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Interview

«Der Klimawandel ist nicht vom Tisch»

Reto Knutti, Klimaforscher an der ETH Zürich, sieht frappante Parallelen zwischen den Corona-Verweigerern und den Klimawandel-Leugnern und ihren Motiven. Ausserdem erklärt er, auf welche Temperaturen sich künftige Generationen einzustellen haben. 

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Keystone
25. Mai 2020
Reto Knutti findet, dass oft zu spät auf Experten gehört wird.

Reto Knutti findet, dass oft zu spät auf Experten gehört wird.

Reto Knutti, der Klimawandel war für viele Menschen bis im März das dringlichste Problem. Dann wurde er von Corona verdrängt.

Das ist doch menschlich. Das Unmittelbare interessiert immer am meisten, erst recht, wenn es darum geht, kurzfristig Menschenleben zu retten. Der Klimawandel ist aber nicht aus der Welt. Er wird uns weiterbeschäftigen, davon bin ich überzeugt. Frappant finde ich die Parallelen zwischen den beiden Themen. Es ist wichtig, dass jeder mitmacht, auch wenn er den Nutzen für sich selber nicht sieht. Wenn ich bei einem verordneten Lockdown alleine zu Hause bleibe, nützt mir das persönlich vielleicht nichts, aber die Gesellschaft profitiert davon, weil sich so das Virus weniger verbreitet. Genau gleich verhält es sich beim Klima und der Umwelt: Wenn sich alle umweltfreundlich verhalten, profitieren alle davon.

Es gibt eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Klimawandel und Corona: nämlich die Leugner, die die Bedrohung nicht sehen wollen oder sogar Verschwörungen wittern.

Ich versuche mich ihren Argumenten nicht zu verschliessen und lasse mich auf Diskussionen ein. Mit jenen, die sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen, ist das spannend und ergiebig. Es gibt aber auch viele, bei denen man mit Diskutieren nicht mehr weiterkommt. Da geht es nicht um den Klimawandel, sondern nur um die vorgeschlagenen Massnahmen, die dagegen ergriffen werden sollten. Diese widersprechen ihrer Vorstellung, wie die ideale Welt aussehen müsste: möglichst wenig Staat, minimale Steuern, maximale Freiheit. Sie argumentieren zwar mit angeblich wissenschaftlichen Fakten, aber eigentlich geht es um pure Ideologie. Diese Leugner des Klimawandels durchschreiten in der Regel fünf Stufen der Verneinung.

Was meinen Sie damit?

Zuerst kommt die Leugnung: Es gibt den Klimawandel nicht. Wenn sich das nicht mehr abstreiten lässt, sagen sie: Ich bin nicht verantwortlich dafür. Nächste Stufe: Ach, es ist nicht so schlimm. Viertens: Es ist zu teuer, anderes ist wichtiger. Schliesslich: Wir können es nicht ändern. Diesen Menschen fällt es schwer, ihr Weltbild der Realität anzupassen. Genau dasselbe erleben wir jetzt bei Corona. Zuerst stritt Trump ab, dass Covid-19 als Problem existiert. Dann sprach er vom «China flu», dass also die Chinesen verantwortlich seien. In den nächsten Stufen hiess es: Aber so schlimm ist es doch nicht, die Massnahmen kosten zu viel und die Todesopfer sind unvermeidlich. Dabei ist klar, dass viele Massnahmen, die das Gesundheitssystem schützen, auch gut für die Wirtschaft sind. Genau so verhält es sich mit dem Klima.

Können Sie das näher erläutern?

Wir haben nicht die Wahl zwischen Wirtschaftswachstum und Klimaschutz. Kosten wird es in jedem Fall, langfristig ist es aber günstiger, den Klimawandel zu begrenzen, als später für die Schäden zu bezahlen, die dadurch verursacht werden.

Warum hört man nicht auf die Klimaexperten?

Der Klimawandel ist ja kein neues Phänomen. Forscher warnen seit drei Jahrzehnten. Man nimmt zwar die Fakten wahr, aber es dauert lange, bis etwas passiert. Auch bei Corona wiesen Epidemiologen darauf hin, was da auf die Menschheit zukommen könnte, sie wurden aber zuerst nicht gehört.

Danach allerdings umso mehr. Weshalb wird beim Klimaschutz nicht gleich energisch wie bei Corona gehandelt?

Der entscheidende Unterschied ist die Unmittelbarkeit der Pandemie, die dazu führte, dass fast alle die radikalen Massnahmen akzeptierten. Es gab kurzfristig kaum eine andere Möglichkeit. Beim Klima kann man sich über die Fakten einig sein, aber nicht unbedingt, mit welchem Tempo man das Problem lösen will.

Die Welt ist seit Wochen im Ausnahmezustand. Im Vergleich dazu ist das Wetter fast schon wieder normal.

Der vergangene Winter war der wärmste seit Messbeginn im Jahre 1864 und gehört daher klar in die Ecke der Extreme. Jetzt ist es bei uns einigermassen normal. Die extreme Trockenheit im April hat sich entspannt.

«Meine Aufgabe ist es nicht, die Welt zu retten.»

Reto Knutti

Was dürfen wir für einen Sommer erwarten?

