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Interview

«Beim Herumsitzen kommen keine Ideen»

Zum zehnten Mal lässt Hansjörg Schneider den pensionierten Kommissär Hunkeler ermitteln. Ein Gespräch über den Jubiläums-Krimi, Corona und Schreiben für Anfänger.

FOTOS
Kostas Maros
06. April 2020
Hansjörg Schneider auf dem Balkon: «Hoffen wir, dass das nicht ewig dauert.»

Hansjörg Schneider auf dem Balkon: «Hoffen wir, dass das nicht ewig dauert.»

Hansjörg Schneider

Der Vater von Kommissär Hunkeler

Hansjörg Schneider, 1938 in Aarau geboren, promovierte an der Universität Basel in Germanistik. «Ich wollte immer schreiben», sagt Schneider. Er tat dies sehr erfolgreich und wurde zu einem der meistaufgeführten Dramatiker im deutschsprachigen Raum. Sein berühmtestes Schauspiel, «Sennentuntschi», führte zu erregten Debatten. 1993 veröffentlichte er den ersten Krimi mit Kommissär (auf das ä legt er besonderen Wert!) Peter Hunkeler. Soeben hat er den zehnten Band «Hunkeler in der Wildnis» veröffentlicht. Schneider lebt in Basel und hat zwei erwachsene Kinder. Seine Frau Astrid verstarb 1997 an Krebs. Seine Liebe und Trauer verarbeitete er im Buch «Nachtbuch für Astrid».

Geplant war das Interview mit Hansjörg Schneider beim Spaziergang im Basler Kannenfeldpark, dem Schauplatz seines neuesten Krimis mit Kommissär Peter Hunkeler. Doch wegen Corona ist das nicht möglich: «Ich kann jetzt niemanden empfangen.» Für den Fotografen stellt er sich deshalb auf den Balkon, das Interview findet telefonisch statt. «Hoffen wir, dass das nicht ewig dauert», sagt der 82-Jährige.

Hansjörg Schneider, wie geht es Ihnen?

(Lacht.) Was für eine Frage. Ich finde es unangenehm, dass mein Stamm-Café geschlossen ist. Hier habe ich jeden Morgen Gesellschaft und treffe meine Freunde. Das fällt nun weg. Zum Glück kann ich noch in den Kannenfeldpark in der Nähe laufen. Natürlich alleine, so, wie es sich gehört. Das brauche ich, damit die Gedanken beim Schreiben fliessen. Beim Herumsitzen kommen keine Ideen.

Die Corona-Krise bietet Stoff für mehrere Romane.

Das habe ich mir auch überlegt: Soll ich das nicht in meinem nächsten Buch aufgreifen? Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich das wirklich tue. Dafür ist die Wucht dieses Ereignisses zu gross und vor allem zu nahe. Es braucht Abstand. Ganz neu wäre das Thema nicht. Vor 31 Jahren wurde im Schauspielhaus Zürich mein Theaterstück «Der liebe Augustin» uraufgeführt. Darin fällt der Dudelsackspieler und Sänger Augustin nach einem Beizenbesuch, bei dem er einen über den Durst getrunken hat, in die Pestgrube auf all die Leichen. Vergeblich versucht er wieder hinauszusteigen und so beginnt er Dudelsack zu spielen. Die Wiener wundern sich zuerst über die Musik, entdecken Augustin dort unten sitzend und helfen ihm schliesslich heraus.

Das klingt alles ziemlich makaber.

Der Clou ist, dass ihm die Pest nichts anhaben kann. Ich habe das Stück eben wieder gelesen und finde, dass es 1:1 zur heutigen Zeit passt.

Wegen Corona müssen sich die Menschen zu Hause irgendwie beschäftigen. Lesen ist eine Möglichkeit.

Ja, ich glaube auch, dass in diesen Tagen mehr als sonst gelesen wird. Das fängt schon bei den Kleinen an, denen die Eltern jetzt sicher wieder mehr vorlesen. Genug Zeit ist ja vorhanden.

So gesehen kommt der zehnte Krimi der Hunkeler-Reihe – «Hunkeler in der Wildnis» – im perfekten Moment.

Ja, aber die Buchläden haben geschlossen …

… man könnte online bestellen …

… ja, könnte man, wenn man denn dafür ausgerüstet wäre. Ich selber habe aber nicht mal einen Computer, schreibe meine Texte zuerst von Hand und tippe sie auf der Schreibmaschine ab.

Auch Schreiben ist eine Möglichkeit, um sich die Zeit zu verkürzen. Ihr Tipp für einen Anfänger?

Es gibt einen guten Satz von Charles Baudelaire, der sinngemäss lautet: «Es gibt nur eine Möglichkeit, einen Text zu beginnen: Beginne!» Der erste Satz ist das Wichtigste. Wenn er steht, ist der Anfang gemacht. Und wenn Sie nicht wissen, über was Sie schreiben sollen, dann nehmen Sie Ihre erste Kindheitserinnerung.

Wie sieht diese bei Ihnen aus?

Ich erinnere mich an den Gesichtsausdruck meiner Mutter, als wir im Radio eine Rede von Hitler hörten. Dieses «Heil Hitler!», das er mehrmals wiederholte, erschreckte sie zutiefst.

