X

Beliebte Themen

Inerview

«Das gemeinsame Schicksal verbindet»

Philosophin Annemarie Pieper ist davon überzeugt, dass die Corona-Krise die Menschen wieder näher zusammenrücken lässt, obwohl sie auf Distanz bleiben sollten. Zugleich befürchtet sie, dass vieles ganz schnell wieder vergessen geht, wenn alles vorbei ist.

FOTOS
Eleni Kougionis
30. März 2020

Annemarie Pieper

Philosophin und Autorin

Annemarie Pieper, 1941 in Düsseldorf geboren, war von 1981 bis 2001 Professorin für Philosophie an der Universität Basel. Sie moderierte fürs Schweizer Fernsehen «Sternstunde Philosophie», schrieb für die Aargauer Zeitung Kolumnen und veröffentlichte zahlreiche philosophische Schriften und Romane, so zuletzt 2019 «Frag nicht, wo die Blumen sind»; anhand authentischer Feldpostbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg zeichnet sie darin das Schicksal eines deutschen Frontsoldaten nach. Annemarie Pieper lebt in Rheinfelden AG und geniesst die Ausfahrten mit dem Velo.

Annemarie Pieper, haben Sie etwas Vergleichbares wie diese Corona-Pandemie schon mal erlebt?

Ich bin im Zweiten Weltkrieg in Deutschland geboren und habe als kleines Kind klaustrophobische Erfahrungen gemacht, als wir mitten in der Nacht in den Luftschutzkeller mussten. Damals war der Feind klar. Jetzt ist die Gefahr diffuser. Man hat dieses beklemmende Gefühl der Bedrohung, ohne dass der Feind ein Gesicht hat. Das macht es für viele schwierig, gerade in einer Zeit, in der bei jedem Problem nach einem Sündenbock gesucht wird.

Der ist in der Corona-Krise schnell gefunden: Überall werden Politiker und Behörden kritisiert – egal, was sie tun und welche Massnahmen sie ergreifen.

Also ich finde, die machen das in den meisten Fällen gut. Sie umgeben sich mit Fachleuten, die etwas von diesem komplexen Thema verstehen, vor allem mit Virologen und Epidemiologen. Das macht sie glaubwürdig, was sehr wichtig ist, auch um all den kruden Verschwörungstheorien, die auf den sozialen Netzwerken herumgeistern, die Stirn zu bieten.

Die Menschen sind es sich gewohnt, dass es heute für alles eine schnelle Lösung gibt. Macht nicht genau das den Umgang mit der Krise doppelt schwierig?

Wenn wir auf China blicken, sehen wir zwar ein Licht am Ende des Tunnels, was ermutigend ist und uns durchhalten lässt. Allerdings wissen wir nicht, wie lange dieser Tunnel ist. Je länger all die Massnahmen dauern, desto schwieriger wird es für die jetzigen Generationen, die mit einem besonders hohen Freiheitsbewusstsein aufgewachsen sind. Die individuelle Freiheit, mit der jeder seine Macken und Marotten ausleben darf, steht über allem und wird nun plötzlich massiv eingeschränkt.

Man kann es auch so sehen: Die Ego-Gesellschaft muss einem Modell weichen, in dem Solidarität wieder an Bedeutung gewinnt.

Ja, diese Betonung von Pluralismus und Individualismus hat sich aufs Miteinander ausgewirkt. Das Band zu den Mitmenschen wurde loser: Ich mache jetzt mein eigenes Ding – was das für die anderen bedeutet, ist mir egal. Nun geht es genau in die andere Richtung. Wir sprechen wieder davon, wie wichtig es ist, diese Krise gemeinsam und solidarisch durchzustehen. Corona lässt die Menschen zusammenrücken, sie suchen die Nähe – ausgerechnet jetzt, da man Abstand voneinander halten soll. Den Menschen wird ganz schön viel Gedankenakrobatik abverlangt. (Lacht.)

Wird dieses Miteinander auch anhalten, wenn die Krise vorbei ist?

Da sollten wir uns keine falschen Hoffnungen machen. Wenn alles überstanden ist, geht vieles ganz schnell vergessen. Aber die Erfahrung, wie wir gemeinsam die Krise durchgestanden haben, die wird unser Zusammenleben prägen. Ich erinnere mich an die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland, auch wenn ich noch ein kleines Mädchen war. Damals waren es zuallererst die Trümmerfrauen, die in den zerbombten Städten aufgeräumt haben. Man rückte zusammen und baute gemeinsam wieder etwas auf. Auch in der Schweiz wird es nach der Corona-Krise darum gehen, grosse Schäden wegzuräumen und vieles neu zu errichten. Die Wirtschaft wird ja gerade stark gebeutelt. Wenn es dem einen Unternehmen nicht gut geht, geht es auch dem anderen schlecht. Das muss zuerst einmal wieder alles zusammenwachsen. Je solidarischer man ist, desto eher gelingt das. Das gemeinsame Schicksal verbindet.

