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Interview

«Den Normalfall gibt es nicht beim Sterben»

Volker Eschmann (56) arbeitet als Seelsorger am Kantonsspital Aarau. Er hat miterlebt, wie heimtückisch das Corona-Virus sein kann. Für jene, die sich der Krankheit gegenüber gleichgültig verhalten, hat er kein Verständnis: «Denn auf diese Weise will niemand sterben.» 

04. Mai 2020
Spitalpfarrer Volker Eschmann: «Seelsorge bedeutet mehr als nur ein bisschen zusammen "pläuderle".»

Spitalpfarrer Volker Eschmann: «Seelsorge bedeutet mehr als nur ein bisschen zusammen "pläuderle".»

Volker Eschmann, wann haben Sie zum ersten Mal im Zusammenhang mit Corona gedacht: Da kommt etwas auf uns zu?

Im Kantonsspital Aarau informierte früh ein Infektiologe alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über dieses Virus. So richtig bewusst, dass es sehr ernst gilt, wurde ich mir allerdings erst, als die Behörden die Basler Fasnacht absagten. Ein paar Tage zuvor hatte ich als Aktiver die Luzerner Fasnacht genossen. Nun dachte ich mir: Einen so grossen Anlass mit über hunderttausend Menschen am Strassenrand sagt man nicht einfach aus Spass ab. Mit den ersten Corona-Patienten im Spital bekam das Hässliche dieser Krankheit für mich ein konkretes Gesicht. Trotz aller Vorinformationen wurden wir von ihrer Unberechenbarkeit überrascht. Ich erinnere mich an einen Fall gleich zu Beginn, der mir sehr unter die Haut ging.

Was passierte bei diesem Fall?

Ein Mann, der eben erst pensioniert worden war, hatte sich das Virus in den Ferien zugezogen. Er hatte zwar eine leichte Lungenschädigung, wirkte sonst aber vital. Er war zuversichtlich, dass er am Wochenende wieder aus dem Spital entlassen würde. So verabschiedete ich mich am Freitagabend nichtsahnend von ihm. Als ich mich am Montag nach ihm erkundigte, erfuhr ich, dass er am Samstag, also nur 24 Stunden nach unserem Gespräch, verstorben war. Das zeigt, wie heimtückisch diese Krankheit Covid-19 sein kann. Es gibt trotz aller Gemeinsamkeiten ganz viele unterschiedliche Krankheitsverläufe. Und somit auch keine Gewissheit. Für niemanden. Selbst im Spital variieren die Krankheitsverläufe von leicht bis sehr schwer.

Umso schöner, wenn sich jemand von der Krankheit erholt.

Die meisten Menschen werden ja wieder aus dem Spital entlassen. Allerdings habe ich auch hier Tragisches erlebt, so zum Beispiel, dass Patienten mit Atemproblemen ins Spital eingeliefert wurden und sich von ihren Liebsten verabschiedeten, die zwar ebenfalls positiv getestet worden waren, aber keinerlei Beschwerden zeigten. Auf der Covid-19-Station verschlechterte sich der Zustand der Patienten so drastisch, dass sie zwei bis drei Wochen im künstlichen Koma lagen. Als sie endlich aufwachten, mussten sie erfahren, dass ihre Liebsten in der Zwischenzeit am Virus gestorben waren.

Die Menschen, die wie Sie im Spital arbeiten, haben das hässliche Gesicht dieser Krankheit kennengelernt. Für viele andere sind die über tausend Toten in der Schweiz hingegen nicht mehr als eine Zahl.

Für mich hat diese Krankheit etwas Diabolisches. Deshalb ärgert es mich, wenn ich Leute höre, die fast gleichgültig sagen: Ich halte mich nicht an die Vorschriften – wenns mich trifft, dann trifft es mich halt. In ihrer Ignoranz stecken diese Leute vielleicht andere Menschen an, die an ihrem Leben hängen. Wenn sie hautnah miterleben würden, was das Virus mit einem Menschen anstellen kann, würden sie wohl kaum mehr so daherreden. Denn auf diese Weise will niemand sterben. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit trägt dazu bei, dass gefährdete Menschen überleben. Wobei man einfügen muss: Die überwiegende Mehrheit versteht das und ist solidarisch.

Wie hat sich Ihre Arbeit als Spitalseelsorger seit Corona verändert?

Es kam vorher vor, wenn auch selten, dass ein Patient mir auf den Kopf zu sagte: Ich habe kein Interesse an einem Gespräch. Dann wünschte ich gute Besserung und verabschiedete mich. Seit der Corona-Krise habe ich das aber nicht mehr erlebt. Den Menschen fällt die Decke auf den Kopf. Sie haben keinen Besuch mehr – und zwar alle, nicht nur Covid-19-Patienten. Deshalb nehme ich bei den Patienten eine verstärkte Dankbarkeit wahr, dass ein Mensch für sie da ist, mit dem sie sprechen können. Gerade gestern habe ich das wieder erlebt. Da stelle ich mich bei einem Patienten vor und sehe seinen skeptischen Blick, so als ob er denken würde: Was will denn der von mir? Ich versichere ihm, dass ich einfach für ihn da bin, wenn er ein Gespräch wünscht. Plötzlich fängt er an zu erzählen und will gar nicht mehr aufhören. Als er schliesslich doch müde wird, sagt er: Es wäre schön, wenn Sie mich wieder besuchen würden.

