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Interview

«Helfen fühlt sich natürlich an»

Weltverbesserer demonstrieren, recyceln oder verzichten aufs Auto. Dabei ist Ethiker Dominic Roser überzeugt: Kühl und rational betrachtet können wir in der Schweiz auf andere Art viel mehr Gutes tun.

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Daniel Desborough
20. Juli 2020

Dominic Roser

Im Einsatz für die Ethik

Dominic Roser (43) ist Philosoph und Ökonom. An der Universität Freiburg forscht und lehrt er im Bereich Umwelt- und Wirtschaftsethik. Zudem engagiert er sich in der Bewegung für Effektiven Altruismus, welche mit dem zielgerichteten Einsatz von Ressourcen möglichst viel Leid mindern will. Roser ist verheiratet, Vater zweier Söhne (1 und 4) und lebt in Bern.

In den letzten Wochen demonstrierten viele Leute gegen Rassismus. Davor war es der Klimawandel. Sind Demos etwas Gutes?

Klar. Aber die Frage ist nicht, ob Demos etwas Gutes sind. Die Frage ist vielmehr: Sind sie der beste Einsatz meiner Zeit, um gegen Rassismus und Klimawandel zu kämpfen? Wenn bereits genug an der Demo sind, um ein Zeichen zu setzen, kann ich meinen Nachmittag womöglich zielgerichteter einsetzen.

Wie?

Wir Schweizer können auch mit durchschnittlichen Jobs Löhne erreichen, von denen man in anderen Ländern nur träumen kann. Daher ist es etwas vom Wirkungsvollsten, wenn wir arbeiten und das Geld zielgerichtet spenden.

Viele Menschen stehen dem Spenden skeptisch gegenüber. Man weiss nicht, ob das Geld irgendwo versickert oder wirkungslos bleibt.

Es wurden grosse Fortschritte bei der Bewertung von Hilfswerken gemacht. Heute probieren manche Organisationen verschiedene Mittel zur Armutsbekämpfung aus und halten nur an den wirkungsvollsten fest. Die Wirkung einer Spende an so eine Organisation wird massiv unterschätzt, die Wirkung anderer Dinge dafür überschätzt.

«Ich habe Bio gekauft, dafür kann ich nun in die Ferien fliegen.»

Dominic Roser

Zum Beispiel?

Der Effekt von ethischem Konsum, etwa Bio oder Fairtrade, ist nicht immer eindeutig. Und Studien zeigen: Er kann sogar kontraproduktiv sein. Übertrieben gesagt denken wir etwa: Ich habe Bio gekauft, dafür kann ich nun in die Ferien fliegen. Wir buchen im Kopf das Kleine als gute Tat ab und verlieren den Blick für das Grosse. Der Nutzen von Spenden ist viel klarer. Natürlich gibt es Hilfswerke, die nichts leisten. Aber man kann ja an die zwei, drei besten spenden.

Wie findet man diese?

Es gibt etwa das Forschungsinstitut «Give Well». Die zwei Gründer kamen aus der Hedge-Fund-Industrie und wollten ihr Vermögen dort spenden, wo es die grösste Wirkung hat. Sie analysieren die Daten deshalb ganz genau. Ich vertraue sehr auf ihre Methode. Über die Stiftung für Effektiven Altruismus kann man steuerabzugsberechtigt an die empfohlenen Organisationen spenden.

Eine aufwendige Recherche.

Sich jedes Jahr zwei Stunden dafür zu nehmen, ist gut investierte Zeit. Es gibt viele Menschen, die Gutes tun möchten, aber nach ihrem Bauchgefühl handeln. Sie machen, was sich gut anfühlt. Daran ist nichts falsch. Aber würde es sich nicht noch besser anfühlen, wenn man mit dem gleichen Geld nicht nur einem, sondern hundert Kindern hilft? Wenn man ein Auto kauft, vergleicht man Optionen. Sogar vor dem Shampoo-Kauf liest man ein Konsumenten-Magazin. Wieso nicht auch beim Spenden? Dort sind die Unterschiede im Preis-Leistungs-Verhältnis enorm viel grösser.

Kann man wirklich nur spenden, um die Welt besser zu machen?

