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Interview

«Arbeite nicht zu hart!»

Der chinesische Klaviervirtuose Lang Lang versucht das Beste aus den Einschränkungen wegen Corona zu machen. Im Interview erzählt er, wie er die frei gewordene Zeit nutzt und ob auch ein Meister wie er während eines Konzerts Fehler begeht.

07. September 2020
Lang Lang nimmt das Publikum während eines Konzertes nicht wahr: «Ich versuche ganz in die Welt der Musik einzutauchen.»

Lang Lang nimmt das Publikum während eines Konzertes nicht wahr: «Ich versuche ganz in die Welt der Musik einzutauchen.»

Bei Lang ist der Name Programm: Lang, lang dauerte es, bis dieses Interview zustande kam. 2018 gab es den ersten Kontakt mit dem Management. Mehrmals wurde ein Treffen mit dem Klavierkünstler sehr konkret, doch dann kam im letzten Moment doch noch etwas dazwischen. So wie im Juni vergangenen Jahres, als bereits ein Termin vereinbart war, dieser aber kurzfristig wieder abgesagt wurde, weil der 38-Jährige Besseres zu tun hatte, als die Coopzeitung zu treffen: Er heiratete damals in Versailles die deutsch-koreanische Pianistin Gina Alice Redlinger (25).

Schliesslich klappte es doch noch. Wegen Corona muss das Interview allerdings per Zoom stattfinden – als Gruppengespräch. Lang Lang sitzt in Schanghai am Computer. Zugeschaltet sind auch die Fachjournalisten Elisabeth aus Österreich und Andrzej, der für eine polnische Radiostation arbeitet. Das klingt nach einem harten Dreikampf, doch ganz so schlimm ist es zunächst nicht. Alle kommen an die Reihe – falls sie die Technik in den Griff bekommen. Bei der bedauernswerten Elisabeth ist das zu Beginn nicht der Fall. Wir sehen, wie sie an ihrem Computer herumnestelt und verzweifelt versucht, eine Tonverbindung herzustellen. Doch vergeblich. Irgendwann werden wir gebeten, ohne Elisabeth zu beginnen.

Lang Lang, wie hat sich Ihr Leben wegen Corona verändert?

Ich habe dieses Jahr bereits 60 bis 70 Konzerte absagen müssen. Das ist nicht sehr angenehm. Aber ich möchte mich nicht beklagen. Ich bin gesund, meine Familie ist gesund.

Wann werden Sie wieder ganz normal ein Konzert geben können?

Ich glaube, erst wenn es einen Impfstoff geben wird. Und das kann noch dauern. Bis dahin werden wir uns mit Konzerten zufriedengeben müssen, bei denen nur 30 bis 40 Prozent der Zuschauerplätze besetzt werden dürfen.

Sie hatten bereits 2017 Ihren persönlichen Lockdown, als Sie an einer Sehnenscheidenentzündung am linken Arm litten und nicht Klavier spielen durften.

Das war um einiges drastischer damals. Ich konnte monatelang nicht spielen. Jetzt kann ich wenigstens für mich üben, was ich auch tue. Ich lerne neue Repertoires. Aber auch vor drei Jahren liess ich mich nicht hängen, sondern versuchte die Zeit ebenfalls zu nutzen. Ich las viel, über Kunst, über allerlei Dinge, die mich interessierten, aber für die ich bis anhin zu wenig Zeit hatte. Ich machte Sport, ging joggen, an den See. Ich hatte plötzlich Zeit für mich, für Verabredungen… wie Sie wissen, habe ich ja dann nach diesem persönlichen Lockdown im vergangenen Jahr geheiratet.

Was tun Sie, damit die Verletzung nicht zurückkehrt?

Meine Devise lautet nun: Arbeite nicht zu hart. (Lacht.)

«Ich hatte plötzlich Zeit für mich, für Verabredungen.»

 

Wie viele Stunden sind es noch täglich?

Zwei bis drei Stunden.

