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Interview

Kleinkinder lernen nicht vom Handy

Mit dem Smartphone kann man Kinder prima beschäftigen, damit sie ruhig spielen. Doch diese Ruhe täuscht, sagt Psychologin Margarete Bolten. Die Reize, denen die Kinder ausgesetzt sind, lösen Stress aus, was sogar zu Verhaltensproblemen führen kann.

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Heiner H. Schmitt
09. Dezember 2019
Margarete Bolten warnt davor, den Gebrauch von Smartphones als Belohnung oder Bestrafung einzusetzen.

Margarete Bolten warnt davor, den Gebrauch von Smartphones als Belohnung oder Bestrafung einzusetzen.

Margarete Bolten

Margarete Bolten (43) ist Psychologin in der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPKKJ) und Co-Leiterin der Säuglingssprechstunde des Universitäts-Kinderspitals beider Basel (UKBB). Davor war sie Gastprofessorin in Wien und in Mailand. Sie ist in Wittenberg (D) aufgewachsen, hat in Berlin Psychologie studiert und in Trier (D) das Doktorat im Fach Psychobiologie abgeschlossen. Margarete Bolten ist verheiratet und hat drei Kinder.

Margarete Bolten, Smartphones sind kinderleicht zu bedienen, das ist ein Teil der Faszination dieser Geräte. Doch nun sagen Sie, kleine Kinder sollten diese Medien besser gar nicht bedienen?

Zumindest wenn wir über Kinder im Alter von unter drei Jahren sprechen. Fachstellen für Medien und Kinderarztgesellschaften sind sich einig, dass Bildschirmmedien wie Tablets und Smartphones nicht in die Hände von Säuglingen und Kleinkindern gehören.

Auch der klassische Fernseher nicht?

An und für sich schliesst das den Fernseher mit ein. Es ist allerdings ein grosser Unterschied, ob man das Kind in der Babyschale vor den Fernseher setzt und ein Kinderprogramm einschaltet oder ob eine Mutter beim Stillen selber fernsieht. Letzteres erachten wir eher als unproblematisch.

Und wenn man mit der Tante in Amerika per Skype oder WhatsApp-Call telefoniert?

(Lacht.) Das zählt nicht. Darüber gibt es sogar eine Publikation mit dem Titel «Facetime doesn’t count» (deutsch: Videotelefonie zählt nicht, die Red.). Das ist tatsächlich etwas anderes, weil dabei eine gegenseitige Kommunikation stattfindet. Allerdings können Kinder im frühen Kindesalter mit dieser Art von Kommunikation meist nicht so viel anfangen. Wenn das Kind mit der Person am anderen Ende noch keine realen Erfahrungen gemacht hat, hat es auch wenig Bezug zu dem Wesen auf dem Bildschirm. Es weiss also gar nicht, dass das auf dem Bildschirm die Tante oder Oma ist.

«Kinder müssen Frust oder Langeweile aushalten können.»

Margarete Bolten

Was ist denn nun so problematisch an diesen neuen Medien?

Die Reize, also Farben, Töne, schnelle Bildwechsel, die von solchen Videos oder Apps ausgehen, sind sehr intensiv. Die Kinder werden regelrecht in das Gerät hineingesaugt und mit Eindrücken überschwemmt, die sie in dieser Intensität und Menge nicht verarbeiten können. Ein dreijähriges Kind hat eine Aufmerksamkeitsspanne von fünf bis zehn Minuten. Dann braucht es eine Pause, um Erlebtes und Gelerntes setzen zu lassen. Diese fällt weg, wenn das Kind zu lange in den Bann des Bildschirms gezogen wird. Es baut sich dann eine Überstimulation auf. Das bemerkt man nicht, weil das Kind so fasziniert ist vom Gerät. Wenn man aber die Stresshormone messen würde, könnte man das sehr wohl sehen.

Wie äussert sich die Überstimulation?

Sie kann sich zum einen in einer erhöhten Unruhe und Quengeligkeit zeigen, aber auch in Trotzanfällen oder Schwierigkeiten, in den Schlaf zu finden. In der Regel bemerkt man diese Symptome erst, nachdem man dem Kind das Gerät weggenommen hat.

In der Regel lässt man Kleinkinder ja nur Inhalte anschauen, die harmlos und sogar für sie gemacht sind.

Für Kleinkinder gemacht ... Na ja, das behaupten die, die solche Programme herstellen. Das ist wie Kinderschokolade: Die ist auch für Kinder gemacht und wird entsprechend beworben. Es ist trotzdem nicht das, was Kinder vor allem essen sollten. Mit den Medien verhält es sich genauso. Es ist sicher kein Problem, wenn ein Kleinkind mal eine Viertelstunde ein solches Kindervideo schaut. Die Forschung zeigt aber deutlich, dass es schädlich ist, wenn Kinder zu früh, zu intensiv und zu lange Bildschirmmedien konsumieren.