Nein. Gezielt ausgewählte politische Projekte sind ebenfalls wichtig. Wertvoll ist zudem der Verzicht aufs Fliegen. Und auch wenn ich weder Tierlinarr noch Körnlipicker bin, gibt es eine Form des ethischen Konsums, die erwiesenermassen Positives bewirkt: Wer weniger tierische Produkte isst, tut nicht nur Gutes für Tiere, sondern auch für Klima und Umwelt, Armut und Welthunger.

Es gibt so viele Probleme. Bei welchem soll ich ansetzen?

Am besten beantwortet man drei Fragen. Die erste: Wie viele Menschen sind von einem Problem wie stark betroffen? Zum Beispiel sind Krebs und Tetanus beides grosse Geisseln der Menschheit. Krebs aber betrifft viel mehr Menschen. Die zweite Frage: Wie lösbar ist das Problem? Krebs und Klimawandel treffen viele Menschen sehr hart. Beim Klimawandel aber gibt es klarere Lösungswege. Und die dritte Frage: Wie vernachlässigt ist das Problem? Am Klimawandel arbeiten schon sehr viele Menschen. Hingegen beschäftigen sich, wenigstens bis vor Kurzem, mit Pandemien noch erstaunlich wenige. Am meisten kann ich als Einzelperson bei Problemen ausrichten, die alle drei Kriterien erfüllen: Sie sind gross, lösbar und vernachlässigt.

«Krebs und Klimawandel treffen viele Menschen sehr hart.»

Dominic Roser

Gibt es auch Probleme, die ganz einfach zu lösen wären, aber niemand kümmert sich um sie?

Für Malaria oder Wurmerkrankungen gibt es zum Beispiel sehr einfache Lösungen, die nicht ausgeschöpft werden. Es gibt grobe Schätzungen, dass mit weniger als 3000 Franken für die besten Organisationen ein Leben gerettet werden kann. Ein mittlerer Schweizer Lohn liegt bei über 6000 Franken im Monat. Schon mit dem Dreizehnten kann ich somit zwei Menschenleben retten – jedes Jahr. Das ist doch unglaublich. Mit viel weniger Geld kann man bereits Bildung und Gesundheit ermöglichen.

Möchten wir Menschen das überhaupt oder sind wir Egoisten?

Schon rein evolutionär sind wir keine Egoisten. Altruismus, also Selbstlosigkeit, hat sich für die Menschheit als die beste Überlebensstrategie herausgestellt. In vielen Kontexten fühlt sich Helfen deshalb vollkommen natürlich an. Im Marzilibad in Bern sah ich zum Beispiel einmal ein ertrinkendes Kind. Natürlich habe ich es herausgezogen. Das war selbstverständlich. Die Kunst ist, diese Selbstverständlichkeit auch in anderen Kontexten zu empfinden. Ich könnte vielen Kindern das Leben retten, die nicht direkt neben mir ertrinken. Ich muss dazu bloss einen kleinen Teil meines Lohns spenden.

Wir fühlen uns eben oft nicht betroffen, wenn die schlimmen Ereignisse nicht in unserem Umfeld stattfinden.

Die einen sagen, jede Not, egal wo, betrifft mich gleich stark. Schliesslich zählt jeder Mensch gleich viel. Andere finden es richtig, zuerst im eigenen Umfeld Verantwortung zu übernehmen. Für mich ist es eine Frage des Masses. In einigen armen Ländern gibt es die Krankheit Trachom, die Kinder schrittweise erblinden lässt. Das liesse sich mit 25 Franken verhindern. Wie viel würde ich zahlen, damit mein Kind nicht erblindet? 25 000 Franken auf jeden Fall, wenn nicht viel mehr. Selbst wenn mein Sohn mir alles bedeutet: Ist es wirklich okay, für andere tausend Mal weniger zu tun als für ihn? Viele Leute sind sich nicht bewusst, wie viel mehr sie mit demselben Geld im Ausland bewirken können.

Wir haben auch in der Schweiz bedürftige Menschen. Sollten wir nicht zuerst diesen helfen?

