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Interview

«Beim Aufschwung werde ich wieder ganz vorne dabei sein»

Stéphanie Berger (42) wollte als Komikerin mit ihrem neuen Programm für Furore sorgen. Doch das Corona-Virus legte ihren Spielbetrieb flach. Existenzsorgen mischten sich mit dem Ärger über das Homeschooling. Doch nun sieht sie wieder Licht am Horizont.

13. Juli 2020
Stéphanie Berger findet sich in gewissen Momenten  sehr lustig:  «Als Künstlerin  wirst du geboren.»

Stéphanie Berger findet sich in gewissen Momenten sehr lustig: «Als Künstlerin wirst du geboren.»

Stéphanie Berger, wie geht es Ihnen?

Gut, den Umständen entsprechend gut.

Sie sehen sehr fit aus.

Fitness gehört zu meiner Lebenseinstellung. Ich trainiere viermal pro Woche zuhause Kraft und Ausdauer. 

Ihr neues Programm heisst «Aufbruch». Ist ein solcher nach der Phase des allgemeinen Stillstands wieder möglich?

Wir wollten eigentlich im September wieder mit der Tour starten. Aber daraus wird leider nichts. Wir haben alle Aufführungen auf 2021 verschoben. Die Lage ist zu unsicher. Wir mussten jetzt entscheiden – und unter den aktuellen Auflagen ist es schlicht nicht möglich, gewinnbringend zu spielen. Ich will nicht um jeden Preis auftreten – zu dieser Sorte von Künstlern zähle ich nicht. Ich will von meinem Beruf leben können. Davon abgesehen, glaube ich nicht, dass es in der jetzigen Situation schön ist, auf der Bühne zu stehen. Wenn du an einem Ort bist, an dem Plexiglaswände installiert sind, ein Sicherheitsabstand gewahrt werden muss und alle Menschen Schutzmasken tragen, fühlt man sich unwohl. Ich glaube nicht, dass man in einer solchen Atmosphäre unbeschwert geniessen kann. 

Aber es wären jetzt auch wieder Veranstaltungen mit 1000 Menschen möglich…

… aber mit Abstandsregeln. Und das funktioniert für mich nicht. Ich brauche die Energie und Nähe zu meinem Publikum. Gerade Interaktionen mit meinem Publikum sind ein grosser Bestandteil meiner Shows. Ich persönlich glaube, dass erst Entwarnung in Form einer Impfung, eines Medikamentes oder einer Herdenimmunität für Entspannung sorgen kann. Es bleibt wohl vorerst schwierig mit Indoorauftritten.

Dann kann von Aufbruch bei Stéphanie Berger keine Rede sein?

Doch, natürlich – auf einer persönlichen Ebene. Ich suche andere Wege. Ich bin nicht nur auf die Komik konzentriert, sondern habe andere Standbeine: Moderationen, Keynote-Speeches. Ich verfolge andere Projekte, aber spruchreif ist noch nichts. Aber was ich sagen kann: Ich befinde mich in einem spannenden Prozess. Es geht momentan vor allem um Fragen wie: Wo kannst du dich platzieren? Wo wirst du mit deinen Kompetenzen noch gebraucht? Ein kreativer Geist ist gefragt.

Sie müssen sich neu erfinden?

Nein, ich muss mich anpassen. Du kannst ja nicht Berufserfahrung von 14 Jahren ausblenden und einfach etwas Neues starten. Das wäre wie jemand, der 14 Jahre studiert und eine Diplomarbeit abgelegt hat, und plötzlich wieder von vorne beginnen würde.

Aber in der Komik gibt es keine Diplome.

Ich bin der Meinung, dass ich nach 14 Jahren und vier abendfüllenden Shows Diplom, Bachelor und Masters bestanden habe. Ich bin professionelle Comedienne und gebe Vollgas. Ich verstehe mein Handwerk.

Finden Sie sich selber lustig?

Ich finde mich in gewissen Momenten selber sehr lustig. (Lacht.) Das begann schon als Kind. So gesehen, ist dies wohl der Klassiker im Werdegang eines Komikers. Als Künstlerin wirst du geboren. Ich sehe mich selber gar nicht so sehr als Komikerin, Keynote-Speecherin oder Moderatorin. Ich bin Entertainerin. Aber dies ist ein Begriff, der in der Schweiz noch nicht so etabliert ist. 

Dann war das im wahrsten Sinn des Wortes ein Missverständnis, dass Sie sich 1995 zur Miss-Schweiz-Wahl angemeldet haben?