Was passiert dann mit dem Kind?

In der Zeit, in der das Kind diese Medien nutzt, ist es natürlich ruhig. Das ist sehr angenehm für die Eltern. Aber gleichzeitig verpasst es sehr viel, was es sonst an Erfahrungen sammeln würde: sprachliche Stimulation, Balance, Motorik, Regeln lernen – das sind fundamentale Lernerfahrungen, die dann fehlen.Gleichzeitig wird das Kind von Stress­hormonen überschwemmt, was wiederum Gedächtnisfunktionen negativ beeinflusst. Dadurch entstehen Defizite in wichtigen Kompetenzbereichen, die dem Kind im Verlauf seiner weiteren Entwicklung Schwierigkeiten bereiten können. Das heisst, es kann schlechter lernen, entwickelt möglicherweise soziale, sprachliche oder kognitive Defizite, schläft schlechter oder entwickelt vielleicht sogar eine Bindungsstörung.

Und das alles wegen ein bisschen Schneekönigin?

Nein. Wir reden hier von Extremen, von Kindern, die mehrere Stunden solche Filme anschauen. Wir wissen aber auch, dass sich diese Kompetenzen bereits ab 30 Minuten Bildschirmzeit pro Tag schlechter entwickeln. Man konnte sogar nachweisen, dass synaptische Verbindungen im Gehirn abgebaut werden, die der Mensch an sich braucht, die aber im frühkindlichen Alter bei übermässigem Medienkonsum zu wenig stimuliert werden. Viele Eltern sind sich nicht bewusst, wie schädlich das ist.

Machen Smartphone und Tablets also die Kinder dumm?

Ich würde es so ausdrücken: Zu früher und zu ausgeprägter Medienkonsum verhindert, dass Kinder ihr genetisch angelegtes Potenzial voll ausschöpfen können.

Es ist eine breite Spanne zwischen gar nicht und exzessivem Schauen. Und darin bewegen sich wohl viele Eltern. Sie lassen das Kind eine halbe bis Dreiviertelstunde ­solche Programme schauen.

Ich finde, da sollten wir klar sein. Es ist ein bisschen wie mit dem Alkohol in der Schwangerschaft. Da gibt es auch klare Richtlinien: null Alkohol. Nicht, weil wir glauben, dass ein Glas Sekt den Fötus schädigen würde. Wir wissen aber nicht genau, wo die Grenze ist. Und den Eltern würde ich empfehlen: Setzen Sie klare Regeln. Keine Bildschirmmedien vor dem dritten Geburtstag!

Margarete Bolten: «Es ist schädlich, wenn Kinder zu früh, zu intensiv und zu lange Bildschirmmedien konsumieren.»

Warum?

Es ist einfacher für die Eltern. Wenn das Kind weiss, dass es ein bisschen darf, wird es immer wieder fragen. Kinder sind da sehr klug. Wenn sie einmal gemerkt haben, dass Quengeln Erfolg hat, werden sie immer wieder nachbohren. Schnell steigt die Dauer so von 15 Minuten auf 30 Minuten und weiter. Zurück kann man fast nicht mehr. Deshalb die Empfehlung: ab drei Jahren eine halbe Stunde am Tag, früher null.

Neigen Kinder zu Suchtverhalten oder können sie ganz einfach die visuellen Reize nicht verarbeiten?

Bei diesen angeblich für Kinder gemachten Spielen bekommt das Kind immer eine Belohnung. Wenn es am richtigen Ort drückt, macht es «ping» und etwas leuchtet. Das sind ganz viele Verstärker. Nun kennen wir das von anderen Süchten, und ich zähle mal den Zucker auch dazu: Mit der Zeit brauchen wir eine Erhöhung der Dosis, damit wir das gleiche Glücksgefühl bekommen. Damit verlieren die Kinder das Interesse an normalen Spielen mit Gleichaltrigen, an Klötzchen oder Büchern, die diese Verstärker nicht haben. Wenn Kinder mit solchen Dingen nicht mehr spielen, weil es ihnen langweilig wird, sind zum Beispiel auch Rollenspiele mit Gleichaltrigen langweilig oder das gemeinsame Anschauen eines Buches mit den Eltern. Diese Erfahrungen sind aber ganz entscheidend für die frühkindliche Entwicklung. Auch ist es wichtig, dass Kinder einmal Frust oder Langeweile aushalten können. Solche Phasen stärken die Kreativität und Fantasie, aber auch die Selbstregulationsfähigkeit und die Fähigkeit, auf eine Belohnung länger warten zu können. Solche Kompetenzen wiederum sind wichtige Voraussetzungen für Schulerfolg.

