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Interview

«Bei Psychologen gibt es Wartelisten»

Die Psychologin Rahel Bachem hat die Gefühlslage der Menschen während der Pandemie erforscht und weiss, warum wir in solchen Phasen Verschwörungstheorien und WC-Papier brauchen.

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Christoph Kaminski
04. Dezember 2020
Rahel Bachem: «Die Pandemie ist ein grosser Kontrollverlust für uns Menschen.»

Rahel Bachem: «Die Pandemie ist ein grosser Kontrollverlust für uns Menschen.»

Erforscht Gefühle

Rahel Bachem

Die Psychologin und Psychotherapeutin Rahel Bachem (35) untersuchte als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Psychologischen Institut der Uni Zürich die Entstehung negativer Gefühle und Stimmungen während der Corona-Pandemie. Sie lebt mit ihrem Partner in Winterthur ZH.

Rahel Bachem, wie unterschiedlich reagieren Menschen in einer solch unsicheren Zeit?

Die Reaktionen waren sehr verschieden. Ich sage «waren», weil wir die Menschen während des Lockdowns im Frühling befragten. Mittlerweile sind wir an einem anderen Punkt, weil wir mehr wissen. Während des ersten Lockdowns fürchteten die Menschen weniger um ihre persönliche Gesundheit, als dass die Situation ausser Kontrolle gerät und uns über den Kopf wächst. Mittlerweile ist es so, dass die meisten tatsächlich Angst haben, dass sie das Virus mitverbreiten. Menschen, die in Quarantäne mussten, fühlen sich wie Aussätzige behandelt, auch wenn sie beispielsweise selber gar keine Symptome hatten.

Wie schätzen Sie die momentane Stimmung in der Bevölkerung ein? Geht man lockerer mit dem Virus um?

Im Sommer war die Stimmung entspannt. Ende Oktober und Anfang November wurde die Verunsicherung aber wieder grösser. Wir merken, dass sich immer mehr Menschen bei psychotherapeutischen Einrichtungen melden. Es gibt schon Wartelisten. Man darf dabei aber nicht vergessen: Der Grossteil der Bevölkerung ist aus psychischer Sicht sehr stabil und kann mit dieser Situation gut umgehen.

Wer hat am meisten Mühe?

Das sind Menschen, die vorher schon andere Probleme hatten, Depressionen und Ängste, die sie bis anhin ausbalancieren konnten. Mit dem zusätzlichen Stressfaktor der Corona-Massnahmen wird eine kritische Schwelle überschritten. Nun brauchen sie Hilfe.

Was kann die Stimmung verbessern in dieser Pandemie?

Positive Aktivitäten. Und das ist auch das, was viele Schweizerinnen und Schweizer machen. 65 Prozent sagten, dass sie während des Lockdowns im Frühling mehr die Natur genossen haben. 60 Prozent haben die Zeit mit Kochen genutzt, 50 Prozent hatten mehr Zeit zum Lesen. Auf der persönlichen Ebene bot der Lockdown viele Chancen, die die Menschen genutzt haben.

In Ihrer Studie steht, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die Behörden gross sei. Hat Sie dieser Befund überrascht?

80 Prozent der Studienteilnehmer haben im ersten Lockdown gesagt, dass sie grundsätzlich mit den Behörden zufrieden seien und ihnen vertrauen würden. Das ist ein guter Wert. Wenn ich jetzt die Medien konsultiere und beobachte, wie über die Situation gesprochen wird, würde ich vermuten, dass dieser Wert etwas gesunken ist. Aber Daten liegen hierfür nicht vor.

Gabs trotz dieser hohen Zufriedenheit Unterschiede zwischen den Geschlechtern oder Generationen?

Da gabs eine Überraschung: Man hielt die Älteren für psychisch verletzlicher, das hat sich aber nicht bestätigt. Angst vor Corona hatte in unserer Studie am meisten die Kategorie der unter 30-Jährigen. Tendenziell äusserten auch Frauen mehr Ängste und negative Gefühle als Männer. Wir sprechen da von einem moderaten Unterschied. Vor allem hatten Frauen stärkere Angst vor einer unkontrollierten Ausbreitung.

Das heisst, im psychischen Bereich sind die Jungen die sogenannten «vulnerablen Menschen» – also diejenige Personengruppe, die am verwundbarsten ist?

Das ist tatsächlich so. Sie litten mehr unter den sozialen Einschränkungen, weil ihnen Kontakte mit Gleichaltrigen, zum Beispiel in der Schule, wichtig sind.

