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Interview

«Der Zirkus bringt Normalität zurück»

Géraldine Knie ist die erste Direktorin in der 101-jährigen Geschichte des Circus Knie. Im Interview erzählt sie, wie sie die schwierigen Monate während der Corona-Krise meistert und wie die Familie dabei näher zusammenrückt.

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Christian Schnur
19. Oktober 2020
Géraldine Knie mit Söhnchen Maycol junior: «Der Zirkus funktioniert wie eine grosse Familie.»

Géraldine Knie mit Söhnchen Maycol junior: «Der Zirkus funktioniert wie eine grosse Familie.»

Géraldine Knie führt durch den Wagenpark und ums grosse Zelt. Sie grüsst jeden Arbeiter mit Namen – und fragt einen schwer hinkenden Mann, ob er zum Arzt wolle. Er will nicht. Stattdessen hebt er einen Plastiksack mit dem Logo einer Apotheke und sagt: «Ich habe Schmerzmittel gekauft». Der Havarierte ist Teil der spektakulären Motorradtruppe, die im horrenden Tempo durchs Chapiteau fliegt und Kopf und Kragen riskiert: «Diesen Act wollten wir schon lange im Programm», sagt Géraldine Knie, «und jetzt ist es uns endlich gelungen.» Das Publikum dankt es. In jeder Vorführung erhebt es sich schon am Anfang zur Standingovation: «Das habe ich noch nie erlebt.»

Die 47-jährige Zirkusfrau verströmt gute Laune. Mit der Coopzeitung sprach sie über die grossen Herausforderungen, die Freude des Publikums – und weshalb der Fussball in den vergangenen Monaten eine wichtige Rolle spielte.

Géraldine Knie, wie geht es Ihnen, nachdem der Circus Knie fast ein halbes Jahr still gestanden hatte – und nun wieder auf Tournee ist?
Es ist das erste Mal in der 101-jährigen Geschichte des Circus Knie, dass der Betrieb so lange ruhte – selbst während des zweiten Weltkrieges war dies nicht der Fall gewesen. Man muss unsere Situation aber relativieren. Die Pandemie ist eine weltweite Tragödie. Jede und jeder ist von ihr betroffen. So gesehen, sollten wir uns nicht zu laut beklagen. 

Trotzdem muss es hart gewesen sein, dass Sie den Betrieb von einem Tag auf den anderen einstellen mussten.
Das war tatsächlich knallhart. Am meisten Sorgen machte ich mir, dass ich irgendwann Leute entlassen müsste. Das hätte ich kaum übers Herz gebracht. Wir haben zu allen Mitarbeitern – vom Zeltarbeiter bis zum Artisten – eine sehr enge Beziehung. Wir beschäftigen Leute, die schon vierzig Jahre bei uns sind, die die Geburt jedes meiner Kinder miterlebt haben. Der Zirkus funktioniert wie eine grosse Familie. Und diese ausserordentliche Situation machte mich fertig. Aber diese Geschichte geht alle Menschen an. Sie lehrt uns, dass wir alle im gleichen Boot sitzen.

Trotzdem – Ihre Situation war extrem. Der Circus Knie hatte das ganze Programm eingespielt, wartete auf die Premiere. Und dann wurde quasi von einem Moment auf den anderen der Stecker rausgezogen…
… und ich hätte das nie für möglich gehalten. Denn ich bin ein optimistischer Mensch. Doch die Realität holte mich ein. Eines Tages kam unser Sicherheitsverantwortlicher Benno Woodtli auf mich zu und sagte mir, dass wir Massnahmen ergreifen sollen – mit Desinfektionsmittel und räumlicher Trennung. Wir hielten die Mannschaftsküche offen, schlossen den Gemeinschaftsraum und wiesen die Mitarbeiter an, in ihren eigenen Wohnwagen zu essen und regulierten den Abstand beim Essenfassen. Aber ich hätte nie gedacht, dass es zum Lockdown kommen würde. Ich kann mich noch genau an den 15. März erinnern. Wir waren am Proben. Dann kam Urs Wehrli (von den Komikern Ursus und Nadeschkin/die Red.) um 11 Uhr in die Manege und sagte mir, dass ab Montag der Lockdown gelte. Wir waren im Hinblick auf die Premiere am 19. März derart fieberhaft beim Proben, dass wir gar nicht daran dachten, dass plötzlich alles abgesagt und verschoben werden könnte. Alles war bereit: die Premiere-Einteilungen, die Ticketlisten. Wir probten noch zwei Tage weiter, aber dann mussten wir einsehen, dass es keinen Sinn macht. So bauten wir das Zelt ab und stornierten alle Vorstellungen.