Das war Naivität, verbunden mit grossen Hoffnungen und Träumen. Aber ich hätte auch ohne diese Wahl meinen Weg als Entertainerin gemacht. Doch das ist eine hypothetische Diskussion. Damit beschäftige ich mich nicht. Es bringt nichts, in die Vergangenheit zu blicken. Alles kommt ist, wie es kommen musste. Das Leben ist eine Summe an Ereignissen und Entscheidungen, die manchmal vielleicht holprig waren, die dich aber in ihrer Summe genau an diesen Punkt bringen, an dem du jetzt stehst. Es war ein spannender Weg, aber tough!

Und Sie konnten Erfahrungen machen, die andere in diesem Alter kaum machten.

Ich habe bis heute schon zwei Leben gelebt – ich habe so viel erlebt in meinen 42 Jahren. Unglaublich! Deshalb habe ich auch eine andere Beziehung zum Tod als wohl viele Menschen. Wenn ich morgen gehen müsste, könnte ich aus voller Überzeugung sagen, dass ich ein total erfülltes und bewusstes Leben hatte. Es gibt nicht mehr viele Dinge, die ich unbedingt noch erleben müsste. Ausser meinen Sohn grossziehen und weiterhin begleiten dürfen. Er ist meine eigentliche Aufgabe im Leben.

Das können Sie aber nicht im Ernst meinen!

«Bei allen Fehlentscheidungen kann ich sagen: das musste so sein.»

 

Doch, absolut. Das zeugt von einer bewussten Einstellung und von meinem inneren Frieden. Ich bereue nichts. Ich kann zu allem, was ich machte, stehen. Bei allen Fehlentscheidungen kann ich sagen: das musste so sein. Ich lebe jeden Tag sehr bewusst und achtsam. Und ich versuche jeden Tag, die beste Version von mir selber zu sein.

Sie bereuen nichts?

Nein, rein gar nichts. 

Und Fehler haben Sie keine gemacht?

Jede Menge! So viele, dass ich heute erfolgreich bin. Aus Fehlern lernt man bekanntlich.

Sie sagen sie stehen zu den Fehlern.

Ja, aber damals nahm ich sie nicht als Fehler war, sondern es waren in jenen Momenten jeweils die richtigen Entscheide. Rückblickend ist man immer gescheitert. Es kommt darauf an, ob man in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder in der Zukunft lebt. Wie gesagt, interessiert mich die Vergangenheit nicht. Ich lebe in der Gegenwart. Aber du musst gleichzeitig Visionen kreieren, die in die Zukunft führen. Du brauchst Perspektiven. Wenn der Mensch keine Perspektiven und keine Aufgaben hat, kommt er ins Straucheln. Du musst wissen, in welche Richtung deine Reise geht und trotzdem flexibel bleiben. 

Ihr erstes Programm hiess 2010 «MissErfolg». War Ihr Miss-Schweiz-Titel von 1995 für ihre zweite Laufbahn ein Türöffner?

Nein, im Gegenteil. Wenn Du auf dein Äusseres reduziert wirst, und dann plötzlich mit Talenten und mittlerweile Können überzeugen möchtest, ist das ein schwieriger, aber spannender Weg. Ich musste mich dreimal mehr beweisen als alle anderen. Den Brand Stéphanie Berger musste ich mir über 25 Jahre kontinuierlich aufbauen. Man muss die Leute gelegentlich auch aufklären, wie steinig der Weg einer Comedienne sein kann. Ein bisschen auf der Bühne zu stehen, ist nicht bloss ein teures Hobby oder etwas, das man so schnell, schnell macht. Das ist knallharte Arbeit und viel Handwerk. Jeder Künstler, der davon leben kann, hat wohl einen sehr steinigen Weg hinter sich – einen, der mit Rückschlägen, mit Misserfolgen und mit harten Zeiten gepflastert ist. Wer im Showbusiness erfolgreich sein will, kriegt dies nicht geschenkt.

Können Sie gut von Ihrem Job leben?

Ich konnte gut davon leben. Ich war vor Corona sehr erfolgreich. 

Und dann kam der 17. März 2020, als dem ganzen Land der Stecker rausgezogen wurden. Was bedeutete dies für Sie persönlich?

«Bei mir war es ein Schock, auch Schmerz war dabei.»

 

Es war schlimm. Da fragst du dich schon: War es das jetzt? Ich war von einem Moment auf den anderen ohne Einkommen. Das Schwierige an der Situation ist, dass es nicht absehbar ist, wie lange dieser Zustand noch dauert. Es lässt sich nicht sagen, dass nach acht bis neun Monate alles wieder normal läuft. Wir wissen nicht, wann es weitergeht. Allein, dass wir wieder spielen können, hilft uns nicht. Unter den momentanen Bedingungen können wir kein Geld verdienen. Alle Theater, die nicht subventioniert sind, haben ein existenzielles Problem. 

Sie machten Ihre Existenzängste schnell öffentlich, kündigten sogar Ihren Rücktritt an. Wie stehen Sie heute dazu?

