«Für die Jungen ist Corona schlimmer» | Coopzeitung
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Interview

«Für die Jungen ist Corona schlimmer»

Franz Hohler (77) ist zwar auf den Kopf gefallen, aber unvermindert kreativ. Momentan steht bei ihm der «ÖV» im Fokus, aber auch Corona: Im Gespräch erzählt er, warum das Tram einem Welttheater ähnelt und was er von den Corona-Protestlern hält.

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Christoph Kaminski
23. November 2020
Franz Hohler nimmt mit seinen 77 Jahren nichts mehr für selbstverständlich: «Ich versuche jeden Tag zu begrüssen, an dem ich erwache.»

Franz Hohler nimmt mit seinen 77 Jahren nichts mehr für selbstverständlich: «Ich versuche jeden Tag zu begrüssen, an dem ich erwache.»

Franz Hohler, wie geht es Ihnen?

Ist das schon das Interview?

Ja, wir haben begonnen.

(Lange Pause.) Es ist interessant, dass «Wie gehts?» von einer Floskel wieder zu einer wirklichen Frage geworden ist. Und die ist nicht so leicht zu beantworten. Wenn ich sage «Ja, mir gehts gut», dann ist das nur ein Teil der Wahrheit. Heute ist damit meistens «Ich bin nicht positiv getestet» gemeint. Ich kann mich aber nicht aus dem herausnehmen, was ringsherum passiert und fast jeden irgendwie betrifft. Ich präzisiere also: Gesundheitlich gehts mir gut.

Man schämt sich schon fast, es zu sagen …

Muss man nicht. Man darf und sollte sich freuen, wenn es einen selber nicht erwischt hat, aber es ist kein Grund übermütig zu werden.

Die ältere Generation wirkt im Umgang mit dem Virus oft erstaunlich sorglos – oder wie sehen Sie das?

Ich frage mich, ob das wirklich zutrifft. Ich trage beim Einkaufen eine Maske und halte mich auch an die anderen Regeln. Weil uns der Rahm ausgegangen war, wollte ich ihn mir gestern in einem Shop im Bahnhof Oerlikon holen. Obwohl dort momentan nicht mehr als 15 Leute rein dürfen, war er gerammelt voll. So habe ich verzichtet.

Wie erleben Sie die Jungen?

Die sieht man schon mal in grossen Trauben miteinander «pläuschle». Als ich jedoch kürzlich um 16 Uhr an der Kanti vorbeikam und die Schüler aus dem Gebäude strömten, trugen alle Masken. Für die Jungen finde ich Corona schlimmer als für die Älteren, weil die Einschränkungen für sie auf ein Vergnügungsverbot hinauslaufen. Ich weiss noch gut, wie wichtig uns die Klassenfeste waren – Discos gab es damals noch nicht! (Lacht.) Mich dünkt, Menschen im Erwerbsalter sind am vorsichtigsten. Als Grosseltern müssen wir uns jetzt wieder überlegen, ob wir die Enkel noch hüten sollen oder nicht.

Können Sie die aktuellen Massnahmen nachvollziehen?

Wenn man sieht, dass wir bei uns, umgerechnet auf die Bevölkerung, zehn Mal höhere positive Tests haben als unsere Nachbarländer, es aber weniger Einschränkungen gibt, denkt man schon: Oha! Lässt sich mit dem Virus ein gut eidgenössischer Kompromiss schlies- sen? Aber ich bin froh, dass die Schweiz nicht so rigoros handelt wie Deutschland, das etwa die Theater komplett zumacht. Was richtig ist, hängt davon ab, wie gefährlich das Virus ist.

Wie meinen Sie das?

Wenn man der Wissenschaft trauen darf, geht ein Coronavirus um, bei dessen leichterem Krankheitsverlauf man sich fragen kann, ob die einschneidenden Massnahmen gerechtfertigt sind. Ich weiss es nicht. Niemand von uns.

Vielleicht zu unserem Glück ...

Das ist ein interessanter Aspekt der gegenwärtigen Situation, die ich – rein vom Erlebniswert – spannend finde. Wer hätte gedacht, dass plötzlich so viel Grundsätzliches infrage gestellt wird. Man muss sich jeden Tag fragen, wie man leben soll. Genau das, was die Klimajugend im letzten Jahr massiv verlangt hat. Trotzdem sind damals die meisten weiterhin in den Flieger gestiegen. Dann macht es vom einen auf den anderen Tag «paff» – plötzlich geht es doch. Nicht wegen des CO₂-Ausstosses, sondern wegen des Virus.

Wie viel Verständnis bringen Sie für Menschen auf, die gegen die Corona- Massnahmen demonstrieren?