«Was wäre denn das für ein Gott, der uns dieses schreckliche Virus schickt?»

 

Über was wollen die Patienten reden?

Seelsorge bedeutet mehr als nur ein bisschen «pläuderle», sondern ist ein psychologisch-spirituelles Gesprächsangebot. Die meisten Patienten kommen von sich aus auf die Fragen zu sprechen, die existenzieller Natur sind: Was will ich weiter mit meinem Leben anfangen? Was ist mir wichtig? Wer ist mir wichtig? Welchen Sinn ergibt das alles? Manchmal beschränkt sich der Austausch auf das Nonverbale. Wenn ein Covid-19-Patient mit schwerer Atemnot zu kämpfen hat, steht ihm der Sinn nicht unbedingt nach einem Gespräch über existenzielle Fragen. Dann genügt bereits der Blickkontakt. Wenn Sie einem leidenden Menschen in die Augen blicken, sehen Sie ganz viel, ohne dass man darüber reden muss.

Was wünschen sich Sterbende vor ihrem Tod?

Das ist sehr individuell. Den Normalfall gibt es nicht beim Sterben. Manche wollen, dass ich für sie oder mit ihnen bete. Andere wünschen sich unbedingt ihre Nächsten ans Sterbebett. Manchmal auch, um sich im letzten Moment doch noch zu versöhnen. Es gibt jedoch auch das Gegenteil, nämlich jene, die genau dann sterben, wenn ihre Liebsten schnell einen Kaffee trinken gehen.

Wie verabschieden sich die Menschen?

Was ich noch nie erlebt habe, ist die typische Sterbeszene im Film: Jemand redet, verabschiedet sich, schliesst die Augen und stirbt. Es gibt Menschen, die ringen und kämpfen bis zum Schluss mit dem Tod, andere schlafen friedlich ein, genauso, wie es in den Todesanzeigen steht. Oft können Sterbende nicht mehr ausdrücken, was sie sich wünschen. Ich interpretiere nicht, sondern bin einfach nur da für diesen Menschen, wenn ich annehmen kann, dass es ihm recht ist. Manchmal lege ich meine Hand in die Nähe seiner Hand, aber nie auf sie. Der Mensch ist frei, die Hand zu ergreifen. So verstehe ich meine Aufgabe: Begleiten, Raum geben, mit dem Menschen nach seinen Kraftquellen und Ressourcen suchen. Es ist nicht meine Aufgabe zu werten und ganz sicher nicht jemandem etwas überzustülpen und aufzuzwingen.

Gibt es Momente, die auch für Sie nur schwer zu ertragen sind?

Ja, die gibt es. Es gehört aber zum Beruf dazu, dass ich meine Gefühle reflektiere und die Trauer des Sterbenden oder der Angehörigen nicht zu meiner Trauer mache. Nur so kann ich wahrnehmen, was mit dem anderen Menschen geschieht. Später versuche ich schwierige Momente mit einem Ritual zu verarbeiten. Verzichte ich darauf, geht es mir schlecht. Deshalb zünde ich, bevor ich das Spital verlasse, im Andachtsraum eine Kerze an – für die Menschen, mit denen ich im Kontakt gestanden habe. Dies und ein kurzes Gebet helfen mir, mich von ihnen zu verabschieden und das sogenannte Kopfkino zu vermeiden. Wobei das nicht immer gelingt. Gewisse Situationen laufen mir nach. Etwa wenn angehende Eltern erfahren, dass ihr Kind tot auf die Welt kommen wird. Oder wenn ich einen schwerkranken Patienten monatelang begleite und seine Hoffnung zusehends schwindet, weil er einen Rückschlag nach dem anderen erleidet. Das sind belastende Momente, die ich nicht einfach auf Knopfdruck vergessen kann.

Warum sucht dieses Virus unsere Welt heim?

(Überlegt lange.) Ich traue mir keine Antwort darauf zu.

Man kann die Frage auch anders formulieren: Warum lässt der liebe Gott diese Katastrophe zu?

Es passt nicht in mein Gottesbild zu sagen: «Gott straft seine geliebte Schöpfung.» Was wäre denn das für ein Gott, der uns dieses schreckliche Virus schickt? Wenn ich von einem solchermassen strafenden Gott ausgehen würde, dann wäre beten nach Auschwitz nicht mehr möglich gewesen. Da kamen Millionen von Menschen qualvoll ums Leben, die sich nie etwas haben zuschulden kommen lassen. Ich verstehe die Sehnsucht nach Klarheit, habe aber keine Antwort auf diese Frage. Diese Spannung auszuhalten gehört für mich dazu.

Autor Adolf Muschg glaubt, dass wir durch Corona vor einem Neubeginn stehen. Wie sehen Sie das?

Manche Blasen sind zerplatzt, etwa das Evangelium vom ständigen Wachstum. Das Wort Globalisierung hat einen schrecklichen Beigeschmack erhalten. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, wie nachhaltig alles ist und ob der Applaus der Menschen auf den Balkonen sich auch positiv auf die Lohnverhandlungen der Pflegenden – diesen hochmotivierten Helfern – auswirken wird. Ich wünsche mir, dass wir die guten Dinge in die Zeit nach der Krise retten können. Wobei ja keineswegs feststeht, wie lange diese dauert. Stand heute müssen wir mit dieser Art von Bedrohung leben lernen und uns stets ihrer Gefahr bewusst bleiben.

Volker Eschmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.