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Interview

«Eifersucht überfällt einen wie ein Biest»

Das Herz rast, der Schweiss läuft, die Gedanken kreisen – Eifersucht ist ein physischer Ausnahmezustand. Sexual- und Psychotherapeutin Dania Schiftan erklärt im Interview, warum diese Emotion trotzdem nichts Schlechtes sein muss und wie man sie in den Griff kriegt.

10. Februar 2020

Dania Schiftan, der Valentinstag steht an, an dem sich viele Paare wieder ihrer Liebe versichern.

Ich finde diese Erinnerungstage – Geburtstag, Hochzeitstag oder eben Valentinstag – eine schöne Sache. Beschränken sich die Liebesbekundungen allerdings nur auf dieses eine Datum, dann halte ich nicht viel davon … (Pause.) Wissen Sie übrigens, dass mehr Blumen verkauft werden, wenn der Valentinstag auf einen Werktag fällt? Denn dann besorgen sich die Männer zwei Blumensträusse – einen für die Frau und einen für die Geliebte, den sie ihr ins Büro schicken. Am Wochenende ist das aber nicht möglich. Und übrigens nur so als Nebengedanke: Warum sollen es nur die Männer sein, die schenken?

Zwei Blumensträusse für zwei verschiedene Frauen, das kann zu unangenehmen Verwechslungen führen. Womit wir beim Thema wären, über das wir mit Ihnen sprechen wollen: Eifersucht.

Oh gerne, ich mag dieses Thema. Denn Eifersucht wird häufig als etwas Negatives dargestellt. Zu Unrecht. Eifersucht ist ein Gefühl wie jedes andere auch, fühlt sich aber sehr unberechenbar an. Entscheidend ist der Umgang mit ihr. Wie reagiere ich, wenn ich eifersüchtig werde? Schmeisse ich meinem Partner den Teller an den Kopf, kontrolliere ich sein Handy oder fresse ich das in mich hinein? Dann ist Eifersucht tatsächlich bedrohlich. Aber ich kann sie auch als Helferin nehmen, um mich zu hinterfragen: Gibt es Probleme in der Beziehung oder hat es mit mangelndem Selbstwertgefühl zu tun, dass ich mich unsicher und unwohl fühle? Damit kann man arbeiten. 

«Hinter Eifersucht steckt oft die Angst vor Beziehungs- und Kontrollverlust.»

Dania Schiftan

Gehört Eifersucht zu einer gesunden Beziehung?

Eifersucht kommt in jeder Beziehung auf irgendeine Art vor. Aber sie sagt nichts über deren Qualität aus. Wenn sie aber überhandnimmt, muss man das anschauen und auch angehen.

Werden Sie häufig mit diesem Thema konfrontiert?

Ja. Viele Menschen leiden unter der eigenen Eifersucht – oder aber der ihres Partners. Sie klagen, dass sie die Beziehung gefährde und die Lebensqualität einschränke. Wer extrem eifersüchtig ist, hat meist die Erfahrung gemacht, dass er früher oder später die Beziehung verliert. Mit dem aktuellen Partner soll ihm das nicht auch passieren. Und die meisten, die eingeschränkt werden, machen das eine Zeit lang mit, bis sie irgendwann finden: Das Mass ist voll, ich will nicht, dass das so weiter geht, obwohl ich Verständnis für meinen Partner habe.

Wann ist Eifersucht krankhaft?

Das ist schwierig festzulegen. Entscheidend ist, wie sehr die Betroffenen unter ihr leiden. Bei manchen braucht es ganz wenig, damit sie sich eingeschränkt fühlen. Andere akzeptieren eng gesteckte Regeln als selbstverständlich. Das hängt von der eigenen Geschichte und von den bisherigen Beziehungserfahrungen ab. 

Was, wenn der Partner überhaupt nicht eifersüchtig ist?

