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Interview

«Ich wollte immer das Sagen haben»

Heliane Canepa (72), mehrfach preisgekrönte Managerin, ist immer noch schwer beschäftigt. Im Interview erzählt sie von ihrem neuen Hündchen Chilla, warum sie Frauenquoten in den Führungsetagen für richtig hält, und wie sie die Muskeln ihres Gatten schwer beeindruckten.

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Markus Lamprecht
29. Mai 2020
Heliane Canepa mit ihren beiden Schäferhunden Kookie und Chilla: «Hunde sind sehr anhänglich. Die wollen alles mit dir teilen, sogar am Abend mit dir fernsehen.»

Heliane Canepa mit ihren beiden Schäferhunden Kookie und Chilla: «Hunde sind sehr anhänglich. Die wollen alles mit dir teilen, sogar am Abend mit dir fernsehen.»

Chilla ist ein kleines Hündchen, aber für Heliane Canepa ein Grossprojekt. Die erfolgreiche Managerin, VR-Delegierte des FC Zürich und Gattin von dessen Präsident Ancillo Canepa (67), richtet derzeit ihren Tagesablauf ganz nach dem 13 Wochen alten Welpen aus. Das gilt auch für dieses Interview: «Kurz nach Mittag wäre gut, dann schläft sie meistens.» Am Tag des Telefongesprächs jedoch nicht: «Chilla wuselt im Büro herum, aber ich habe sie im Griff. Wir können loslegen.»

Heliane Canepa, warum ein zweiter Schäferhund?

Unsere Kookie ist elf Jahre alt und kommt langsam ins Alter. Von Chilla als Gspänli erhoffen wir uns frische Lebensgeister für sie. Bis jetzt durfte sie ja als verwöhnte «Einzelhündin» aufwachsen. Jetzt hat Kookie eine Aufgabe erhalten, denn sie muss uns bei der Erziehung von Chilla aktiv mithelfen.

Woher rührt Ihre Begeisterung für Hunde?

Wir hatten Katzen und Fische, aber eigentlich wollte ich immer einen Hund – schon von klein auf. Für einen Hund musst du dir Zeit nehmen, er ist viel anhänglicher als eine Katze. Der will alles mit dir teilen, sogar am Abend mit dir fernsehen. Während meines Berufslebens war das nicht möglich, weil ich oft lange überall auf der Welt unterwegs war. Einen Hundesitter wollte ich nicht. Also wartete ich, bis ich kürzertreten konnte. Als dies dann der Fall war, erfüllte ich mir mit Kookie meinen Traum. Sie ist gut erzogen und noch nie weggelaufen ...

… ausser einmal an einem Heimspiel des FCZ, als sie Ihrem Mann in der Tiefgarage des Letzigrund ausbüxte und Richtung Spielfeld rannte.

Ich hörte oben auf der Tribüne die Südkurve grölen, bis ich Kookie entdeckte. Hoffentlich rennt sie nicht aufs Spielfeld, dachte ich, sonst verlieren wir die Partie forfait. Aber unsere Erziehung wirkte. Sie wusste, dass sie die weisse Linie nicht überqueren darf, marschierte an der Trainerbank vorbei und verschwand im Spielereingang.

Wie haben Sie die letzten Wochen mit Corona erlebt?

Wir persönlich haben es zu Hause gar nicht als so schlimm erlebt. Vielleicht weil wir die gemeinsame Zeit heute umso mehr schätzen und geniessen. Als wir beide Karriere machten, lebten wir eine Art Wochenendbeziehung. Jeder gab sich voll seinem Beruf hin. Das geht, wenn du keine Kinder hast.

Wie macht man Karriere?

Es gibt kein Rezept dafür, auch nicht für eine gute Ehe. Bei mir war es so, dass wir fünf Kinder zu Hause waren, meine Eltern aber immer mir den Schlüssel in die Hand drückten, wenn sie ausgingen. Ich bewies offenbar schon früh Führungsqualitäten, war mit 16 Jungschar-Führerin und auch da sehr ehrgeizig. Ich wollte immer das Sagen haben, gleichzeitig verstand ich es aber auch, die Menschen zu motivieren und sie davon zu überzeugen, dass wir die Nummer eins werden können. Und natürlich arbeitete ich auch hart und viel. Ich gehörte nicht zu jenen, die morgens um neun Uhr mit dem Tennisschläger in der Tasche ins Büro eintrudelten. (Lacht.) Aber weil ich meinen Job liebte, machte es mir nichts aus.