Und was geschah mit den Artisten?
Die konnten wir ja nicht einfach nach Hause schicken – obwohl wir vertraglich im Falle einer Pandemie auch das ganze Personal hätten freistellen können. Aber das kam für uns nie in Frage. Denn unsere Artisten kommen aus der ganzen Welt: aus Kolumbien, Argentinien, Russland, Frankreich, Spanien, Tschechien, Italien und aus der Ukraine. Im Verwaltungsrat wurde entschieden, dass es nicht unserem Stil entspricht, dass wir die Artisten einfach wegschicken. Wir schauten, dass sie trotzdem einen Lohn erhalten, wir liessen die Küche in Betrieb. Nachträglich konnten wir für das ganze Personal Kurzarbeit beantragen. Die Stadt Rapperswil-Jona kam uns dabei sehr entgegen – und stellte uns den Platz für die Wohnwagen zur Verfügung. So konnten die Artisten bis Mitte August direkt beim Kinderzoo wohnen. 

Wie hielten Sie das Personal bei Laune?
Glücklicherweise stellte uns die Stadt am Abend jeweils das Fussballfeld zur Verfügung. So wurden jeden Tag heisse Spiele ausgetragen, zur grossen Freude von allen – besonders von den Kolumbiern. Die fragten uns irgendwann, was sie der Familie Knie schenken können, um sich zu bedanken. Ich sagte: «Lasst doch bitte, die anderen auch mal gewinnen. Denn mein Mann (Maycol Errani – die Red.) spielt in der gegnerischen Mannschaft.» Leider wollten die Kolumbier davon nichts wissen. Sie sagten: «Alles, aber das nicht.» (Lacht.)

Fussball und Knie haben eine grosse Tradition. Der FC Knie war legendär. Wäre dies nicht der Zeitpunkt, ihn wieder auferstehen zu lassen?
Die Lust wäre eindeutig vorhanden. Aber mein Vater (Fredy Knie jun. – die Red.) hatte schon immer Bedenken, dass sich jemand beim Kicken verletzten könnte. Aber nun, da mein ältester Sohn Ivan Frédéric ebenfalls ein leidenschaftlicher Fussballer ist, könnte es sich vielleicht wieder ändern. Ivan ist die grosse Liebe meines Vaters. Und den Wunsch seines Enkels kann der Grossvater wohl nicht so einfach ausschlagen. 

Wie gingen Sie persönlich mit dem Lockdown um – als Hauptverantwortliche für das ganze Unternehmen?
Zuerst war es ein Riesenschock. Dann kam die Erleichterung, dass in der Familie, im persönlichen Umfeld und im Freundeskreis alle gesund sind. Aber da lag eine Art diffuse Angst in der Luft. Denn wir wussten noch nicht viel über dieses Virus.

Ihr Vater zählt mit 74 Jahren zur sogenannten Risikogruppe…
… mein Vater blieb konsequent zuhause in Wollerau. Nicht einmal Ivan durfte ihn in der ersten Phase besuchen. Vier Wochen hielt er sich ganz vom Zirkus fern. Solange war die Familie noch nie getrennt. Für Menschen, die normalerweise derart viel Zeit miteinander verbringen, war dies eine Ausnahmesituation. 