Nein. Natürlich gibt es auch hier bedürftige Menschen und für mich als Ethiker ist völlig klar: Sie verdienen Unterstützung. Das Problem ist: Es gibt fast acht Milliarden Menschen auf der Welt und viele von ihnen hätten Hilfe nötig. Aber mir fehlen die Ressourcen für alle. Und wenn ich schon nicht allen helfen kann, finde ich es falsch, kleine Nöte für wenige gegenüber grossen Nöten für viele zu priorisieren. Ob sie auf dieser oder jener Seite der Landesgrenze leben, ist nicht das entscheidende Kriterium.

Macht man sich für etwas stark, hört man oft: «Haben wir eigentlich keine grösseren Probleme?»

Es ist schade, dass diese Frage meist als Ausweichstrategie genutzt wird. Denn eigentlich ist sie genial.

Wir beschäftigen uns also zu oft mit Luxusproblemen?

Ja. Aber ich will betonen: Luxusprobleme sind auch Probleme. Nur, solange man nicht alle lösen kann, sollte man sich zuerst auf die grösseren konzentrieren. Dazu gehört sicher, dass immer noch über 700 Millionen Menschen in extremer Armut leben. Auch der Klimawandel und unterschätzte Grossrisiken wie absichtlich hergestellte Pandemien, Atomkrieg oder Künstliche Intelligenz sind Riesenprobleme. Zudem verdienen Tiere mehr Aufmerksamkeit. Wir wissen heute, wie stark Tiere Schmerz und Freude empfinden. Im Kanton Luzern gibt es mehr Schweine als Menschen, aber ihre Qual ist nicht sichtbar.

Apropos Pandemie: Corona hat am Anfang grosse Hoffnungen ausgelöst, dass das Virus die Menschheit zusammenführen würde. Zu Recht?

Zwei Sachen haben mich hoffnungsvoll gestimmt. Zum Ersten: Es hat sich gezeigt, dass viele Länder bereit sind, die Wirtschaft im Notfall komplett auf den Kopf zu stellen. Zum Zweiten: Forscher hatten schon lange vor einer Pandemie gewarnt. Nun haben wir gesehen, dass wir stärker auf die Wissenschaft hören sollten. In Sachen Zusammenarbeit bin ich allerdings weniger optimistisch.

Weshalb? Es gingen doch viele junge Leute für ältere einkaufen.

Das war bei uns im Quartier auch so. Das hat mich sehr bewegt. Aber für die grossen Probleme, die wir lösen müssen, ist die Kooperation in der Nachbarschaft nicht relevant, sondern die globale Zusammenarbeit. Und diese wurde durch Corona erschwert. Plötzlich lautet die Devise wieder: Jedes Land für sich. Aber viele Probleme kriegen wir ohne globale Zusammenarbeit nicht in den Griff.

«Plötzlich lautet die Devise wieder: Jedes Land für sich.»

Dominic Roser

Bedeutet Gutes tun immer Verzicht?

Manchmal kommt man um ihn nicht herum, etwa beim Fliegen. Aber allgemein braucht es erstaunlich wenig Verzicht, um ein Weltverbesserer zu sein. Vor allem zeigen psychologische Studien: Wer gibt, ist glücklicher. Es fühlt sich also eher sinnstiftend als nach Verzicht an.

Sollten wir uns auch etwas vom Elend der Welt abgrenzen?

Auf keinen Fall. Ich will mir voll bewusst sein, dass ich nichts dafür kann, auf der Sonnenseite des Lebens geboren zu sein, und mich dafür einsetzen, dass auch andere die Chance auf ein blühendes Leben haben. Entscheidend ist das Wie. Und da gilt, dass wir auf die Dinge fokussieren, die fest einschenken, und uns nicht von anderen Dingen ablenken lassen. Niemand kann sich zu 100 Prozent der Verbesserung der Welt hingeben.

Wie schliessen wir dieses Interview jetzt hoffnungsvoll ab?

Ganz einfach: Wir brauchen nicht am Elend der Welt zu verzweifeln, sondern können auf die unglaublichen Möglichkeiten in unserer Hand schauen. Ich kann mir sagen: Es ist krass, was auf der Welt alles passiert, aber ich kann das verändern. Die extreme Armut etwa hat sich in den letzten 15 Jahren halbiert. Ich will Teil dieser Welle sein, sodass Abgrenzen eines Tages gar nicht mehr nötig ist, weil es kein Elend mehr gibt.

Dominic Roser, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.