Auf meine Posts erhielt ich mehrheitlich ein sehr positives Echo mit viel Wertschätzung von meinem Publikum. Ich bin authentisch und wollte klar machen, dass sich dies alles nicht nur auf einer rationalen Ebene abspielt. Es sind ganz viele Emotionen im Spiel: Bei mir war es ein Schock, und es war Schmerz. Ich musste einen riesen grossen Rückschlag einstecken und meine grossartige Mitarbeiterin entlassen.

Viele Leute verstanden Ihre Reaktion aber nicht – und bezichtigen Sie des Jammerns. 

Nicht auf meinen Kanälen, auf denen ich gepostet habe. Ich las keinen einzigen Kommentar in den Boulevardmedien, die es ohne zu fragen übernommen und für ihre eigene Zwecke missbraucht haben. Was da über mich geschrieben wird, interessiert mich nicht. Einfach Kritik rauszuhauen und einen Mensch zu verurteilen, ohne dass man die Umstände kennt und ein Gespräch geführt hat, ist inakzeptabel und respektlos. Ich lese keine Boulevardmedien und schaue seit vier Jahren kein Fernsehen mehr. Ich will nahrhafte Informationen.

Aber Sie brauchen die Medien.

Natürlich. Aber persönlich konsumiere ich nur Medien, die ihre ethische Verantwortung wahrnehmen und glaubwürdig arbeiten – Medien, denen ich, so gut es eben geht, vertrauen kann. Boulevardjournalismus ist oft reiner Missbrauch. Negative Schlagzeilen nähren vor allem eines: die Angst. 

Das ist aber ein sehr düsteres Bild.

Finden Sie? 80 Prozent der Meldungen sind schlechte Neuigkeiten. Auch wenn es die Realität ist und tragische Dinge passieren, so sollte man doch darauf achten, wieviel man davon liest. Informieren ist wichtig, aber konsumieren? Es ist vielleicht nicht verkehrt zu fragen: Mit was fütterst du deinen Geist? Und wie beeinflusst es dein Denken und Handeln? 

Das heisst, Sie geben Boulevardmedien keine Interviews?

Doch. Wenn Respekt, Achtung und gegenseitige Wertschätzung da sind, gerne. Aber ich lasse mich ungern missbrauchen. Es gilt aber auch zu erwähnen, nicht jeder Journalist unehrenhaft arbeitet.

Aber Sie waren doch ein Lieblingskind der Boulevardmedien?

Nein, da verwechseln Sie mich mit Christa Rigozzi. (Lacht.) Ich habe eine Meinung und einen Standpunkt und polarisiere. Als Frau hast du es doppelt schwierig. Wenn du dich positioniert, heisst es, dass du schwierig bist. Wenn ein Mann das Gleiche tut, heisst es, er besitzt Charakter, Ecken und Kanten. Gewiss braucht es die Everybody’s Darlings. Aber dazu zähle ich ganz sicher nicht.

Als alleinerziehende Mutter waren Sie während des Lockdowns doppelt oder dreifach gefordert. Wie verlief das Homeschooling mit ihrem zehnjährigen Sohn Giulien?

«Jetzt weiss mein Sohn, wie schlecht ich in Mathe bin, und er ist in der dritten Klasse!»

 

Das war sehr anstrengend. Ich kam an meine Grenzen, was ich auch der Schule mittgeteilt habe. Ich wurde meinem Sohn nicht gerecht. Wenn ich das wollte, hätte ich Lehrerin werden können. Nur schon, dass verlangt wird, dass man einen Computer besitzt – und dass man ihn mit den Kindern teilt, selbst wenn man ihn selber für die Arbeit braucht, ist schon eine grosse Herausforderung. Und dann muss man Schulstoff vermitteln, von dem man selber keine Ahnung hat. Jetzt weiss mein Sohn, wie schlecht ich in Mathe bin, und er ist in der dritten Klasse!

Wie wird sich die Krise auf Ihre Branche auswirken? Die Digitalisierung nimmt wohl zu, gleichzeitig möchten die Menschen wohl auch wieder das physische Erlebnis im Theater geniessen.

Ich bin überzeugt, dass wir in der Unterhaltungsbranche wieder einen Aufschwung erleben werden. Wenn du den Wirtschaftsexperten glauben schenkst, gibt es immer die gleichen Zyklen. Momentan sind wir im Abschwung, dann folgen Rezession, Depression, Aufschwung und Konjunktur. Während der Rezession und Depression wird es klar schwieriger, Geld zu verdienen, wenn du nicht umdenkst. Wir müssen ausharren und durchhalten. Beim Aufschwung aber werde ich wieder ganz vorne mit dabei sein. Jetzt heisst es Kräfte sammeln. 

Deshalb haben Sie alle Termine abgesagt?

