen als «arancia» ein. Aus diesen entwickelte sich dann in Frankreich das Wort «orange».

Die süsslichen Varianten kamen mit Seefahrern im 15. Jahrhundert von Südostasien erst nach Portugal, dann nach Spanien. In nördlichen Gefilden machten sich diese als «Äpfel aus Sina» einen Namen. Sina war früher die gängige Bezeichnung für China. Damit war im Deutschen der Zweitname «Apfelsine» oder im Niederländischen «Sinaasappel» geboren.

Die exotischen, frostempfindlichen Orangenbäume waren im 16. und 17. Jahrhundert in europäischen Herrscherhäusern ein begehrtes Statussymbol. Weil sie im kalten Klima Mitteleuropas nicht gediehen, wurden in die Architektur vieler Schlösser beheizbare Gewächshäuser integriert, die Orangerien. Dort traf sich dann die feine Gesellschaft und erfreute sich an den duftenden, weissen Blüten.

Heute kaum vorstellbar, blieben Orangen im Mittelmeerraum lange Zeit ein Randphänomen. Die Bäume wurden nur vereinzelt angebaut. Früchte verarbeitete man höchstens zu Marmeladen und Blüten zu Duftöl.

Ob als frische Frucht oder als Saft: 

Orangen stehen hoch im Kurs bei den Konsumenten.

Ende des 18. Jahrhunderts kam der Orangenmarkt in Bewegung. Weil im Norden nicht nur der Adel Interesse am sonnenverwöhnten Obst hegte, pflanzten Bauern in Spanien rund um Valencia die ersten Orangenplantagen an. Im Lauf der Jahrzehnte stieg die Nachfrage stetig an, und mit der Einführung der Dampfschifffahrt wurde auch der Transport der heiklen Früchte einfacher. Die Natur spielte und spielt noch heute dem Handel in die Hände: Die Ernte findet im Herbst und Winter statt, wenn es im Norden am dunkelsten und kältesten ist – und der dortige heimische Früchtemarkt wenig hergibt. Spannend: Noch heute ist der Orangen- Konsum in Ländern wie Deutschland, Gross- britannien oder auch der Schweiz höher als in den Erzeugerländern Spanien und Italien.

Valencia ist das Orangen-Epizentrum

Wilde Orangen auf den Strassen Valencias.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts boomte der Orangenhandel und die Früchte wurden für jedermann erschwinglich – und sind es bis jetzt. «Die Mehrheit der in die Schweiz eingeführten Früchte stammen heute wie damals aus Spanien und Italien», weiss Vladimir Cob, Geschäftsführer von Alifresca, einem Coop-Tochterunternehmen, das sich auf den Import von Südfrüchten spezialisiert hat. Der 53-Jährige kennt den Orangenmarkt in- und auswendig: «Noch immer ist die Gegend um Valencia das grösste Anbaugebiet Europas.» Und er schwärmt weiter: «Während der Blütezeit im Frühjahr durchzieht der Duft zarter Orangenblüten den ganzen Landstrich.» Je nach Sorte wird ab Oktober geerntet. «Weil die Orangen besonders druck- empfindlich sind, wird jede einzelne Frucht von Hand am Baum geprüft, gepflückt und sorg- fältig in Kisten gelegt.»

Ohne Kälte bleiben die Schalen von Orangen grün, die Früchte schmecken aber dennoch fein – die Farbe Orange ist also kein Reifemerkmal. «Damit sie ihre typische Färbung erhalten, brauchen die Früchte kalte Nächte», sagt Cob. Sind die Temperaturschwankungen besonders hoch, setzt die Pigmentierung von Fruchtfleisch und Schale stärker ein – und es gibt Blutorangen. Diese stammen traditionell von Sizilien. «Dort können die Nächte mit etwa 5 Grad kalt und die Tage mit über 20 Grad warm sein.» Zudem bringen die dortigen vulkanischen

Böden den sortentypischen Geschmack hervor. Und er führt weiter aus: «Weil in einem Gürtel um den Äquator herum keine grossen Temperaturunterschiede herrschen, bleiben die Orangen dort generell grün.»

«In der Schweiz ist die Gruppe der Blondorangen mit Abstand die beliebteste.»

Isabel Drössler

Inzwischen sind über 400 Orangensorten bekannt. «In der Schweiz ist die Gruppe der Blondorangen mit Abstand die beliebteste», sagt der Fachmann, der im Lauf der Jahre eine richtiggehende Liebe für die Südfrüchte entwickelt hat. «Sie besitzen ein oranges Fruchtfleisch und einen hohen Saftgehalt.» Eine zweite Gruppe sind Navelorangen. Sie haben eine nabelähnliche Wölbung an ihrer Spitze. Weil sie leicht zu schälen sind, isst man sie als frische Frucht. «Derzeit scheinen die Konsumenten immer mehr auf Halbblut- und Blutorangen abzufahren», wundert sich Cob. «Warum das so ist, weiss er nicht. Sowieso: «Die Nachfrage nach Zitrusfrüchten generell und vor allem nach Orangen ist seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie extrem gestiegen», sagt er. «Ob das mit dem Bedürfnis nach einer besseren Gesundheit zu tun hat, darüber kann man nur spekulieren.» 

Die grössten Orangen-Anbauländer

(in Millionen Tonnen)

  1. Brasilien 16,7
  2. China 9,1
  3. Indien 8,3
  4. USA 4,8
  5. Mexiko 4,7
  6. Spanien 3,6
  7. Ägypten 3,2
  8. Indonesien 2,5
  9. Türkei 1,9
  10. Iran 1,8
  11. Südafrika 1,7
  12. Pakistan 1,5
  13. Italien 1,5

Quelle: Food and agriculture organization of the UN (2018)

Da die grössten Anbauländer einen riesigen Eigenbedarf haben, sind sie nicht gleichzeitig die grössten Orangen-Exportnationen. Hier führt Spanien deutlich vor Südafrika, Ägypten und den USA.