Es gibt Menschen, die das Gefühl haben: Je eifersüchtiger mein Partner ist, desto mehr liebt er mich. Studien zeigen aber, dass diese Formel nicht aufgeht. Hinter Eifersucht steckt oft die Angst vor Beziehungs- und Kontrollverlust, die man dem anderen als Liebe schmackhaft macht. Dabei geht es um etwas ganz anderes, nämlich um eigene Unsicherheiten.

Eifersucht hat also nichts damit zu tun, wie sich der Partner verhält?

Wenn beide Partner in sich ruhen, kann jeder tun, was er möchte und für richtig hält, ohne gleich befürchten zu müssen, dass der andere austickt. Das geht aber nur, wenn man es versteht, sein eigenes Verhalten zu reflektieren, und man das Vertrauen des anderen nicht enttäuscht. In welcher Beziehungsform man auch immer lebt – Eifersucht kommt vor. Das gibt es bei Paaren, die beide gewünscht monogam leben, aber auch bei Menschen, die in einer offenen Beziehung leben. Schliesslich gibt es noch Paare, die auf alles und jeden eifersüchtig sind. Manchmal ist es fast schon absurd.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich habe Paare bei mir in der Praxis, für die ist es bereits ein Problem, wenn der Partner alleine einkaufen geht. Auch begegnet mir oft, dass Männer eifersüchtig auf die beste Freundin der Frau sind, weil sie zusammen so viel besprechen. 

Es ist also nicht so, dass Männer in heterosexuellen Beziehungen nur auf andere Männer eifersüchtig sind und Frauen nur auf andere Frauen?

Nein, manche sind schon allein darauf eifersüchtig, dass der Partner Freude hat an einem Leben neben der Beziehung. 

Was kann man gegen diese übertriebene Eifersucht tun?

Zuerst muss man lernen zu erkennen, wann so ein Eifersuchtsanfall kommt. Dann geht es darum, ihn beeinflussen zu können und sich nicht davon überwältigen zu lassen. Konkret bedeutet das: erst mal durchatmen, indem man zum Beispiel aufs WC geht. Das ist sozial akzeptiert und ein guter Trick, sich aus einer Situation rauszunehmen. Im Bad kann man dann zum Beispiel am Waschbecken ein paar Liegestütze im Stehen machen. Man gewinnt Abstand, was das Ganze entschärfen kann. Dafür reichen manchmal 30 Sekunden Unterbruch.

Und sonst?

Ich arbeite viel über den Körper. Wo ist meine Atmung? Wo ist meine Mitte? Das kann man sich bewusst machen, indem man den Beckenboden anspannt. Man unterstellt uns Psychologen ja gerne, dass wir über alles reden wollen. Manchmal aber merke ich: Hier gibt es erst mal gar nichts zu besprechen. Zuerst muss man zurück in seinen Körper finden und sich der körperlichen Automatismen bewusst werden, die zu den gängigen Verhaltensmustern führen: Die Gedanken kreisen, man kriegt Herzrasen und Schweissausbrüche.

Eifersucht hat also auch eine stark physische Komponente?

Genau. Eifersucht überfällt einen wirklich wie ein Biest, das sich am Nacken festbeisst. Viele Patienten sagen mir, sie wollen ihre Eifersucht loswerden. Aber das ist nicht das Ziel.

Sondern?

Eifersucht ist wie erläutert nicht nur etwas Negatives, sondern hat auch positiven Seiten. Eifersüchtig zu sein oder die Eifersucht des Partners zu spüren, kann mich achtsamer für mich machen und mir einiges über meine Beziehung beibringen. Es motiviert mich, die Gefühle des anderen wahrzunehmen. Das Ziel ist deshalb nicht, seine Eifersucht loszuwerden, sondern das richtige Haushalten mit diesem Gefühl. Eifersucht ähnelt einer Panikattacke, das Angstzentrum im Gehirn ist hochalarmiert. Das lässt uns in den Kampf- oder Fluchtmodus verfallen, den bereits der Neandertaler erlebte, wenn der Säbelzahntiger hinter ihm lauerte. Sind sich die Menschen bewusst, dass das ein physischer Vorgang ist, haben sie mehr Geduld mit sich und lernen eher, mit ihrer Eifersucht umzugehen.