Als Kind haben Sie täglich viel länger am Klavier gesessen. Was raten Sie mit Ihrer Erfahrung einem Kind, das mit dem Klavierspiel anfängt – und seinen Eltern?

Die wichtigste Voraussetzung ist, dass das Kind die Musik wirklich schätzen lernt. Es soll sich auf die Musik einlassen, ob das nun Mozart, Chopin, Beethoven oder Bach ist. Dafür braucht es seine Zeit, das kommt nicht einfach so vom einen auf den anderen Tag. Die Eltern oder Klavierlehrer tun besser daran, ihm diese Zeit zu geben, als ein Kind einfach nur zum Klavierspiel zu zwingen. Wenn es keine Lust hat oder keine Beziehung zum Klavier entwickelt, dann funktioniert das nicht. Lieber soll es aufhören. Vielleicht kehrt es später zurück und schätzt es umso mehr. (Pause.) Hallo, Elisabeth, ich höre Sie nun. Willkommen!

Sie haben im neuen Album «Goldberg Variations» Kompositionen von Johann Sebastian Bach eingespielt. Wie wichtig war es für Sie, sich mit seiner Biografie auseinanderzusetzen?

Das war sehr wichtig. Ganz besonders wenn man eine so spezielle Biografie wie Bach hat. Als Kind habe ich viele Geschichten über ihn gehört. Zum Beispiel, dass er zunehmend sein Sehvermögen einbüsste und deshalb ein feines Gehör für die Töne entwickelte. Oder dass er ein Virtuose an der Orgel war, nicht nur mit den Händen, sondern auch mit den Füssen. Als Kind hatte ich deshalb das Bild eines Tintenfischs vor Augen, wenn ich an Bach dachte. Für dieses Album beschäftigte ich mich zwei Jahre lang intensiv mit seinem Werk und arbeitete mit Experten wie dem Cembalisten Andreas Staier zusammen, um Bachs Kompositionen und seine Technik fürs moderne Piano zu adaptieren.

Dann sind Andrzej und Elisabeth, die beiden Klassik-Spezialisten, an der Reihe. Sie starten nun tatsächlich einen kleinen Zweikampf mit Detail-Fachfragen, die den Zuhörer aus der Schweiz terminologisch zugebenermassen leicht überfordern. Geduldig warten wir ab, bis wir wieder an der Reihe sind.

Im Sport machen auch die grössten Meister wie Roger Federer oder Lionel Messi Fehler. Wie aber ist das bei Ihnen während eines Konzerts?

Im Sport kämpfen Sie gegen einen Gegner, der versucht, Sie aus der Balance zu bringen. Es ist also viel einfacher, Fehler zu begehen. Ein Klavierspieler hingegen kämpft höchstens gegen sich selbst. Der Druck ist weniger gross, die Anzahl der Fehler damit ebenso.

Achten Sie während eines Konzerts auf die Reaktionen des Publikums?

Kaum. Ich versuche ganz in die Welt der Musik einzutauchen und mich der Melodie eines Stücks hinzugeben. Auch wenn ich ins Publikum schaue, heisst das nicht, dass ich es wahrnehme. Deshalb denke ich auch nicht darüber nach, wie es in Stimmung ist oder auf etwas
reagiert.

Haben Sie noch andere Talente ausser dem Klavierspielen?

Ich spiele ganz passabel Tischtennis. Und ich bin richtig gut im Unterrichten von Klavierschülern. Damit hat es sich dann, im Rest bin ich ziemlich schlecht.

Ihre Frau ist wie Sie Pianistin. Und damit ist wohl auch das Gesprächsthema während 24 Stunden pro Tag vorgegeben.

Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Wir reden vielleicht sechs Stunden übers Klavierspielen. Also nicht den ganzen Tag lang. Da bleiben genug Stunden für anderes übrig. (Lacht.)

Lang Lang, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Ich danke Ihnen ebenfalls. Danke Polen, danke Österreich, danke Schweiz. Das war meine erste Videokonferenz überhaupt. Und es war sehr nett.