X

Beliebte Themen

Interview

«Ich verfolge keinen Karriereplan»

Aktuell ermittelt Sarah Spale (39) im Fernsehen wieder als Kriminalkommissarin Rosa Wilder, ab dem 16. Januar vernachlässigt sie im Kino als Drogenabhängige in «Platzspitzbaby» ihre Tochter. «Schön, dass ich so unterschiedliche Rollen spielen darf», sagt die Baslerin.

TEXT
FOTOS
Christoph Kaminski
13. Januar 2020

Eine Baslerin in Zürich: Sarah Spale hätte sich für ihre Rolle als Junkie eine «richtig rotzige Zürischnurre» gewünscht.

Kinotipp

Platzspitzbaby

Gute-Laune-Film geht anders. Doch «Platzspitzbaby» zeigt nicht mehr und nicht weniger als ein Stück Schweizer Geschichte, das unter die Haut geht – auch dank zwei beindruckenden Hauptdarstellerinnen.

Hier gehts zum Blog-Beitrag

Sarah Spale, welche Erinnerungen haben Sie an den Platzspitz?
Keine persönlichen, denn ich bin in Basel aufgewachsen. Dort gab es aber eine kleine offene Szene am Rheinufer, die bekannt war. Wir hatten selbst eine Person im Bekanntenkreis, die relativ jung in die Drogenszene abgestürzt ist. Ich habe erlebt, wie sie auf uns Kinder hätte aufpassen müssen und das an einem Tag dann einfach nicht geschafft hat. Ich traf sie zehn Jahre später wieder, da war ich 19 – mein Leben ging vorwärts, und sie war immer noch am gleichen Punkt wie damals. Das hat mich sehr betroffen gemacht.

Wie kamen Sie zu der Rolle der drogensüchtigen Sandrine?
Regisseur Pierre Monnard fragte mich am Ende des Drehs zu «Wilder 2», ob ich bei «Platzspitzbaby» mitmachen wolle.Es war ein Glück für mich, dass ich ihn schon kannte, denn diese Rolle brauchte viel Vertrauen zum Regisseur. Es ist ein Thema, das mich schon länger beschäftigte. Ich kannte natürlich die Bilder der offenen Drogenszene am Platzspitz. Mich interessierte die Rolle, auch wenn ich grossen Respekt davor hatte.

Wie haben Sie sich vorbereitet?
Ganz unterschiedlich. Zuerst arbeitete ich mit Coach Barbara Fischer körperlich: Wo manifestiert sich der Stress einer Drogensüchtigen? Wie kann ich diesen Stress im Körper so aufbauen, dass ich ihn selbst spüre? Ich habe mir eine mögliche Vergangenheit von Sandrine aufgebaut und mit einem Arzt gesprochen, der damals eine Praxis an der Langstrasse hatte. Ich durfte ehemaligen Drogenabhängigen all meine Fragen stellen. Es kostete mich grosse Überwindung, wildfremde Leute anzurufen und sie über ihre Vergangenheit auszufragen. Aber mir wurden alle Türen geöffnet, das war eine schöne Erfahrung.

Was mussten Sie tun, um so abgekämpft auszusehen?
Meine feine Figur spielte mir da in die Karten. Speziell abnehmen musste ich nicht. Aber es war eine sehr strenge Vorbereitung. Ich hatte Rückenschmerzen vom physischen und psychischen Stress.

Sie selbst sind Mutter eines 5- und eines 9-jährigen Sohnes. Wie war es für Sie, abends nach Hause zu kommen und wieder das Mami zu sein?
Allgemein war es keine unbeschwerte Zeit für mich. Ich habe mich intensiv und ernsthaft vorbereitet. Sandrine hat mich im Alltag begleitet. Einmal träumte ich sogar, dass mir alle Zähne rausfallen. (Lacht.) Aber es ist jetzt nicht so, dass ich zwei Monate in der Rolle der Sandrine blockiert war. Die echte Mutterrolle hilft da, denn die Kinder fordern Präsenz. Da lasse ich mich jeweils gerne von der Familie wieder auf den Boden holen.

Wie erklären Sie ihnen den Unterschied zwischen ihrem Mami und dem Mami auf der Leinwand?
Wenn zum Beispiel Rosa Wilder, die mir äusserlich viel ähnlicher sieht, in eine neue Emotionslage kommt, haben die Kinder Mühe. Wenn Rosa traurig oder gestresst ist, dann ist das komisch für sie – besonders für den Fünfjährigen. Der Grössere ist vor allem an den Geschichten interessiert. «Wilder» war ihm zwar etwas zu gruslig, aber die Geschichte nahm ihn wunder. Bei «Platzspitzbaby» haben wir die Thematik besprochen, soweit sie Interesse daran hatten. Wenn sie Fragen zu meinen Rollen haben, beantworte ich ihnen diese ehrlich.