Ist Eifersucht angeboren?

In einigen Studien heisst es, dass gewisse Verhaltensmuster vererbt, also von Generation zu Generation weitergegeben werden: Etwa, dass man auf gewisse Dinge empfindlicher ist und so mit Angst reagiert. Andererseits kann Eifersucht auch mit schlechten Erfahrungen zu tun haben, die man gemacht hat …

… etwa in der Kindheit?

Zum Beispiel. Geschwister buhlen sehr schnell um die Liebe ihrer Eltern und darum, mindestens so viel Zuwendung zu erhalten. Es die Aufgabe der Eltern, diese Gefühle des Kindes ernst zu nehmen und ihm zu verstehen zu geben: Ich habe deinen Wunsch gehört, ich bin für dich da, und jetzt möchte ich mich gerade um dein Brüderchen oder Schwesterchen kümmern. Auch hier geht es um die sogenannte Emotionsregulation und wie ich auf die Eifersucht meines Kindes eingehe: Lehne ich es in diesem Moment ab und gebe ihm das Gefühl, dass es sich noch mehr um meine Liebe bemühen muss – oder nehme ich es wirklich ernst und bringe ihm bei, wie es sich selber beruhigen kann? Das wäre dann etwas, von dem es auch später profitieren kann, weil es weiss, wie es sich in einer solchen Situation verhalten muss.

Kinder sind oft auch eifersüchtig, wenn es um den besten Freund oder die beste Freundin geht.

Besonders Mädchen gruppieren sich tagtäglich neu: Wer ist jetzt die beste Freundin von wem, und warum geht die gestrige beste Freundin heute mit einer anderen Freundin spielen und nicht mit mir? Da ist es wichtig, dass sie lernen, ihre Gefühle zu regulieren, im Sinne von: Ich kann mit diesem Schmerz umgehen. Morgen ist ein neuer Tag und dann sieht vielleicht alles wieder anders aus.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen, was die Eifersucht anbelangt?

Dieses Thema mündet sehr schnell in Klischees, etwa dass Männer ihrer Eifersucht direkter und lauter Ausdruck verleihen. Oder dass Frauen eher Detektiv spielen, das Handy kontrollieren und immer wissen wollen, wo sich der Partner aufhält. In meiner Praxis mache ich die Erfahrung, dass Männer am ehesten darauf reagieren, wenn ihre Partnerin körperlich begehrt wird. Demgegenüber stören sich Frauen schneller daran, wenn ihr Partner mit einer anderen Frau eine emotionale Ebene findet, also mit ihr über Gefühle oder Privates spricht. Diesen Part möchte sie selber einnehmen.

Macht das Handy es schwieriger, mit der eigenen Eifersucht vernünftig hauszuhalten, wie Sie es vorher gefordert haben?

Ja, ganz klar. Früher verabschiedeten sich die Partner und hörten den ganzen Tag nichts mehr voneinander. Man wusste, dass man sich am Abend wieder sieht. Das ist heute ganz anders. Dank dem Smartphone wissen wir jederzeit, wo er sich aufhält, was er tut oder was ihn gerade berührt, wenn er auf Instagram etwas postet. Er ist also die ganze Zeit online, reagiert aber nicht auf unser SMS. Das reicht bereits, um Misstrauen zu schüren. Eifersüchtige werden noch eifersüchtiger. Es braucht viel mehr Selbstüberwindung, sich und dem Partner den nötigen Abstand zu gewähren.

Vielleicht wollen aber gar nicht alle Paare einen solchen Abstand.

Für diese Paare gibt es bereits den Partner-Chip, den sie sich gegenseitig implantieren lassen können. Damit sie sich sagen können: Wir sind immer miteinander verbunden. Nein, im Ernst. Ich fände es besser, wenn es zurück in die andere Richtung gehen würde: Dass man also nicht ständig online jeden Schritt des Partners verfolgt und wissen will, was er gerade tut. Es braucht wieder mehr Vertrauen, was man übrigens auch lernen kann.

Dania Schiftan, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.