In einzelnen Ländern wird vermehrt auf Überwachung des Einzelnen gesetzt, um die Krise in den Griff zu bekommen. Eine gefährliche Entwicklung – oder aber ein legitimes Mittel nach dem Motto: Gegen dieses Virus ist alles erlaubt?

Wenn das eine vorübergehende Lösung ist, dann halte ich es in einer Pandemie für legitim. Wenn jedoch der ganze Spuk wieder vorbei ist, muss die Überwachung sofort eingestellt werden. Sonst besteht die Gefahr, dass Machthaber Gefallen daran finden, den Bürgern auch nach der Krise zu zeigen, wo es langgeht. Eben mit diesen Mitteln, die die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen gefährden.

In den letzten Jahren erlebten nationalistische Kräfte wieder Zulauf. Diese Tendenz erhält nun einen weiteren Schub: Die Grenzen werden geschlossen, für Bürger gewisser Länder Einreiseverbote ausgesprochen. Oder glauben Sie, dass die Corona-Krise im Gegenteil wieder für mehr Solidarität unter den Nationen sorgt?

Meine Vermutung ist, dass die Verletzlichkeit von Lebewesen – sowohl von Menschen als auch von Tieren – wieder stärker ins Bewusstsein rückt. Das verbindet über Grenzen hinweg zu transnationaler Nachbarschaft, was sich schon jetzt darin zeigt, dass schwer an Corona Erkrankte in Krankenhäusern anderer Länder aufgenommen werden.

Bietet diese Zeit, bei allem Leid, auch Chancen?

Wir werden darüber nachdenken, ob nur der tiefe Preis allein ausschlaggebend sein soll beim Kauf von Produkten, von denen wir wissen, dass sie oft unter menschenverachtenden Bedingungen hergestellt wurden. Ich kann mir vorstellen, dass in Zukunft so mancher Konzernchef umdenkt und das eine oder andere wieder ins eigene Land zurückholt. Das geht aber natürlich nur, wenn der Kunde bereit ist, für eine Ware tiefer in die Tasche zu greifen. Ich glaube, da könnte es ein Umdenken zum Guten geben, was die Globalisierung anbelangt.

Und sonst?

Wir sind rationale Lebewesen, die aber auch Gefühle haben. Diese werden in diesem Zeitalter der Beschleunigung zurückgedrängt. Das ist gefährlich. Diese Krise zwingt uns, Mitgefühl und Anteilnahme gegenüber dem anderen zu zeigen. Kopf, Herz, Bauch und Hand müssen wieder in ihrem Zusammenwirken erkannt werden.

Werden die Menschen nach der Krise das doppelt nachholen, was sie jetzt verpassen?

Das mag in einer ersten Phase der Fall sein – wenn sich die Menschen darüber freuen, davongekommen zu sein. Aber danach geht es wieder zurück auf ein normales Mass.

In den Fünfzigerjahren kam es nach den Entbehrungen der Kriegszeit zur «Fresswelle», in der man den Teller besonders üppig füllte.

Ja, es dauerte noch eine Weile, bis einigermassen Normalität einkehrte. Irgendwann konnte man sich auch ein schönes Stück Fleisch gönnen. Ich war zehn Jahre alt, als bei mir ein erstes Mal Fleisch auf dem Teller landete. Meine Mutter flippte fast aus: «Schau mal, dieses schöne Gulasch!» Ich selber war aber nicht so begeistert. Dieses blutige Zeugs da auf meinem Teller fand ich ziemlich ungewohnt. Bis heute bin ich keine Fleischesserin.

Wie sehr vergisst der Mensch?

Solche Krisen können Menschen traumatisieren. Die meisten aber verdrängen und verbuddeln gerade die extremen Erinnerungen ganz tief unter der Erde. Ich glaube, das ist in diesem Fall gut so, um zu einem normalen Leben zurückzufinden. Ich kann mir vorstellen, dass die Menschen dafür wieder vermehrt ein Bewusstsein für die schönen kleinen Dinge im Hier und Jetzt entwickeln werden. Das können ein paar Kunstgegenstände sein oder die Rosen im Garten. Oder sonst etwas, das man bisher als selbstverständlich betrachtete. Gerade die Natur und unsere Umwelt, da bin ich mir sicher, werden wieder an Wertschätzung dazugewinnen.

Annemarie Pieper, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.