Prognosen, die über eine Woche hinausgehen, sind spekulativ. Es gibt Wettermodelle, die längerfristige Voraussagen zulassen. Aber die sind für Europa nicht zuverlässig.

Ist das so, weil sich das Wetter so kurzfristig ändern kann – oder ist die Forschung einfach nicht so weit?

Beides! Die Forschung tüftelt stets an Verbesserungen. Aber ja, es stimmt, das Wetter kann sich sehr rasch ändern. Die Hoch- und Tiefdruckgebiete kommen und gehen alle paar Tage und lassen sich selten über mehrere Wochen voraussagen. Die Sommer werden generell heisser und wahrscheinlich trockener, aber die natürlichen Schwankungen bleiben von Jahr zu Jahr gross. 

Haben Sie sich auch schon über Prognosen geärgert, die nicht eingetroffen sind?

Nein. Ich weiss, dass das Wetter wie viele andere Systeme komplex ist. Nicht alles kann exakt vorausgesagt werden. Entscheidend ist, dass die Gesellschaft mit den Risiken geschickt umgeht. 

Welche langfristigen Klimarisiken werden auch von den Laien ohne wissenschaftliche Kenntnisse gut verstanden?

Der Klimawandel sorgt für wärmere Temperaturen. Dass die Häufigkeit der kalten Winter abnimmt, beobachten wir schon seit 30 Jahren. Das heisst aber nicht, dass es nie mehr einen kalten Winter geben wird. Das ist wie bei einem gezinkten Würfel, der plötzlich mehr Sechsen als Einer hat. Klar wird auch einmal wieder ein Einer gewürfelt, halt einfach seltener. Und irgendwann würfeln wir dann eine Sieben. Das sind dann solche Phänomene, die wir noch nie hatten – wie beispielsweise dieser extrem warme Winter oder der Sommer 2018, der als bisher trockenster in die Geschichte einging. 

Worauf muss sich die kommende Generation einstellen? Herrschen in 20 Jahren Temperaturen um die 40 Grad Celsius?

Die sogenannten Hitzetage, bei denen das Thermometer die 30-Grad-Marke deutlich übersteigt, werden sicher weiter zunehmen. Dies hat Auswirkungen auf Krankheitsüberträger wie beispielsweise die Tigermücke, auf die Arbeitsproduktivität oder auf die Landwirtschaft, die mit erschwerten Bedingungen zu kämpfen hat – vor allem, wenn die Sommer immer trockener werden. Und natürlich wird auch der Wintertourismus leiden. 

Machen Sie diese Szenarien persönlich betroffen? Oder analysieren Sie eher alles durch die Brille des Forschers?

Ich habe zwei Kinder und denke natürlich darüber nach, was die Zukunft bringen wird. Aber bei der wissenschaftlichen Arbeit ist es meine Aufgabe, so klar, so objektiv und sauber wie möglich alle nötigen Informationen bereitzustellen. Ich bin nicht Greenpeace, und meine Aufgabe ist es auch nicht, die Welt zu retten. Die Zeit drängt, aber die Wissenschaft kann nichts vorschreiben. Am Schluss muss die Politik entscheiden. Meine Aufgabe besteht darin, die Menschen zu informieren und ihnen die Daten zu liefern, die sie zur Ergreifung möglicher Massnahmen benötigen. Ich vergleiche meine Tätigkeit gerne mit dem Sanitäter am Unfallort oder dem Notarzt in der Intensivstation, der die persönliche Betroffenheit im ersten Moment zurückstellen muss.

Waren Ihre Kinder bei der Fridays-for-Future-Bewegung dabei?

Ja, sie sind auch mit dem Plakat auf die Strasse gegangen. 

Können Sie ihnen noch Mut machen?

Mit den Entscheiden, die wir in den letzten paar Jahrzehnten getroffen haben, können wir das Ruder nicht mehr komplett herumreissen. Wir haben den Klimawandel schon. Er wird sicher noch mehr voranschreiten, das lässt sich nicht  verhindern. Aber wir haben immerhin noch die Wahl, ob wir den Klimawandel weltweit auf zwei Grad begrenzen wollen oder ob es auf vier oder gar sechs Grad gehen soll. Derzeit sind wir sicher nicht auf Kurs, um die in Paris gesetzten Klimaziele – nämlich die Begrenzung auf deutlich unter zwei Grad Erwärmung – zu erreichen. 

Was haben Sie für Lösungsvorschläge?

Da braucht es eine Vielzahl an Massnahmen. Es ist nicht mehr so einfach wie damals beim Ozonloch, als es einfach reichte, gewisse Substanzen zu verbieten und durch andere zu ersetzen. Beim Klimawandel ist es komplexer. Allein die fossilen Brenn- und Treibstoffe, die bei der Erwärmung eine wichtige Rolle spielen, kommen überall zur Anwendung, in den Fahrzeugen, den Heizungen, in der Fliegerei, in der Industrie und den Gebäuden. Wir müssen den Treibhausgasausstoss auf netto null senken. Dafür muss man in allen Bereichen ansetzen. Möglichkeiten für die ersten Schritte gibt es viele. Aber es braucht neben der Politik jede und jeden von uns.

Reto Knutti, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.