Das Thema Drogen kam auch schon zur Sprache?
Ja, aber kindgerecht. Vor allem der Grössere wollte wissen, was das denn genau ist. Er blockt dann aber auch altersgerecht ab, wenn es ihm zu viel wird. Mir war es wichtig, kein Tabu aus diesem Thema zu machen.

Back to the Roots

«Tatort» brachte Erfolg

Am 7. Dezember 1980 in Basel geboren, zog es Sarah Spale nach der Matura nach Griechenland. Später begann sie ein Studium in Hildesheim (D), bevor sie eine Schauspielausbildung absolvierte. Den Durchbruch schaffte sie 2013 dank Rollen im Schweizer Tatort «Geburtstagskind» und in der Verfilmung «Nachtzug nach Lissabon». Heute lebt sie mit Mann Philipp Spale (43) und den zwei Söhnen (5 und 9 Jahre) wieder in Basel. 

Die zweite Staffel der Krimiserie «Wilder» läuft ab 7. Januar jeweils dienstags um 20.05 Uhr auf SRF zwei. «Platzspitzbaby» läuft ab 16. Januar im Kino.

Als Eltern ist man nach einem solchen Film besonders sensibilisiert auf die eigene Rolle. Ging Ihnen das als Darstellerin einer brutalen Mutter ebenso?
Bei dieser Rolle musste ich darauf achten, dass ich nahe bei Sandrine bleibe. So erlebte ich den Film aus der Perspektive der drogensüchtigen Mutter. Es war wichtig, dass ich sie gern und für sie Verständnis habe. Das ging so weit, dass ich die Tragik der Geschichte nicht immer gleich empfunden habe. Die Aussenansicht dieser Rohheit und Brutalität liess ich bewusst nicht so an mich heran, sonst wäre ich in ein Dilemma gekommen. Als Zuschauerin aber geht es mir genau gleich wie allen anderen.

Ihre Film-Tochter Luna Mwezi stand zum ersten Mal vor der Kamera – in einer emotional aufwühlenden Rolle. Wie haben Sie die Zwölfjährige erlebt?
Luna und ich haben uns von Anfang an gut verstanden. Wir probten zusammen und konnten so ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Wir haben uns spielerisch an die Beziehung unserer Figuren angenähert und uns auf sie eingelassen. Es war sehr wichtig, dass wir Mia und Sandrine klar von Luna und Sarah abgrenzten. Ich war beeindruckt von Luna. Sie arbeitet sehr professionell, gibt sich in das Drama von Mia hinein, ohne die Leichtigkeit von Luna zu verlieren.

Wie gross war die Umstellung von «Wilder» zu «Platzspitzbaby», von Krimi zu Drama, von der Kommissarin zum Junkie?
Es lagen fünf Monate dazwischen. Aber es ist super, wenn man nach einer Rolle in eine komplett andere Richtung arbeiten darf. Ich verstehe das nicht als Transfer von einer zur nächsten Rolle, sondern gehe erst zu mir zurück, bevor ich mich mit der neuen Figur auseinandersetze. Für mich war klar, dass es für eine Sandrine ganz andere Dinge braucht als für eine Rosa. Bei beiden Rollen bereite ich mich auch physisch vor – Rosa braucht Stärke und etwas Muskulöses.

Sarah Spale spielt die drogensüchtige Mutter von Mia (Luna Mwezi, 12, rechts).

Auch für die Karriere ist es sicher von Vorteil, wenn man nicht auf ein Genre abonniert ist.
Logisch ist das toll für die Karriere, wenn man nicht nur auf eine Rolle gemünzt ist. Aber ich denke nicht so. Ich verfolge keinen Karriereplan. Das ist auch gar nicht möglich, denn ich werde ja für Rollen angefragt und bin einfach froh, wenn es so funktioniert.

Für Rosa Wilder mussten Sie Berndeutsch reden, als Sandrine durften Sie bei Ihrem Mutter-Dialekt Baseldeutsch bleiben. War Zürichdeutsch nie ein Thema?
Nicht wirklich. Manchmal hätte ich mir so eine richtig rotzige «Zürischnurre» gewünscht, aber ich wollte mich wirklich auf die Rolle konzentrieren und nicht auf den Dialekt.

Buchautorin Michelle Halbheer sagt, der Film soll wie ihr Buch ein Drama sein, aber nicht deprimieren. Finden Sie, das ist gelungen?
Ich finde schon, dass man aus dem Film die Hoffnung mitnimmt, dass man trotz allem seinen Weg finden kann. Das unglaublich Deprimierende an der Drogensucht ist die Ohnmacht, dass man diesen Leuten in dem Moment nicht helfen kann. Dass es dieses «Dann hör doch einfach auf» nicht gibt. Ich habe aber auch Leute getroffen, bei denen es eben doch geklappt hat. Daraus schöpfe ich die Hoffnung: Dass man wieder zu dem Menschen werden kann, dessen Persönlichkeit durch die Drogen vollkommen überdeckt wurde.

Sarah Spale, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.