Gab es einen Moment, als Sie von Existenzängsten geplagt wurden? Schliesslich fehlten von einem Tag auf den anderen jegliche Einnahmen.
Ängste schon, ja, und ich glaube, auch Existenzängste. Schliesslich regelte schon mein Grossvater (Fredy Knie sen.) alles so gut, dass für eine gewisse Zeit Reserven vorhanden sind. Aber die schmelzen dahin wie der Schnee in der Frühlingssonne. Emotional war es eine brutale Achterbahnfahrt. Im vergangenen Jahr noch feierten wir das 100-Jahr-Jubiläum, schwebten quasi neun Monate lang auf Wolke 7, wurden von unserem Publikum gefeiert. Und dann kommt das reine Gegenteil. Es war, als hätte uns jemand mit dem Baseballschläger ins Genick geschlagen. 

Wer hatte im Krisenmanagement die Führung?
Da liegt die Verantwortung bei der ganzen Familie. Jeder vertritt seine eigenen Ansichten, aber am Schluss einigt man sich im Sinn der Sache. 

Liess diese Krisensituation die Familie noch näher zusammenrücken? Man hört, dass Ihr Onkel Rolf Knie wieder stärker einbezogen wird.
Rolf war immer im Verwaltungsrat. Aber es ist richtig, dass er nun wieder ins operative Geschäft involviert ist. Für mich ist das sehr wichtig. Wir haben ein derart wunderbares Unternehmen, dass wir alle am selben Strick ziehen sollen – gerade in so schwierigen Zeiten. Wie gesagt, sitzen wir alle im gleichen Boot. Und wenn es zu einer ernsthaften Krise kommt, erkennt man die wahren Freunde. Oder mit anderen Worten: Familie bleibt Familie. Das Positive an der Krise war, dass Rolf mehr Zeit hatte und wir uns oft sehen konnten. Das habe ich sehr genossen.

Die Krise gibt auch Gelegenheit, alte Strukturen aufzubrechen. Nun spielt ihr an weniger Orten – dafür bis weit in den Dezember. Kann das zukunftsweisend sein?
Durchaus. Das Reisen ist sehr teuer. Da muss man im Hinblick auf die Zukunft sicher bereit sein, die Situation zu überdenken. Schliesslich ist das Publikum auch mobiler als früher – und wir haben eine andere Technik. Aber dieser Prozess ist nicht neu. Früher gastierten wir an 60 Orten – in diesem Jahr wären es noch 32 gewesen. 

Wie erlebten Sie das Publikum nach einer solch langen Zeit ohne Auftritte?
Unsere Tochter Chanel war ganz nervös, dass sie vergessen haben könnte, wie man sich schminkt. (Lacht.) Für mich war es ganz komisch – wie in einem falschen Film. Allein die Umstellung des Tourneeplans war merkwürdig. Die Krise entzog mir Energie. Ich fühlte mich leer. Aber wenn man dann vor Publikum auftreten kann, ändert sich alles. Eine solche Stimmung habe ich noch nie erlebt. Wir haben bei jeder Show Standing Ovations während des Programms. Das gab es zuvor kaum einmal. Die Motorrad-Freestyler reissen das Publikum schon ganz am Anfang von den Sitzen, und Ursus und Nadeschkin sind die grossen Lieblinge. Selbst wenn es für sie besonders schwierig ist, da das Publikum Masken trägt und die Lacher nicht gut zu hören sind.

Spüren Sie die Dankbarkeit des Publikums, dass wieder Unterhaltung geboten wird?
Ja, definitiv. Ich spüre, dass die Präsenz des Circus Knie den Menschen einen Teil der Normalität zurückbringt. Die Zuschauer können zu uns kommen – und für zwei Stunden die Sorgen draussen lassen. So sind wir praktisch jeden Abend ausverkauft – zwar nicht voll, aber «Corona-voll». Weil wir jede zweite Reihe ganz frei lassen, sieht es trotzdem so aus, als sei das Zelt sehr gut besetzt. 

Wie sieht Ihre persönliche Rolle aus? Sie stehen in den grossen Fussstapfen ihres Grossvaters und Vaters – und sind die erste Direktorin in der Geschichte des Nationalcircus.
Die Programmgestaltung mache ich nun schon mehrere Jahre. Und auch wenn mein Vater nicht immer gleicher Meinung war und meine Ideen gelegentlich als herausfordernd wahrnahm, unterstützte er mich immer. Mein Motto lautet: Wer nichts wagt, gewinnt nicht. Aber wenn ich einen Fehler mache, stehe ich dazu. Ich schaue mir jedoch gerne neue Dinge an und probiere auch mal etwas Unerwartetes aus.