Ich bin der Meinung, dass alles, was jetzt passiert, eine Herausforderung zum Nachdenken ist. Ich spreche den Protestierenden keineswegs ab, dass sie das tun. Es ist legitim, die Anordnungen des Staats nicht einfach hinzunehmen, sondern zu hinterfragen. Aber ohne Masken demonstrieren zu gehen, halte ich für verantwortungslos. Und wenn man zu anderen Schlüssen kommt, wenn man die Gefahr, die offensichtlich vom Virus ausgeht, nicht

verharmlost, ist das ebenso legitim. Und es hat nichts mit Untertanendenken zu tun, wenn man die ergriffenen Massnahmen zur Eindämmung akzeptiert.

Am 27. November ist die Uraufführung Ihres neuen Stücks «ÖV» im Zürcher Bernhard Theater geplant. Findet diese überhaupt statt?

Momentan ist nichts in Stein gemeisselt. Obwohl man überall, wo ich seit dem Ende des Lockdowns als Akteur oder Besucher war, die Schutzkonzepte extrem sorgfältig umgesetzt hat. Ich habe auch gehört, dass aus Theatern und Kinos die wenigsten Ansteckungen gemeldet werden. Theaterleiterin Hanna Scheuring hat sich jedenfalls entschieden, das Stück auch zu spielen, wenn es vor nur 50 Zuschauern möglich sein sollte und es sich finanziell nicht mehr rentiert.

Wovon handelt «ÖV»?

Das Stück besteht aus komödiantischen Szenen, die sich im Zug oder Tram ereignen. Das groteske Bild, das sich uns im ÖV momentan bietet, ist gar nicht mehr zu überbieten, weshalb ich die Szenen ins Fantastische ausufern lasse.

Wie würden Sie die typischen Fahrgäste in diesen Verkehrsmitteln charakterisieren?

Das Tram ist für mich ein Welttheater. Da trifft man einen Querschnitt durch die ganze Bevölkerung. Besoffene und Propheten, Bekiffte und Rocker, Banker und Drögeler. Man sieht alle Hautfarben und hört alle Sprachen. Die Leute im Zug sind weniger kunterbunt. Der Eindruck hat wohl auch damit zu tun, dass ich mir ein Erste-Klasse-GA gönne, seitdem ich mein Auto verkauft habe.

Wo werden Sie öfter angesprochen?

Schon im Zug. Kürzlich erzählte mir jemand, der im Abteil schräg gegenüber sass, dass «Franz und René» zu seinen schönsten Jugenderinnerungen zählen würden. So etwas rührt mich. Als ich einmal aus dem Postauto ausstieg, rief mir jemand nach. «Sind Sie de Franz Hohler gsi?» Ich rief zurück: «Ja, und ich bin es immer noch!»

Ihr Vater wurde 101 Jahre alt. Sie dürfen sich also noch auf viele Jahre freuen!

Man darf nichts als selbstverständlich nehmen. So viele Leute, die ich gekannt habe, sind inzwischen leider verstorben. Oder man hört von Diagnosen, die wie ein Blitz einschlagen. Von daher: Ich erwarte nicht, dass ich auch so alt werde wie mein Vater, und versuche jeden Tag zu begrüssen, an dem ich erwache.

Aber beim Wandern sind Sie schon vorsichtiger, wenn sich Ihnen ein Viehdraht in den Weg stellt?

Woher wissen Sie davon?

Das haben Sie im Interview mit Kurt Aeschbachers Zeitschrift «50plus» erzählt.

Stimmt. Stürze gehören zu den Alterserfahrungen, wo man immer hofft, es passiere einem dabei nichts. Ich spüre die Folgen meines Unfalls leider im Rücken – trotz Physio- therapie, Osteopathie und Akupunktur. Mich beeindruckt dabei, wie die eine Sekunde, in der man einen Fehler macht, monatelang nachwirken kann. Aber ich bin dankbar, dass ich mit meinem Kopf nicht auf einen Stein aufgeschlagen bin, sondern nur eine Platzwunde davongetragen habe.

Franz Hohler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Wortakrobat

Franz Hohler

Franz Hohler, 1943 in Biel BE geboren und in Olten SO aufgewachsen, brach sein Germanistik- und Romanistikstudium nach seinem ersten Soloprogramm ab und avancierte zu einem der namhaftesten Schweizer Schriftsteller, Kabarettisten und Liedermacher. Hohler ist seit 1968 mit der Psychologin und Amnesty-International-Schweiz-Gründerin Ursula Hohler-Nagel (77) verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Im Frühjahr veröffentlichte er das Buch «Fahrplan-mässiger Aufenthalt», das von seinen Beobachtungen auf Reisen handelt. Am 27. November hat sein Stück «ÖV» im Zürcher Bernhard Theater Premiere.