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Jugendausgabe 2019

«Es wird viel Blödsinn übers Gehirn erzählt»

Marc Turiault ist Ausbilder für Neurowissenschaften in Führung und Erziehung in der Westschweiz – und damit der richtige Mann für ein Interview zu den Auswirkungen der Neuen Medien auf das Gehirn.

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Valentin Flauraud
18. November 2019

Marc Turiault, woher rührt Ihr Interesse am menschlichen Gehirn?

Mit Doktortitel in Neurowissenschaften habe ich während 15 Jahren in einem Labor über die Themen Motivation, Gedächtnis, Stress und Drogenabhängigkeit geforscht. Danach arbeitete ich kurz als Wissenschaftsjournalist und habe schliesslich eine Person kennengelernt, die in der Erwachsenenbildung tätig ist. Das interessierte mich. Seit ich in diesem Bereich tätig bin, habe ich auch erfahren, wie viel Blödsinn über das Gehirn erzählt wird. Dagegen möchte ich ankämpfen.

«Nur schon das Handy in der Hosen­tasche lenkt uns ab.»

Marc Turiault

Die Neuen Medien spielen beim Lernen eine wichtige Rolle. Hat sich deshalb die Art, wie wir lernen, sehr verändert?

Ja, wobei du bei dieser Frage meiner Meinung nach kompetenter bist als ich. (Lacht.) Ihr könnt beispielsweise eine Information, die ihr vom Lehrer bekommt, sofort auf ihre Korrektheit überprüfen. Diese Möglichkeit hatten wir nicht, der Lehrer hatte einfach recht. Wir mussten ihm bedingungslos glauben.

Können wir dem, was im Internet steht, wirklich vertrauen?

Ja und nein. Nehmen wir Wikipedia als Beispiel: Wikipedia ist für mich die wichtigste Innovation im 21. Jahrhundert. Ich bekomme dort Informationen auf einem qualitativ sehr hohen Level. Eine Studie hat sogar gezeigt, dass sich Wikipedia bei der Korrektheit der Informationen auf dem Niveau der Encyclopædia Britannica bewegt – und die gilt immerhin als eines der besten und vertrauenswürdigsten Nachschlagewer- ke der Welt.

Was bewirken die Neuen Medien in unserem Gehirn?

Die wichtigste, aber auch negativste Veränderung betrifft die Aufmerksamkeit. Nur schon das Smartphone in der Hosentasche zu haben, lenkt uns ab – sogar wenn das Smartphone ausgeschaltet ist! Wenn eine Nachricht reinkommt, lenkt uns das natürlich ab. Neu ist auch, dass unser Gehirn weniger nach Lösungen sucht, weil wir alles googeln können. Unser Gehirn merkt sich das.

Das sind keine guten Nachrichten für die jüngere Generation, die ja mit den Neuen Medien auf- wächst.

Die Menge macht das Gift. Bei Kindern, die bis zu acht Stunden pro Tag Tablets oder das Smartphone benutzten, wurden Symptome von Autismus beobachtet. Es wurde aber auch beobachtet, dass diese Kinder sich bei Verringerung der Bildschirmzeit schnell wieder erholten. Es gibt noch keine Studien zu Menschen, die voll damit aufgewachsen sind.

Uns interessieren natürlich eher die positiven Auswirkungen von Snapchat, Instagram, Whatsapp und Co.

Für die Lebenserwartung eines Menschen ist es wichtiger, gute soziale Kontakte zu haben, als gut zu essen. Wenn man also eine Beziehung dank den sozialen Medien eingehen kann, ist das etwas Positives. Auch wenn viele Menschen das Gegenteil beweisen wollen.

Warum das denn?

Sie sind mit der Richtung, in der sich unsere Gesellschaft entwickelt, nicht zufrieden. Also suchen sie nach Beispielen, was heute nicht mehr gut ist: Etwa, dass sich die Menschen im Bus nicht miteinander unterhalten, sondern jeder auf sein Smartphone starrt. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass es früher wirklich anders war und man sich im Bus intensiv mit den anderen ausgetauscht hat.

Sie geben ja Seminare und Kurse. Unterrichten Sie heute dank der neuen Technologien anders als früher?

Ja, ich habe die Möglichkeit, viel interaktiver zu unterrichten.

Welche Art des Lernens ist besser –die neue oder die alte Art? Ich benutze zum Beispiel die Quizlet-App, die es mir erfreulicherweise ermöglicht, überall auf meine Lernkartei zurückzugreifen.

Etwas einfach nur abschreiben zu müssen, ist beim Lernen wenig hilfreich: Das Gehirn kann es sich nicht merken. Was ich empfehle, sind die sogenannten Mindmaps, bei denen ein Thema visuell dargestellt wird. Bei Flash-Cards besteht eher die Gefahr, dass man sich an alle Wörter erinnert, diese aber bei einer Debatte nicht richtig anzuwenden vermag.

Welche Tipps können Sie unseren Lesern zum Ende dieses Interviews geben?

Unbedingt die Verweildauer in den Neuen Medien im Auge behalten! Auch muss man sich bewusst sein, dass wir nur die Informationen sehen, die wir sehen wollen. Dabei gibt es oft eine zweite Sichtweise.

David Lula (18)

Lernender Detailhandel Interdiscount Biel BE, hat diesen Text auf Deutsch und Französisch verfasst.