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Interview

«Ich mache nicht den Hobby-Naidoo»

Sänger Seven (41) jobbte zu Beginn seiner Karriere als Schuhverkäufer. Heute ist er im Musikbusiness etabliert – und auf TV24 ein Zugpferd.

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Christoph Kaminski
03. Februar 2020

Seven: «Meine Musik heiratet das Publikum und bleibt lange mit ihm zusammen.»

Seven, ich habe gelesen, dass Sie von 9 bis 18 Uhr arbeiten. Aber Sie sind doch Sänger und nicht Beamter!

Auf Tour bin ich auch bis spät in der Nacht auf. Aber im normalen Alltag versuche ich tatsächlich, möglichst geregelt zu arbeiten. Will ich meinen Beruf lange und auf gesunde Art ausüben, ist das absolut sinnvoll. Erst recht mit einer Familie. Ich muss nicht bis tief in die Nacht im Studio sein, um zu voller Kreativität zu finden. Das geht bei mir auch morgens um halb zehn.

Heute haben Sie Erfolg, zu Beginn Ihrer Karriere lebten Sie aber jahrelang am Existenzminimum. Kamen Sie nie an den Punkt, an dem Sie sagten: Das macht alles keinen Sinn?

Nein, nie. Viele Idealisten machen dieselbe Erfahrung. Ich begnügte mich mit wenig, nahm nie einen Kredit auf. Zwei Jahre lang jobbte ich im Jelmoli als Schuhverkäufer. Daneben begann ich Partys zu organisieren, Konzerte und DJs zu vermitteln. Bereits mit 22 machte ich mich selbstständig. Viel Geld brauchst du in diesem Alter nicht. Ich wohnte in einer Einzimmerwohnung und besass als ganzen Stolz ein altes Occasion-Auto.Viel wertvoller aber war, dass ich durch diese Aktivitäten zu Beginn meiner Karriere einen Vorteil hatte: Dank der vielen Kontakte wusste ich sofort, an wen ich mich mit fertiger Musik wenden musste.

2014 stellten Sie einen Fünfjahresplan für Ihre Karriere auf. Fast wie ein Buchhalter.

Ganz so war es nicht. Ich wurde von einem Journalisten gefragt, wo ich in fünf Jahren stehen möchte. Da antwortete ich, dass es schön wäre, wenn wir unabhängig von der Lancierung eines Albums regelmässig an wichtigen Schauplätzen der Musikszene unsere Auftritte haben. Damit nahm ich den Mund ziemlich voll. Aber jetzt, da es aufgegangen ist und so manches Märchen wahr wurde, klingt dieser spontane Fünfjahresplan im Nachhinein natürlich wahnsinnig gescheit. (Lacht.) Deshalb finde ich es gut, dass Sie ihn erwähnt haben.

Gibt es einen neuen Fünfjahresplan?

Nein, denn so perfekt wie in den vergangenen fünf Jahren kann es nicht mehr aufgehen. Der Horizont reicht bis zum nächsten Herbst, wenn wir auf Tour gehen. Wir haben bereits mit dem Vorverkauf begonnen, was heute normal ist. Denn der Markt ist umkämpft, das Angebot an Konzerten total überladen.

Dass Sie so bekannt wurden, reklamieren sowohl die Fantastischen Vier als auch Xavier Naidoo für sich. Wer hat recht?

Beide. Michi Beck von den Fantastischen Vier entdeckte zufällig mein Album und war von ihm angetan. Vom Fleck weg engagierte er mich für die Tour der Rapper, was im ersten Moment merkwürdig anmutet: Das eine ist englischer Gesang, das andere Rap, auf Deutsch vorgetragen. Genau das funktionierte aber wunderbar. Nach einem Auftritt kam Xavier Naidoo backstage zu mir und sagte, dass er mich in der TV-Show «Sing meinen Song» dabei haben will. Diese wurde ein riesiger Erfolg. Die Fantastischen Vier luden mich umgehend auf ihre nächste Tour ein und kündeten mich jedes Mal mit den Worten an: «Diesen Sänger haben übrigens wir entdeckt!»

Sie interpretierten in «Sing meinen Song» den Nena-Hit «99 Luftballons» auf ganz eigene Weise. Wie kam es dazu?

Niemand wollte diesen Hit singen, also griff ich zu. Ich sollte es nicht bereuen. Zwar verkackte ich es beim ersten Mal und musste nochmals anfangen. Aber dann wurde es grossartig. Ich baute meinen ganzen Song um den Refrain herum auf. Jene Sendung blieb bis heute in Bezug auf die Einschaltquoten die erfolgreichste der gesamten Staffel.

In der Schweizer Version «Sing meinen Song – das Schweizer Tauschkonzert» sind Sie der Gastgeber …

… was ich zuerst ablehnte: Ich mache doch nicht den Hobby-Naidoo. Ich dachte, das werde ein müder Abklatsch der deutschen Sendung. Wenn ein Produkt nicht mindestens so gut ist wie das Original, hat es keine Daseinsberechtigung. Am Ende sagte ich zu, aber nur unter der Bedingung, dass ich bei jeder wichtigen Entscheidung mitbestimmen darf und wir Spezialisten aus Deutschland holen, die die Sendung schon mal produziert haben und genau wissen, wo welche Kamera stehen muss. Das wurde akzeptiert.

Brauchen Sie einen grossen Hit?

Meine Antwort besteht ebenfalls aus einer Frage: für was? Wenn du schon kurz nach Karrierestart die grössten Hallen Europas füllen und an Festivals der Hauptact sein willst, dann führt kein Weg daran vorbei. Ein grosser Hit bringt dich in dieser Branche auf die Überholspur. Ich selber finde meine Musik voll den Hit. (Lacht.) Nein, im Ernst. Ich möchte meine Musik nicht nach dem Publikum aussuchen, das würde mich zum reinen Dienstleister machen. Meine Musik sucht sich sein Publikum selber, baut eine Beziehung auf, heiratet es und bleibt lange mit ihm zusammen. Ein einzelner Hit hingegen bleibt vielleicht nur eine Affäre.

Seven, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Ein Aargauer in Luzern

Jan Dettwyler alias Seven

Seven wurde 1978 als Sohn eines Tenors und einer Pianistin in Wohlen AG geboren. Seinen Künstlernamen wählte er, weil die Sieben seine Lieblingszahl ist. Er macht aber auch deshalb Sinn, weil sein richtiger Name Jan Dettwyler besonders im Ausland schwierig zu vermarkten wäre. Der Sänger ist ab 21. Februar auf TV24 Gastgeber der Sendung «Sing meinen Song» – am 28. Februar erscheint sein neues Album «Brandneu». Er hat mit seiner Frau Zahra (35) zwei Kinder und lebt in Luzern.