Ich habe gelesen, dass Sie Ihre Kaderleute frühmorgens zum Jogging antraben liessen.

Nein, sie mussten nicht, sondern sie durften. Ich brauchte das Joggen: Immer morgens um fünf Uhr rannte ich los. Ein Arbeitskollege fragte mich dann, ob er mitlaufen dürfe. Ich war einverstanden – unter der Bedingung, dass wir über alles, nur nicht übers Geschäft reden. Mit der Zeit kamen immer mehr, so lernte ich meine Leute viel besser, weil von einer anderen Seite kennen. Während der Arbeitszeit hat man keine Zeit dafür. Wir liefen dann sogar an Halbmarathons mit. Obwohl es vor allem Spass machen sollte, wollten natürlich alle schneller als die Canepa sein. Meine Bestzeit lag bei zwei Stunden und neun Minuten für rund 21 Kilometer. Da war ich schon über 50.

Die Führungsetagen in den Unternehmen werden weiterhin von Männern dominiert. Braucht es deshalb Frauenquoten?

Ich war früher dagegen, habe aber meine Meinung inzwischen geändert. Weil ich einsehen musste, dass es wahrscheinlich nur so funktioniert. Gerade in den Verwaltungsräten. Die Frauen, die es in diese Gremien schaffen, müssen wirklich wahnsinnig gut sein. Bei den Männern hingegen reicht es bereits, wenn sie durchschnittlich sind. Eine Quote kann dazu beitragen, dass sich das ändert.

«Ich war früher gegen eine Frauenquote, habe aber meine Meinung inzwischen geändert.»

Heliane Canepa

Im Fussball sind die Frauen erst recht untervertreten.

Dort hinkt man zehn Jahre hinterher. Als ich beim FCZ die Geschäftsführung übernahm, wurde ich kritisch beäugt. Dabei ist alles lernbar. Bei anderen Unternehmen musste ich mich auch erst ins Thema einarbeiten. Überall gelang es, nur beim Fussball traute man mir es nicht zu: Einfach weil ich eine Frau bin – und Frauen, so denken immer noch viele, verstehen nichts von Fussball.

Bei Ihnen ist das Gegenteil der Fall.

Als ich meinen Mann kennenlernte, lud er mich zu einem Fussballmatch von ihm ein. Ich achtete zuerst nur auf seine Muskeln, merkte aber schnell, dass ich mich auch für das Spiel interessieren muss. Seine Trainer beim FC Rüti erklärten mir dann die Regeln. Als er in Bern die Fourierschule absolvierte, bat er mich, ihm genau zu berichten, was an der Fussball-EM ablief. Es gab damals keine Handys. Also notierte ich mir vor dem Fernseher die Torschützen, die Passgeber und vieles mehr. Am Abend wartete er in der Telefonkabine auf meinen Spielbericht. Wie heisst es doch so schön: Für die Liebe machen Sie alles, aber mit der Zeit hatte ich selber grossen Spass an diesem Spiel.

Was bedeutet die Corona-Krise für den Fussball?

Es ist eine schlimme Zeit. Aber ich sage immer: Was uns nicht umbringt, macht uns umso stärker. Beim FC Zürich freue ich mich über die grosse Solidarität vonseiten der Mitarbeiter und der Spieler. Alle, auch unsere Fans und Geschäftspartner, zeigen in der Not ihr FCZ-Herz.

Heliane Canepa, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Heliane Canepa

Markenzeichen: rote Haare

Heliane Canepa, 1948 in Dornbirn (Ö) geboren, wurde zweimal zur Schweizer Unternehmerin des Jahres gewählt; unter anderem war sie von 2001 bis 2007 CEO des weltgrössten Zahnimplantate-Herstellers Nobel Biocare. Heute ist sie VR-Delegierte des FC Zürich, den ihr Mann präsidiert. Regelmässig bringt sie ihre Meinung ein. «Es wurden schon Spieler nicht verpflichtet, weil ich menschlich nicht von ihnen überzeugt war.» Ihr Markenzeichen sind die roten Haare. Diese musste sie wegen Corona zum ersten Mal selber färben. «Ich hatte grossen Bammel davor und las 20-mal die Gebrauchsanweisung.» Das Resultat kann sich sehen lassen.