Schreibt sich ein Krimi leichter als ein anderes Buch?

Es ist ein optisches, griffiges Schreiben. Ein Krimi ist

direkter und sinnlicher, er lebt bei mir von vielen Dialogen. Leider wird die Literaturgattung des Krimis unterschätzt, besonders vom Feuilleton. Dabei gibt es grossartige Krimis, die wichtig sind für unsere Literatur. Denken Sie nur an den Wachtmeister Studer von Friedrich Glauser. Oder an die Kriminalromane von Friedrich Dürrenmatt. Über unsere Grenzen hinaus fallen mir zuerst Raymond Chandler und Georges Simenon ein.

Was Hunkelers Aussehen betrifft, hat man automatisch Mathias Gnädinger vor Augen, der ihm in mehreren Krimis das Gesicht gab. Bis er 2015 just vor neuen Dreharbeiten verstarb.

Bei mir ist das anders. Beim Schreiben denke ich nicht an Gnädinger …

… sondern an sich selber?

Ganz so klar ist das nicht. Er hat sicher viel von mir, aber dann gibt es wieder einiges, das überhaupt nicht zu mir passt. Ich könnte nie Kommissär sein. Aber es stimmt schon: Gnädinger war die Idealbesetzung für die Hunkeler-Filme. Er war von Anfang an meine Wunschbesetzung gewesen. Zuerst wollte das Schweizer Fernsehen einen anderen Schauspieler nehmen. Der aber war meiner Meinung nach viel zu jung. Ich wehrte mich mit Händen und Füssen, bis die Verantwortlichen sich überzeugen liessen.

Gnädingers grandiose Darstellung des Kommissärs half den Büchern natürlich sehr.

Es hat sofort alles gepasst, dazu gehört auch die gemächliche Erzählweise der Filme mit den langen Einstellungen, die perfekt meinen Stil wiedergibt. Wenn ich die modernen Krimis mit den schnellen Szenen und den vielen abrupten Schnitten sehe, wird mir Sturm im Kopf. Als alter Mann halte ich mit diesem Tempo nicht mehr mit. Auch das viele Blut, das in den Krimis spritzt, habe ich nicht gerne. Oder wenn das Gehirn an der Wand klebt. Mich interessiert mehr das Zwischenmenschliche, die Abgründe der Figuren, die Stimmung.

Hunkeler ist wie Sie Rentner. Hätte er es nicht verdient, dass er endlich seinen wohlverdienten Ruhestand geniessen kann?

Da ist er halt wie ich: Ohne das Schreiben würde ich mich zu Tode langweilen. Er tut zwar immer so, als ob er nicht mehr ermitteln will. Doch dann nimmt es ihm wieder den Ärmel rein. Und weil ich so viel Freude an Hunkeler habe, muss er eben weitermachen.

Sie haben das Schreiben auch schon als Verjüngungskur bezeichnet. Vorhin nannten Sie sich jedoch einen alten Mann. Wie alt fühlen Sie sich wirklich?

Genauso alt, wie ich bin: 82. Ich finde es lächerlich, wenn Senioren in meinem Alter davon sprechen, dass sie sich wie 50 fühlen. Aber während dem Schreiben denke ich nie ans Alter. Dann begebe ich mich in meine Gedankenwelt. Dafür braucht es höchste Konzentration – ein hervorragendes Fitnesstraining für den Kopf. Ich muss allerdings zugeben, dass ich für diesen Hunkeler länger gebraucht habe. Von mir aus können Sie das aufs Alter zurückführen. (Lacht.)

Wie viele Exemplare verkaufen Sie pro Hunkeler-Krimi?

Es ist nicht so, dass ich diese Zahlen exakt im Kopf habe. Ich weiss nur, dass ich von zweien über 100 000 Bücher verkauft habe.

Da wird so mancher andere Schriftsteller vor Neid erblassen. Wie war das aber früher? Plagten Sie nie Existenzsorgen?

Ich hätte auch eine Karriere als Gymnasiallehrer einschlagen können, dann wäre ich auf der sicheren Seite gewesen. Doch meine Freundin, die später meine Frau wurde, und ich fanden gemeinsam, dass das nichts für mich sei. Also nahm ich den anderen Weg und ging zum Theater, wurde in Basel in der Ära von Werner Düggelin Regieassistent und spielte in kleinen Rollen mit, was deutlich weniger einträglich war. Als dann noch unsere Kinder zur Welt kamen, mussten wir den Gürtel zeitweise sehr eng schnallen. Aber es ging immer irgendwie. Gerade als freischaffender Schreiber ist es normal, dass es Durchhänger gibt, in denen du weniger verdienst. Da ist es wichtig, dass du eine Frau hast, die voll hinter dir steht bei dem, was du tust.

Hansjörg Schneider, wir danken Ihnen für dieses Gespräch am Telefon. Vielleicht sehen wir uns doch noch richtig, wenn alles vorbei ist.

Das hoffe ich auch. Wie sagt der brave Soldat Schwejk doch: «Nach dem Krieg um sechs im ‹Kelch›!»