Sind bewegte Bilder verführerischer als Fotos und Zeichnungen?

Ja, aber das ist auch bei Erwachsenen so. Ich denke, das ist ein evolutionärer Restbestand: Sobald sich in unserem Blickfeld etwas bewegt, reagieren wir: Es könnte ein Feind oder die nächste Mahlzeit sein. Auch Erwachsene reagieren auf bestimmte Reize sehr stark, Stichwort: gaffen auf der Autobahn. Jeder weiss, dass er das nicht tun sollte, aber alle machen es.

Es gibt so tolle Lernspiele für Smartphone und Tablet. Da könnten die Kinder doch profitieren?

Nein, es bringt sehr jungen Kindern – wir sprechen hier von unter Dreijährigen – keinen Entwicklungsfortschritt. Bildung passiert in Beziehungen, durch Wiederholung im Alltag, durch Mimik, Gestik, Handlungen. Kinder lernen durch emotionale Beziehungen und Reaktionen. Das Kind sagt etwas, und die Mutter wiederholt es mehrfach. Das macht das Gerät nicht. Das sagt eine Zahl und dann noch eine. Diese Art des Lernens können Kinder noch nicht in einen Zusammenhang bringen.

Sonst heisst es immer, dass Kinder je früher, desto leichter lernen.

Das gilt nicht immer. Niemand käme auf die Idee, ein dreijähriges Kind ans Steuer eines Autos zu setzen, weil wir wissen, dass Dreijährige dafür noch nicht über die nötigen Grundkompetenzen verfügen, etwa für das Abschätzen von Geschwindigkeit oder Entfernung. Die Kompetenzen, die Kindern vielleicht über diese Bildschirmgeräte vermittelt werden, können sie später sehr viel effizienter erwerben.

Wann und wie führt man Kinder richtig an diese Medien heran?

Die verbreitete Empfehlung lautet, dass Kinder ab drei Jahren mit Bildschirmmedien in Kontakt kommen dürfen. Und auch dann gilt es, gewisse Regeln zu beachten. Eine ganz zentrale: Schauen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind. Nutzen Sie es nicht als Babysitter. Zudem empfiehlt es sich, die Medien möglichst in der Muttersprache zu verwenden und nicht die Idee zu haben, über eine App ein wenig Frühchinesisch zu üben. Und ganz wichtig: Achten Sie auf Ihr eigenes Medienverhalten.

Ab welchem Alter darf man das Kind mit einem solchen Gerät ein paar Minuten allein lassen?

Als Faustregel würde ich sagen: mit Schuleintritt. Aber das ist jetzt eine persönliche Meinung, darüber gibt es keine Studien. Wichtig ist auf jeden Fall: klare Regeln. Setzen Sie durch, dass das Gerät abgeschaltet wird, wenn der Wecker nach 30 Minuten klingelt. Das ist ganz wichtig. Falsch wäre es, die Geräte einzusetzen, wenn m an selber gestresst ist. Dann merken die Kinder schnell, dass sie die Mutter nur unter Stress setzen müssen, dann bekommen sie, was sie wollen. Und ein weiterer Tipp: Kinder brauchen Pausen, Ausgleich und Bewegung. Neben all den attraktiven Bildschirmmedien soll man den Kindern auch vermitteln, dass es im Leben noch ganz viele andere Dinge zu entdecken gibt, die auch Spass machen.

Margarete Bolten, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Tipps zur Mediennutzung

Wichtig: Pausen und Grenzen

  • Verwenden Sie altersgerechte Medien: keine Bildschirmmedien bis drei.
  • Wählen Sie Medien in Ihrer Muttersprache.
  • Begleiten Sie Ihr Kind bei der Medien­nutzung: Setzen Sie Grenzen.
  • Kinder brauchen Pausen, um Eindrücke zu verarbeiten.
  • Seien Sie ein gutes Vorbild.
  • Kinder brauchen reale Erfahrungen – sogar streiten gehört dazu.
  • Bescheren Sie Ihrem Kind reale Erfahrungen ohne Bildschirmmedien.
  • Schenken Sie Zuwendung und Aufmerksamkeit.
  • Vergessen Sie nicht: Ihr Kind braucht Bewegung. Raus in die Natur!
  • Setzen Sie die neuen Medien nicht als Belohnung oder Bestrafung ein.

Mehr Informationen finden Sie in der Broschüre des Gesundheitsdepartement des Kantons Basel-Stadt.