«Junge Leute leiden mehr unter den sozialen Einschränkungen, weil ihnen Kontakte mit Gleichaltrigen wichtig sind.»

Rahel Bachem

Die Schweizerinnen und Schweizer sind – im Gegensatz zur Bevölkerung anderer Länder – Krisen nicht gewohnt. Welchen Einfluss hat das auf unser Wohlbefinden, wenn plötzlich alles aus dem Ruder läuft?

Wir Menschen haben – solange uns nichts Schlimmes passiert – ein Grundvertrauen, dass sich die Situation kontrollieren lässt und dass am Ende alles gut wird. Durch eine Pandemie wird das zwar plötzlich infrage gestellt, doch die Schweiz ist aus einer starken Position in diese Krise gegangen. Das hängt mit unserem Wohlstand zusammen und dem Vertrauen, dass die Krise finanziell und gesundheitlich zu bewältigen ist.

Nun steuern wir auf die kalte und dunkle Jahreszeit zu, Weihnachten ist bald.

Wir wissen, dass die Feiertage eine Phase sind, die den Menschen eher Schwierigkeiten bereitet, insbesondere im Januar, also nach den familiären Feierlichkeiten. Hinzu kommt nun die wirtschaftliche Unsicherheit. Die Gesundheitsberufe im psychischen Bereich müssen sich auf Mehrarbeit einstellen. Aber, ich betone noch einmal: Wir werden jetzt nicht alle krank! Die meisten Menschen werden diese Phase problemlos überstehen. Menschen sind erstaunlich anpassungsfähig und können Stresssituationen bewältigen.

Das mag man fast nicht glauben, wenn man bedenkt, wie sehr gerade jetzt Verschwörungstheorien wieder boomen.

Verschwörungstheorien sind an sich nichts anderes als ein Erklärungsmodell – wahrscheinlich nicht Ihres und auch nicht meines, aber es ist eines. Die Pandemie ist ein grosser Kontrollverlust für uns Menschen. In dieser Situation brauchen wir wieder Orientierung und suchen nach Erklärungen. Verschwörungstheorien können Menschen Orientierung geben und sie so persönlich entlasten.

Ziel der Behörden ist es, dass sich alle an die bestehenden Vorgaben halten. Ist es in einer Gesellschaft möglich, die gesamte Bevölkerung auf eine Linie zu bekommen?

Nein, es ist nicht realistisch, dass jedes einzelne Individuum von der vorgegebenen Strategie der Krisenbewältigung überzeugt ist. Das kann man nicht erwarten. Auch die 80 Prozent, die gemäss unserer Untersuchung im Frühsommer hinter den Massnahmen der Behörden standen, kann man über längere Zeit wohl kaum halten. Das ist sehr schwer in unserer Gesellschaft, die viel Wert auf Individualität und eigenes Denken legt.

Warum neigen wir in Krisenzeiten zu Hamsterkäufen, wie zum Beispiel WC-Papier?

(Lacht.) Das Phänomen Hamsterkäufe lässt sich psychologisch erklären, beim Produkt WC-Papier wird es aber sogar für Psychologen schwierig. Es war ja nicht nur WC-Papier ausverkauft, das war einfach das lustigste Produkt, dem alle nachgerannt sind. Das Ganze entwickelte eine Eigendynamik, als WC-Papier irgendwann knapp wurde. Das sprach sich herum, die Medien berichteten darüber. Und dann tendiert der Mensch zum Egoisten und schaut zuerst für sich selbst.

Wird es sich wiederholen? Wir fragen nur, damit wir rechtzeitig Vorräte kaufen könnten …

Wenn jetzt alle Medien schreiben, es würde wieder knapp, wird das erneut zum Selbstläufer.

Rahel Bachem, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Die Studie in Kürze

Fatalismus schützt vor negativen Gefühlen

Eine Studie der Universität Zürich zeigt: Ende April waren 80 Prozent der befragten Schweizerinnen und Schweizer zufrieden mit den Behörden. Dabei habe auch ein gewisser Fatalismus für weniger negative Gefühle gesorgt, schreiben die Autoren. Ein interessanter Befund, denn Fatalismus werde in Notlagen allgemein als Risikofaktor für die psychische Gesundheit angesehen. Doch während des Lockdowns der Covid-19-Pandemie war das nicht der Fall. In einer zweiten Umfrage möchten die Wissenschafter herausfinden, ob sich diese Stimmung in den letzten sechs Monaten verändert hat. Teilnahme unter: ww3.unipark.de/uc/COVID-19_UZH