Von wem werden Sie beraten?
Mein Mann ist mein wichtigster Berater und meine grösste Unterstützung. Ohne ihn hätte ich die aktuelle Show nie zusammenstellen können. Vor allem, weil er bei der praktischen Umsetzung hilft und selber anpackt. Er ist am Morgen der Erste auf dem Platz – und am Abend der Letzte, der in den Wagen geht. Ausserdem sieht er noch gut aus… (Lacht.) Maycol ist mein Sechser im Lotto. 

Die Knies werden auch als «Royals» der Schweiz bezeichnet. Wie schwierig ist es, diesem Anspruch gerecht zu werden?
Das von den Royals hören wir nicht gerne. Wir sind ganz normale Menschen. 

Aber Sie wurden in eine Welt geboren, in der vieles vorgegeben ist. Und in der ständig Kameras auf Sie gerichtet sind. Störte Sie dies nie?
Nein. Das gehört für mich dazu. Es wäre ja traurig, wenn sich die Öffentlichkeit nicht für uns interessieren würde. Und wir machen das, was wir machen, weil wir es gerne machen. Ich liebe den Zirkus – und ich könnte das Zirkuszelt jeden Tag abküssen. Wir wollen das Publikum glücklich machen. Und da gehören die Medien dazu. Und wir sind bereit, etwas zu bieten. Aber an dieser Stelle darf man den Schweizern auch ein grosses Kompliment machen. Die Menschen in unserem Land sind extrem respektvoll und zurückhaltend.

Hatten Sie nie den Wunsch, einmal aus dem System auszubrechen? Ihre Cousins Gregory und Franco junior waren auch nicht ständig im Zirkus.
Nein. Aber das lag auch daran, dass meine Eltern immer hier geblieben sind. Vielleicht wäre es sonst auch anders rausgekommen. Für mich war das Zirkusleben mein Traum, seit ich denken kann. Und bei Chanel spüre ich dasselbe. Sie ist wie mein «Mini-Me».

Und Sie sind sicher, dass Chanel dies auch so sieht?
Ja, das spüre ich als Mutter ganz deutlich. Sie kann am Morgen nicht früh genug in der Manege sein. Sie will alles und überall. Ich musste sie noch nie daran erinnern, dass jetzt dann Show ist – obwohl sie erst neun Jahre alt ist.

Aber dann darf sie wohl nur am Anfang der Show auftreten – sonst kommt sie nicht rechtzeitig ins Bett…
… auch das kriege ich nicht hin. (Lacht.) Sie will unbedingt beim Finale auch dabei sein. Aber sie kennt die Bedingungen: Die Hausaufgaben müssen erledigt sein – und danach gehts sofort ins Bett. Unser Glück ist auch, dass sie die Zirkusschule besucht. Die beginnt morgens erst um neun Uhr, dauert dafür am Nachmittag länger. Und ich darf hier erwähnen, dass Chanel sehr gut in der Schule ist. Wenn sie keinen Sechser hat, ist sie enttäuscht. Da kann ich ihr noch lange erklären, dass eine Fünf auch nicht schlecht ist.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Dass es mit dem Zirkus so weitergeht wie bisher. Und ich kann Ihnen versprechen: Wir geben alles dafür – und wir machen alles, dass das Publikum jedes Jahr etwas Neues und Überraschendes zu sehen bekommt. Und wenn ich die Reaktionen in diesem Jahre sehe, darf ich sagen, dass es uns gelungen ist. Darauf dürfen wir stolz sein.

Géraldine Knie, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Géraldine Knie

Die Direktorin

Géraldine Knie ist die erste Direktorin in der 101-jährigen Geschichte des Circus Knie. Im Interview erzählt sie, wie sie die schwierigen Monate während der Corona-Krise meistert und wie die Familie dabei näher zusammenrückt.