Genau. Ich will den Stress nicht mitmachen. Ich möchte nicht verkaufte Tickets zählen und mich fragen, ob wir spielen können oder nicht. Dieser Stress nimmt mir jede Spiellust.

Wie viele Tickets müssen Sie verkaufen, um davon leben zu können?

Das hängt von der Liga ab, in der du spielst. Ab 200 verkauften Tickets pro Show kannst du gut davon leben. Je nachdem wie viele Auftritte pro Jahr man hat. Was viele aber nicht wissen: Eine Comedy-Show, wie ich sie produziere, kostet mich bis 40‘000 Franken. Diese Investition fallen alle zweieinhalb Jahre an. Solange spielt man ungefähr eine Show. Dabei hast du laufende Produktionskosten, Technik, Marketing, Agenturen, Theater, Managements, Mieten, Personalkosten und so weiter.

Das war der Grund, weshalb Sie Ihre Mitarbeiterin entlassen mussten?

Ich kann nicht eine Mitarbeiterin mitziehen, wenn ich nicht weiss, wann ich das nächste Mal für mich einen Lohn generiere.

Stéphanie Berger kam beim Homeschooling an ihre Grenzen. Und ihr Sohn weiss nun, wie schlecht sie rechnen kann.

Mit dem Bundesrat haben Sie noch nicht gesprochen?

Nein. Aber das wäre spannend – besonders mit Herrn Berset würde ich mich gerne austauschen. Sein Job ist nicht einfach, und ich bin mir sicher, unsere Regierung gibt ihr Bestes. Trotzdem, wenn man sich in meiner Branche umhört, fühlen sich viele im Stich gelassen. 

Wie erklären Sie sich, dass die Unterhaltungsbranche vergessen ging?

Ich weiss es nicht. Ich weiss, dass Isolation und Abstand sehr wohl lebenserhaltende Massnahmen sind, keine Frage! Aber für unsere Seelen und Herzen ist es eine Tragödie. Liveentertainment bringt Menschen zusammen, schenkt Freude und versprüht pure Lebenslust. Es verbindet und stärkt den Zusammenhalt. Lachen zum Beispiel stärkt das Immunsystem. Wussten Die, dass eine Minute Lachen das Immunsystem für vier Stunden stärkt? Ich finde, es fehlt enorm. Und wir dürfen die Quellen des Lachens und der Freude nicht versiegen lassen. 

Zum Abschluss vielleicht doch noch ein paar positive Gedanken, bitte!

Ich bin positiv – sehr positiv sogar. Aus der Negativspirale bin ich raus. Ich mache das Beste aus der Situation, und es ist mir bewusst, dass es einen langen Atem braucht. Wir aus der Kulturbranche rennen einen Marathon, und der wird mehr als 42,195 Kilometer lang sein. Auf jeden Fall habe ich jetzt Zeit geschenkt bekommen, die es mir erlaubt, mich mit mir zu beschäftigen. Ich kann meinen persönlichen Entwicklungsprozess weiterführen, für den ich zuvor keine Zeit hatte. Ich finde es schön, viel in der Natur zu sein, zu lesen, zu reflektieren, mich zurückzuziehen. Ich will auch keine Interviews geben. Deshalb kommt mir dieses Gespräch eigentlich in die Quere. Aber Sie waren ja sehr hartnäckig.

Danke, dass Sie eine Ausnahme machen.

Gerne! Aber ich habe im Moment einfach nicht das Bedürfnis nach aussen zu gehen. In der Stille liegt die Kraft. Und ich freue mich auf das, was aus dieser Stille heraus alles entstehen wird. 

Wann sieht man Stéphanie Berger wieder auf der Bühne?

Realistisch ist März 2021. Vorher werden wir sehen, wie viele Events ich als Moderatorin oder Referentin noch bestreiten werde. Es hängt davon ab, ob die Veranstaltungen stattfinden können. Ich hoffe einfach von ganzem Herzen, dass wir eine zweite Welle verhindern können und wir alle gesund bleiben. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Stéphanie Berger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Stephanie Berger

Stéphanie Berger, am 10. November 1977 in Bern geboren, wurde 1995 von einer Nacht auf die andere berühmt – als sie zur schönsten Schweizerin gewählt wurde. Heute ist sie allein- erziehende Mutter, Unternehmerin, Moderatorin und Stand-up-Comedian. Schon in jungen Jahren bewies sie komödiantisches Talent, als sie ihre Schulkameraden mit Imitationen von Marco Rima und Otto Waalkes zum Lachen brachte. 2010 spielte sie in Otto Waalkes Kinokomödie «Otto’s Eleven» eine Gauner-Lady. Die Aufführungen ihres aktuellen Programms «Aufbruch» wurden alle auf nächstes Jahr verschoben.